Gesundheit : Therapie als Roulette

Brustkrebs ist die häufigste bösartige Erkrankung bei Frauen. Eine Patientin auf Behandlungssuche

Sylvia Zacharias

Petra Krom (Name geändert) war gerade 60 geworden. Einige Tage nach ihrem Geburtstag stellte der Radiologe einen kleinen, bösartigen Knoten in der rechten Brust fest. Er empfahl ihr, sich unverzüglich in ein Brustzentrum zu begeben. „Kein großer Eingriff“, sagte man ihr dort, und versprach, sie „Brust erhaltend“ zu operieren. „Danach habe ich erst einmal meine Ruhe“, glaubte Krom und tröstete sich mit der Aussicht, anschließend eine schöne Reise zu machen.

„Metastasen, also Tochtergeschwülste konnten bei Ihnen nicht festgestellt werden“, sagte der Arzt einige Tage nach der Operation. „Es ist jedoch nicht auszuschließen, dass Kleinst- oder Mikrometastasen im Körper vorhanden sind.“ Krebsableger unterhalb einer Größe von 0,5 Zentimeter sind mit keiner derzeitigen Technik zu orten. Dabei handelt es sich nicht um einzelne bösartige Zellen. Mit ihnen können die Reparatursysteme des Körpers gut fertig werden. Schwieriger wird das, wenn sich derartige Zellen bereits zu Zellverbänden zusammengeschlossen haben – zu Metastasen.

Deshalb die Therapie nach der Operation. Vorsorglich rät man heute Frauen im Frühstadium, also ohne sichtbare Metastasen, sich mit Medikamenten, und oft auch mit lokaler Strahlentherapie, weiterbehandeln zu lassen. Ein Drittel der Patientinnen ist tatsächlich auf diese Zusatzbehandlungen angewiesen. Hier überzieht die Wucherung der Krebstöchter irgendwann den ganzen Körper.

„In Ihrem Fall rät der Geschwulstexperte zu einer Chemotherapie!“, fuhr der Chirurg fort. „Damit lassen sich mögliche Kleinstmetastasen quasi wegspülen.“ Gegen die berüchtigte Übelkeit würde Petra Krom gleich am Anfang ein Gegenmittel erhalten. Auch Antihormone und eine Strahlentherapie seien zu empfehlen, wegen der brusterhaltenden Operation.

„Chemotherapeutika und die harten Röntgenstrahlen schädigen kranke wie gesunde Zellen – nur dass Krebszellen sich davon oft nicht mehr erholen können und auf der Strecke bleiben“, erklärte ihr dann der Onkologe. Die Gefahr, in der sie schwebte, erschien der Patientin jetzt fast noch größer als vor der Operation. Unsichtbare Metastasen, unsichtbare Strahlen und andere chemische Reaktionen bereiteten ihr einiges Unbehagen. Ihre Zuflucht war die Selbstsicherheit der Ärzte.

Doch dann kam der Psychoonkologe ins Spiel, der Fachmann für die Seelennöte der Krebspatienten. Als Petra Krom von der geplanten Behandlung erzählte, erbot er sich, beim Oberarzt Dr. E. eine zweite Meinung für sie einzuholen und nahm ihren Arztbrief an sich. Zwei Tage später klingelte abends das Telefon. „Ihr Befund ist völlig eindeutig - Sie brauchen keine Chemotherapie! Es reicht aus, wenn Sie Antihormone einnehmen." Problem: besagter Oberarzt könne ihre Behandlung nicht übernehmen. Dafür seien die niedergelassenen Kollegen zuständig.

In den nächsten vier Wochen suchte Petra Krom dann fünf Krebsärzte in ihrer Praxis auf. Abwechselnd riet man ihr zu oder ab von einer Chemotherapie.

Der Durchbruch zu einer Entscheidung gelang dank Internet und der Website des Münchener Tumorzentrums (www.krebsinfo.de). Dort ist die aktuelle Behandlungsempfehlung der Deutschen Krebsgesellschaft und der Deutschen Krebshilfe veröffentlicht: Bei Patientinnen über Fünfzig und ohne Achselmetastasen, sieht die Empfehlung lediglich bei zwei von hundert Frauen einen Nutzen durch Chemotherapie. Ohne Chemotherapie erreichen 67 Prozent das Zehnjahres-Ziel des Überlebens, mit Chemotherapie sind es 69.

Viele profitieren also nicht von den aggressiven Mitteln, im Gegenteil: Sie werden unnötig belastet. Gerhard Schaller von der Frauenklinik der Uni Bochum beispielsweise erforscht den Brustkrebs seit 20 Jahren. Er sieht den Sinn einer unterstützenden Chemotherapie bei Frauen nach den Wechseljahren seit langem schon „sehr kritisch“. Selbst der „minimale Nutzen wird von den Gefahren in Frage gestellt“, meint er und warnt: „Als Arzt darf ich der Patientin nicht die Verluste an Lebensqualität – die außer der Übelkeit auf sie zu kommen – verheimlichen. Ganz zu schweigen von den schweren Nebenwirkungen, mit denen sie rechnen muss: bleibende Schädigungen des Herzens und des Immunsystems.“ Sogar die Auslösung neuer bösartiger Erkrankungen ist möglich.

Petra Krom fand schließlich eine Ärztin, die bereit war, eine Therapie mit „Tamoxifen“ einzuleiten. Das seit zehn Jahren in Deutschland zugelassene Mittel ist der erste Vertreter einer gezielteren Therapie gegen den Brustkrebs. Das Arzneimittel greift in die biologischen Prozesse des Tumors ein. Es ist für jene rund 80 Prozent aller Patientinnen gedacht, deren – operativ entfernter – Tumor auf der Zelloberfläche Empfängermoleküle für Östrogen aufweist. Offenbar nutzt der Krebs das Sexualhormon für sein eigenes Wachstum. Tamoxifen verhindert Rückfälle und Metastasenwachstum, indem es diese Quelle versiegelt. Solche „Antihormone“ sind nicht nur wirkungsvoller, sondern auch weniger gefährlich und verträglicher als Chemotherapeutika. Doch auch hier kommen nur wenige in den Genuss eines therapeutischen Nutzens: knapp sechs von hundert. Immerhin dreimal soviel wie zwei Prozent Begünstigte bei der Chemotherapie.

Ist Petra Krom ein Einzelfall? „Besonders in Deutschland setzt sich ein neuer Standard nur langsam durch“, sagt dazu der Onkologe Schaller. Mediziner machen es sich häufig zu leicht, und gehen juristisch auf Nummer sicher: Sie satteln den Patientinnen zusätzlich zur Chemo noch die Antihormone oben drauf – mit fraglichem Nutzen.

Damit jedem Patienten eine optimale Behandlung zukommt, müssten Ärzte ihr Wissen vereinheitlichen. So fordert der Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft, Klaus Höffken, ein „McCancer“, eine Art McDonalds für die Krebstherapie – mit gleichartigen Behandlungsangeboten im ganzen Land.

„Weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen lassen!“, meinte der Philosoph Theodor W. Adorno – ein guter Rat auch an die Patientin. Wer noch dazu mit einem kämpferischen Geist gesegnet ist, erhöht seine Chance, eine von jenen 70 Prozent aller Patientinnen zu werden, die ihren Brustkrebs für mindestens zehn Jahre besiegen.

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