Gesundheit : Theater in Brasilien und Fische im Victoriasee

JOSEFINE JANERT

Serie Praktika (2): Mit dem ASA-Programm in ein Entwicklungsland / Über den eigenen Tellerrand hinausschauenVON JOSEFINE JANERTEin Praktikum im Regenwald oder am Kap der Guten Hoffnung? Daß Hochschulabsolventen Auslandserfahrungen mitbringen, ist heutzutage fast selbstverständlich.Doch ein Arbeits- und Studienaufenthalt in einem Entwicklungsland ist nach wie vor etwas Exotisches.In der Ferne sammelt man nicht nur Pluspunkte für zukünftige Bewerbungen, sondern schaut vor allem über den eigenen Tellerrand hinaus und lernt eine fremde Lebenswelt kennen. ASA-Projekte sind deshalb besonders begehrt.Jedes Jahr reisen rund 140 Studenten und 40 Berufstätige in die Dritte Welt, um dort drei bis sechs Monate an Projekten teilzunehmen und Berufserfahrungen zu sammeln.Sie erhalten ein Stipendium.Die Abkürzung ASA steht für "Arbeits- und Studienaufenthalte in Afrika, Asien und Lateinamerika". Wivian Weller war mit ASA in El Salvador.Gemeinsam mit einer anderen Studentin gestaltete die Erziehungswissenschaftlerin dort ein Studienprojekt über die Alphabetisierung von Erwachsenen."Sie haben einen anderen Zugang zur Schrift als Kinder, weil sie über mehr Lebenserfahrungen verfügen", sagt sie."Erwachsene wissen bereits, welchen Bus sie nehmen müssen und können Geldscheine identifizieren." Wivian fuhr durch die salvadorianische Provinz Usulután und blieb jeweils eine Woche in einer Dorfkooperative.Sie war bei Familien oder in den Gebäuden von Basisorganisationen untergebracht und bekam schnell Kontakte zu Einheimischen. Während des jahrelangen Krieges war in Usulután der Schulbetrieb ganz unterbrochen gewesen oder von Laien fortgeführt worden.Nach dem Friedensvertrag von 1992 sollten diese Laien zu Lehrern ausgebildet werden.Wivian hospitierte bei ihrer Weiterbildung und beim Unterricht der Dorfbevölkerung.Erfahrungen mit der Alphabetisierung Erwachsener hatte sie schon in Deutschland, aber auch in Brasilien gesammelt, wo sie geboren und aufgewachsen ist. In diesem Jahr beteiligen sich ASA-Teilnehmer zum Beispiel an einem Projekt zum Schutz bedrohter Fischarten im tansanischen Victoriasee, sie lernen die Jugendsozialarbeit in Papua Neuguinea und ein Bildungszentrum in Brasilien kennen, wo Kinder und Jugendliche Theater spielen.Das ASA-Programm steht Studenten aller Fachrichtungen offen, die sich für Entwicklungspolitik interessieren und über gute Sprachkenntnisse verfügen. Die Frage, ob das ASA-Projekt als Praktikum anerkannt wird, müssen sie selbst mit ihrer Hochschule klären.Jeweils im Oktober erscheint der neue Programmkatalog, in dem die Projekte für das nächste Jahr ausgeschrieben sind.In ihrer Bewerbung sollen die Interessenten schildern, wie sie sich ihre Mitarbeit vorstellen.Bewerbungsschluß ist der 10.November.Vor Ort arbeiten sie mit einheimischen Partnern zusammen, die das jeweilige ASA-Projekt selbst vorgeschlagen oder ihre Einwilligung gegeben haben. Wivian Weller kooperierte mit einer Basisorganisation, die sich in El Salvador für die Erwachsenenbildung engagiert.Inzwischen hat sie ihr Studium abgeschlossen und ist ehrenamtliche Tutorin für Brasilien, bereitet also ASA-Teilnehmer auf ihr Studienprojekt in dem lateinamerikanischen Land vor.Die Auseinandersetzung mit den Arbeits- und Lebensbedingungen des Gastlandes ist wichtig, damit die Stipendiaten dort zurechtkommen und den einheimischen Partnern von Nutzen sind. Während ihres Aufenthaltes in Entwicklungsländern werden die ASA-Teilnehmer mitunter mit unvorhersehbaren Situationen und Konflikten konfrontiert."Sie müssen sich auf einen anderen Arbeitsrhythmus und ein anderes Zeitverständnis einstellen", sagt Peter Müller-Rockstroh, der Leiter des ASA-Programms.Manche Projekte finden anders statt als ursprünglich geplant, weil den Partnern Geld fehlt oder die Voraussetzungen sich geändert haben. Viele Stipendiaten verwerten ihre ASA-Erfahrungen in der Magister- oder Diplomarbeit.Wer jedoch allzusehr auf seinen etablierten europäischen Untersuchungsmethoden beharrt, kann scheitern.Ein Beispiel: Sozialwissenschaftler, die mit einem standardisierten Fragebogen in ein lateinamerikanisches Elendsviertel gehen und erwarten, daß sie sogleich zehn willige Teilnehmer finden, werden wahrscheinlich bald eines Besseren belehrt."Wir empfehlen den Stipendiaten, daß sie statt dreißig Interviews lieber drei intensive Gespräche führen", sagt Peter Müller-Rockstroh."Sie müssen bereit sein, ihre eigenen Ansprüche zurückzustecken." Viele ehemalige ASA-Teilnehmer suchen sich später eine Arbeit in der Entwicklungshilfe.Auch Oliver Beckmann kann sich seine berufliche Zukunft so vorstellen.Der Jurastudent reiste gemeinsam mit einem Politologen und einem Volkswirtschaftler nach Südafrika, um dort die Auswirkungen von Landreformen zu untersuchen.1994 war in Südafrika ein Gesetz erlassen worden, nach dem der Boden, der während der Apartheid-Zeit widerrechtlich enteignet wurde, an den ursprünglichen Besitzer rückübertragen werden sollte.Beckmann untersuchte, welches Verhältnis die Afrikaner traditionell zu ihrem Land haben, was Rückübertragung also für sie bedeutet."Für sie ist zum Beispiel wichtig, daß ihre Vorfahren dort begraben wurden und daß ihr Stamm schon immer dort gelebt hat." Noch bevor er ins Flugzeug gen Süden stieg, reisten drei südafrikanische Studenten ihrerseits durch die neuen Bundesländer, um dort die Folgen der Rückübertragungen von Land zu untersuchen.Sie besuchten landwirtschaftliche Betriebe und interviewten Betroffene.Diese Form der Kooperation, bei der der Auslandsaufenthalt einiger ASA-Teilnehmer durch einen Gegenbesuch ergänzt wird, gibt es seit zwei Jahren.Während ihres Besuches werden die Projektpartner aus der Dritten Welt von den hiesigen Stipendiaten betreut.Über den eigenen Tellerrand hinausschauen, heißt bei ASA auch, die Sicht von Fremden auf das eigene Land kennenzulernen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben