Gesundheit : Therapie-Käse mit Löchern

Psychologen-Kongress: Warum Depression so schwer zu kurieren ist

Rosemarie Stein

Mit einem Schweizer Käse vergleicht der Heidelberger Hochschulpsychologe Peter Fiedler die Psychotherapie: Sie nutze zwar die Erkenntnisse der Psychologie und ihrer Nachbarwissenschaften wie Neurologie, Biologie, Soziologie, aber sie habe noch viele Löcher und Lücken. Die gelte es zu schließen, um die Erfolge zu verbessern. Fiedler hielt den Einleitungsvortrag auf dem 16. Kongress für Klinische Psychologie, Psychotherapie und Beratung in Berlin.

Selbstkritisch konzentrierte er sich auf die Löcher: die Defizite in Forschung und Praxis. Denn nach den Therapieerfolgen des späten 20. Jahrhunderts beobachte man jetzt eine Stagnation und es gebe Rückfälle. Helfen da die Erkenntnisse der modernen Hirnforschung weiter? Der Mechanismus des Lernens wird durch die Neurobiologie erhellt, und mit ihrer Hilfe haben die Psychotherapeuten das Unbewusste entdeckt:

Neben dem „expliziten“ gibt es ein „implizites“, ein unbewusstes Gedächtnis, das auch Traumata, Angst, Ekel, Wut und Schmerzen bewahrt. Sein Ort ist vor allem der wahrnehmende Cortex im hinteren Teil des Gehirns. Dieses emotionale Speichersystem reagiert auf ähnliche Reize wie solche bei früheren belastenden Erfahrungen – auch dann, wenn gar keine Gefahr droht, sagte Fiedler. Und der Patient versteht den Grund seiner eigenen Erregung nicht.

Dass die gefürchtete Situation gefahrlos ist, erfährt der Angst- oder Zwangskranke, indem er ihr bei Konfrontationstherapien („Schocktherapie“) immer wieder ausgesetzt wird. Neue Erkenntnisse führten zu neuen Formen der Schocktherapie. Zum Beispiel mussten Patienten sich ihre auf Tonband gesprochenen zwanghaften Grübeleien wiederholt anhören – mit Erfolg. In einer Studie zeigten sich aber bei Zwangspatienten, denen man neutrale Texte vorspielte, dieselben Erfolge.

Insgesamt, so urteilte Fiedler, hätte sich die Wirksamkeit der Konfrontationsbehandlung durch neue Technik nicht steigern lassen. Und viel zu wenig beachte man, dass sie allein nicht ausreicht und manchmal auch schadet: Konfrontation bewirkt nicht immer Gewöhnung, sondern kann auch Angst erzeugen. Er kritisierte jene Therapeuten, die solche Patienten trotz ständiger Verschlechterung immer wieder dem Erleben ihrer seelischen Verletzung aussetzen. Verhaltenstherapie mittels Konfrontation habe sich vor allem bei einzelnen psychischen Störungen bewährt, nicht jedoch in komplizierten Fällen, etwa bei Patienten in schwieriger Lebenslage, mit Persönlichkeitsstörungen oder Depressionen.

Am Beispiel der Depression erläutere Fiedler Gründe für die Rückfälle nach anfangs erfolgreicher Behandlung: Oft beende man sie zu früh, und oft wende man nur ein einzelnes Verfahren an. Eine Depression mit mehreren Ursachen müsse aber mit einer Kombination von Verfahren behandelt werden. Eine weitere Rückfallursache sei das Vermeiden negativer Emotionen statt ihrer Verarbeitung. Diese Flucht führe schließlich zu Gefühllosigkeit und Selbstentfremdung.

Als wichtigsten der von der Forschung gefundenen Gründe für chronische Depression nannte Fiedler Verlustereignisse, belastende Lebenslagen, Konflikte, reale Probleme. Das erfordere einen verständnisvollen Therapeuten, der nicht an Therapietechniken klebt und der dem Patienten wieder zu einem sicheren Gefühl seiner selbst verhilft.

Vor allem bei der Behandlung seelisch Gestörter mit Selbstverletzungs- und Suizidneigung mahnte Fiedler die Psychotherapeuten, flexibler zu sein und intensiveren Kontakt zu den Gefährdeten zu pflegen. Wenn sie sich nicht auf die vereinbarten Sitzungen beschränken, sondern zwischendurch für Patienten in einer Krise ansprechbar sind und sie auch von sich aus anrufen, also sich aktiv um sie kümmern, dann sinkt das Suizidrisiko. Aber, so Fiedler wörtlich:

„Offensichtlich liegt die Erkenntnis, dass viele Patienten im Therapeuten einen über die Therapiesitzungen hinaus Sicherheit bietenden Begleiter benötigen und erhalten sollten, außerhalb des üblichen psychotherapeutischen Ansatzes.“ Auch sollten Therapeuten nicht nur „am Symptom herumdoktern“, sondern nach den Ursachen fragen. Oft seien es konkrete Probleme wie Arbeitslosigkeit, Armut oder Verlassenheit. Dann brauche der Patient professionelle Beratung.

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