Gesundheit : "Theatrum scientiae et artis": Wissenschaftshistorisches Museum auf Probe

Frau Doktor Weber[vom Sonntag an werden ausgew&au]

Cornelia Weber vom Hermann-von-Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik der Humboldt-Universität koordiniert das Projekt zur Erschließung der HU-Sammlungen. Sie ist für das Gesamt-Management der Ausstellung "Theatrum scientiae et artis - Wunderkammern des Wissens" im Gropiusbau verantwortlich. Die Eröffnung findet am Sonntag statt. Zu sehen sind unter vielem anderen auch alte zoologische Lehrtafeln, und im Lichthof des Gebäudes finden Vorträge und Lesungen statt.



Frau Doktor Weber, vom Sonntag an werden ausgewählte Stücke aus den Sammlungen der Humboldt-Universität im Gropiusbau gezeigt. Ist diese Ausstellung für Sie nun der Endpunkt des Erschließungsprojektes, der Höhepunkt oder vielleicht erst der Anfang?

Für mich ist die Ausstellung zunächst einmal ein Höhepunkt, aber keinesfalls der Endpunkt. Wir hoffen alle, dass sie der notwendigen Erschließung der HU-Sammlungen weiteren Auftrieb gibt, wie es sich jetzt schon abzeichnet.

Woran erkennen Sie das?

Die Verantwortlichen für die einzelnen Sammlungen bis hin zu den am Projekt beteiligten studentischen Hilfskräften sind mit Begeisterung dabei. Die gemeinsame Arbeit bietet über alle Fächergrenzen und Statusgruppen hinweg ein großes Identifikationspotential für die "Humboldtianer". Und viele Objekte konnten erst jetzt, mit den Mitteln für die Ausstellung, restauriert werden.

Ist die Bestandsaufnahme der Sammlungen jetzt eigentlich beendet?

Nein, sie geht weiter. Auch die Ringvorlesung über die Sammlungen, über die Sie im Tagesspiegel ja mehrfach berichteten, wird jetzt im fünften Semester fortgesetzt, diesmal aber im Lichthof des Gropiusbaus, mitten in der Ausstellung.

Wieviele Sammlungen haben Sie aufgespürt?

Etwa 100, die verloren gegangenen eingeschlossen. Die Wenigsten sind bisher zugänglich, manche zu regulären Öffnungszeiten, andere auf Anfrage. Für die Ausstellung wurden 1100 Objekte aus knapp zwei Dritteln aller noch existierenden Sammlungen ausgewählt. Insgesamt enthalten sie schätzungsweise dreißig Millionen Objekte, aber da ist jeder Kristall und jeder Schmetterling im Museum für Naturkunde mitgezählt, das ja zur Humboldt-Universität gehört.

In einem Vorhaben, das von der Volkswagen-Stiftung gesponsert wurde, sollten drei sehr unterschiedliche Sammlungen elektronisch erfasst werden. Ist dies inzwischen geschehen und wie stehen die Chancen, nach und nach alle HU-Sammlungen in diese multimediale Datenbank aufzunehmen?

Nachdem jetzt die Präparatesammlung aus dem Berliner Medizinhistorischen Museum, die Porträts Berliner Hochschullehrer und das Lautarchiv digital erschlossen sind, haben wir einen Folgeantrag gestellt und hoffen, das Projekt fortführen zu können. Unser Ziel ist es, die Objekte miteinander in Verbindung zu bringen.

Der Computer ersetzt das Gedächtnis der Universalgelehrten früherer Zeiten.

Rudolf Virchow zum Beispiel hat sich ja nicht nur mit Medizin, sondern unter anderem auch mit Anthropologie, mit Vor- und Frühgeschichte, Archäologie und Sozialpolitik befasst - und er war ein großer Sammler. Alles, was mit Virchow zu tun hat, einschließlich der Porträts, Korrespondenzen und überlieferten Vorlesungsmitschriften, ließe sich mit Hilfe einer solchen Datenbank leicht verknüpfen und veranschaulichen.

Eine Art "Imaginäres Museum", wie Malraux es einst entwarf?

Wir streben mit unserem digitalen Museum etwas Ähnliches an. Denn nur so ist es möglich, alle Sammlungen zusammenzuführen. Die alte Berliner Universität verwahrte ihre einstigen Bestände im Hauptgebäude, bis es aus allen Nähten platzte. Für die Natur-Objekte baute man dann das Museum für Naturkunde. Auch das Botanische Museum samt Garten gehörte früher zur alten Berliner Universität. Einige der geisteswissenschaftlichen Kollektionen befinden sich in der Universitätsbibliothek, zum Beispiel die Autographen oder die Flugblätter.

Anderes aber ist weit verstreut. Allein die Charité besitzt ja 18 Sammlungen.

Ja, und vieles wird noch heute als Lehrmaterial genutzt, zum Beispiel diese alten, ästhetisch sehr reizvollen Farbtafeln der Zoologischen Lehrsammlung im Institut für Biologie, vor denen wir gerade stehen.

Ein reales Wissenschaftsmuseum, das die zum Teil noch verborgenen Schätze vereinen könnte, ist also gar nicht denkbar?

Das ist unser Traum. Ein wissenschaftshistorisches Museum würde die Museumslandschaft hier in Berlin-Mitte sehr gut ergänzen. Man könnte mit ausgewählten Stücken aus den Sammlungen Wissenschaftsgeschichte anschaulich vermitteln.

Hier im Erdgeschoss des Gropiusbaus stammen etwa zwei Drittel der Objekte aus Naturwissenschaft und Medizin. Spiegelt das die Realität?

Ja, an der HU dominieren diese Kollektionen, ungeachtet etwa der höchst bemerkenswerten archäologischen Objekte oder der erwähnten Bestände in der Universitätsbibliothek.

Wie werden die Sammlungsstücke dargeboten?

Wir wollen den Objekten Raum zum Atmen geben, und jedes soll gleichermaßen zur Geltung kommen. Die Inszenierung tritt dabei ganz in den Hintergrund.

Wie viel Geld steht für die Ausstellung bereit und woher kommt es?

Viereinhalb Millionen Mark hat uns dankenswerter Weise die Stiftung Deutsche Klassenlotterie zur Verfügung gestellt. Dazu kommen noch einige andere Sponsoren und sehr viele Stunden ehrenamtlicher Arbeit. Und einen Katalog konnten wir auch noch machen. Nicht nur ein "Begleitbuch", sondern einen richtigen Katalog, der diesen Namen verdient. Er ist zweibändig: Ein Essayband zur Geschichte der Sammlungen und ein echter Katalogband, der alle Stücke beschreibt und viele davon auch abbildet.

Hat eigentlich die Berliner Initiative zur Erschließung der HU-Sammlungen schon auf andere Universitäten übergegriffen?

Ja - die Universität Halle hat ein Projekt initiiert, an dem sich zehn europäische Unis beteiligen, ein Netzwerk namens "Academie Heritage and Universities". Beteiligt sind etwa Utrecht, London, Cambridge, Oxford, Uppsala, Bologna und natürlich Berlin, wo gerade ein Treffen war. Wir wollen Erfahrungen austauschen - die Sammlungsleiter sind ja häufig keine Kustoden, sondern machen das so nebenbei. Wir werden eine gemeinsame Datenbank aufbauen, Workshops veranstalten, unsere Sammlungen der Öffentlichkeit bekannt machen und Wanderausstellungen anbieten.

Und wer bezahlt das alles?

Gerade in diesen Tagen hat die Europäische Union Geld für unser Projekt bewilligt, und zwar im Rahmen ihres Programms "Culture 2000". Die meisten dieser Universitätssammlungen sind bisher gar nicht so recht wahrgenommen worden. Das soll sich jetzt ändern!

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