Therapie bei Handverletzungen : Mit Fingerspitzengefühl

Die Hand ist ein extrem komplexer Körperteil. Wer sich verletzt, muss Alltägliches wieder neu lernen. Wir haben einen jungen Handwerker, dessen Sehne durchtrennt wurde, bei seiner Therapie begleitet.

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Rehabilitation. Andreas Kritz zieht kleine Holzstifte aus einer Schachtel.
Rehabilitation. Andreas Kritz zieht kleine Holzstifte aus einer Schachtel.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Bei der Begrüßung, erzählt Andreas Kritz, ist er meist noch vorsichtig. Und wenn er eine Kaffeetasse zum Mund führt, streckt er den Zeigefinger vom Henkel weg und erinnert sich daran, dass er ihn eigentlich schon wieder verwenden sollte. „Wie schnell man verlernt“, sagt der 26-jährige Glaser kurz vor seinem Termin bei der Handtherapie.

„Gesundes Neues“ gab es für Andreas Kritz dieses Jahr nicht. Gleich am ersten Arbeitstag, als er am Bahnhof Alexanderplatz eine Scheibe einsetzen will und dafür Silikon schneidet, löst sich die Klinge seines Messers. Schon öfter hatte er sich bei der Arbeit verletzt, erzählt er und schaut auf seine Hände. Einmal fiel ihm eine Scheibe auf den Unterarm, eine Narbe erinnert daran. Ein anderes Mal stürzte er von der Leiter, beide Beine waren gebrochen. „Wie ein Gummiband ohne Zug“, hätte sich sein rechter Zeigefinger nach dem Schnitt angefühlt. Dass er sich gerade eine Sehne durchtrennt hat, konnte er selbst sehen. „Als Erstes hatte ich natürlich meine Arbeit im Kopf“, sagt er, setzt den Zeigefinger, ohne viel Kraft auszuüben, nun mit an den Henkel der Tasse. Er nimmt erneut einen Schluck.

Exakt 305 970 Menschen haben sich nach Angaben der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung im Jahr 2011 während der Arbeit die Hand so verletzt, dass sie mehr als drei Tage nicht arbeiten konnten. Von den Personen, die deswegen eine Unfallrente bezogen, konnten 17 Prozent ihre Hand wieder wie zuvor verwenden, bei der Mehrheit blieb eine Beeinträchtigung. Und auch in Berlin passiert viel: Allein in 41 Berliner Krankenhäusern wurden im Jahr 2010 rund 4600 Handverletzungen behandelt.

Andreas Kritz ist in seinem Betrieb der einzige Geselle, nächstes Jahr soll er das Geschäft übernehmen. Einen Hammer sicher zu halten, ein Messer anzusetzen oder nach einer Schraube zu greifen sind Handgriffe, die er in seinem Beruf tagtäglich braucht. Aber auch im Alltag fällt es schwer, ohne den Zeigefinger ein Brötchen zu schmieren, eine Flasche zu öffnen oder der dreijährigen Tochter beim Anziehen eine Schleife zu binden.

Rehabilitation. Andreas Kritz in der Praxis von Handtherapeutin Stephanie Oke in Lichtenberg.
Rehabilitation. Andreas Kritz in der Praxis von Handtherapeutin Stephanie Oke in Lichtenberg.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

„Welcher Beruf fällt Ihnen ein, bei denen man nicht seine Hände braucht?“, fragt Stephanie Oke von der Praxis Pro Manus in Lichtenberg, in die Andreas Kritz drei Mal pro Woche zur Handtherapie kommt. Mit der Frage, wie es beruflich weitergeht, ist sie bei ihren Patienten täglich konfrontiert. Die Rehabilitation der Hand sei deswegen so komplex, sagt Oke, weil hier auf engstem Raum Muskeln mit Knochen, Bändern und Sehnen zusammenwirken. Die meisten Unfallverletzungen gibt es an Daumen und Zeigefinger. Den Zeigefinger benötigt man, um Dinge zu ertasten und fein zu manipulieren. Er dirigiert eine Handbewegung. Ohne Handtherapie würde nach einem Unfall die innere Struktur des Fingers so verkleben, dass etwa die Sehne nicht mehr gleiten kann.

Handtherapie brauchen aber auch ältere Menschen, die unter Arthrose leiden, oder Grundschüler, die sich an einem zerbrochenen Glas oder mit einer Axt schwer verletzt haben. Wenn einzelne Teile der Hand länger nicht genutzt werden, bauen die Muskeln sehr schnell ab und Sensibilität geht verloren. „Man kennt das taube Gefühl in der Fingerspitze, nachdem man drei Tage ein Pflaster getragen hat“, sagt Oke und massiert vorsichtig mit ihren Händen und später mit einem Vibrator die Narbe, die sich über Andreas Kritz’ Finger zieht. Sanft unterstützt sie, dass er seinen Finger beugt und in der Beugung hält. Später soll er Kugeln aus seiner Handmulde einzeln herauspulen und an der Fingerinnenseite entlangrollen. „Wie schlimm, wenn man sich dabei konzentrieren muss“, lacht Kritz, derzeit bekomme er von solchen Übungen Muskelkater. Er steht noch am Anfang, bei ihm geht es darum, die betroffenen Stellen der Hand im Gehirn überhaupt wieder anzusteuern und sachte zu bewegen. Später folgt Kraftaufbau, etwa mit Therapieknete oder Schwämmen unterschiedlichen Widerstands. Zum Schluss werden komplexe Alltagsbewegungen und die jeweils nötigen Handgriffe für die Arbeit gemeinsam geübt. Dafür gibt es in der handtherapeutischen Praxis eine kleine Werkstatt, in der mit Werkzeug Holz oder Korb bearbeitet werden kann.

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