Gesundheit : Therapeuten, die zu Hause klingeln

Adelheid Müller-Lissner

Manchen Familien, mit denen die Jugendämter zu tun haben, fehlt der Antrieb, von sich aus Hilfe zu suchen. Die Belastungen der Eltern durch geringes Einkommen, traumatische Kindheitserlebnisse, Wohnungs-, Beschäftigungs-, Paar- und Alkoholprobleme sind einfach zu groß. Andererseits hat das Jugendamt gerade in solchen Fällen die gesetzliche Aufgabe, den Familien Hilfsangebote zu machen. Dann kann eine Familientherapie helfen, für die die Therapeuten zu den Familien nach Hause kommen.

„Die aufsuchende Familientherapie ist ein Angebot für Multiproblemfamilien, die bisher oft als nicht therapiefähig galten“, sagte die Berliner Psychologin und Pädagogin Marie-Luise Conen beim Europäischen Kongress für Familientherapie, zu dem 3500 Psychologen, Sozialarbeiter und Pädagogen ins Berliner ICC kamen. Veranstalter war der Europäische Verband für Systemische Therapie und Familientherapie.

„Man kann dabei ansetzen, der Familie zu zeigen, dass sie mit ihrem problematischen Verhalten bereits versucht, ein Problem zu lösen“, erklärte Conen. So könne es zum Beispiel sein, dass Eltern ihr Kind schlagen, um zu erreichen, dass es endlich auf sie hört. Im häuslichen Umfeld sind solche Strukturen oft leichter zu erkennen als am neutralen und zugleich einschüchternden Ort einer Praxis oder Beratungsstelle.

Doch gerade bei solchen Hausbesuchen kann es wichtig sein, dass die Therapeuten zu zweit kommen – schon um die Außenperspektive auf die Probleme beibehalten zu können. Sonst ist es schwer, sich der Sogwirkung der Familie zu entziehen. Beide Therapeuten sprechen während der häuslichen Sitzungen offen aus, was ihnen durch den Kopf geht. Denn die Familien sollen nicht nur mit den fertigen Resultaten dessen konfrontiert werden, was die Profis von ihnen denken.

Conen plädierte dafür, selbst Störungen zu respektieren, statt darauf zu bestehen, dass sie abgestellt werden. „Man kann es sogar nutzen, wenn der Fernseher läuft. Ich kenne Kollegen, die kommen immer, wenn ,Gute Zeiten, schlechte Zeiten’ läuft.“

Um alle Beteiligten an einen Tisch zu bringen, muss allerdings notfalls auch Druck ausgeübt werden. Denn die Sitzungen sind oft eine Auflage des Jugendamts. Wenn die Therapeuten sich als ungebetene Gäste fühlen und die Ablehnung der Familie deutlich zu spüren bekommen, ist auch das ein guter Ansatz für ein Gespräch, nach dem Motto: „Wie können wir Ihnen helfen, uns wieder loszuwerden?“ Vielleicht kann der Familientherapeut den Eltern im konkreten Fall auch helfen, eine Heimeinweisung ihres Kindes zu vermeiden.

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