Gesundheit : Therapie von Straftätern: Gefangen in der Gewalt

Rolf Degen

Die meisten Menschen würden wohl die Forderung unterschreiben, dass jeder psychisch auffällige Sexualstraftäter einer psychotherapeutischen Behandlung unterzogen wird. Doch bei der Behandlung von Sexualstraftätern sind, wenn überhaupt, nur dürftige Therapieerfolge zu verzeichnen. Zudem legen die Prognosen der Experten bei der Vorhersage gewalttätiger Rückfälle erhebliche Fehlerraten an den Tag.

Während bei Verhaltensproblemen wie Sucht oder Kaufzwang ein gewisses Maß an therapeutischen Fehlschlägen oder Rückfällen in Kauf genommen werden kann, sieht die Lage bei sexuellen Gewaltverbrechen völlig anders aus. "Bei jeder sexuellen Gewalttat kommt eine fremde Person zu Schaden, während sich die Urheber anderer problematischer Verhaltensweisen meist nur selbst schädigen", erklärt der Psychologe Gordon C. N. Hall von der Kent State University. "Das wichtigste Behandlungsziel bei Sexualstraftätern besteht darin, dass sie in Zukunft keine Gewalttaten mehr begehen", pflichten die US-Psychologen Hollida Wakefield und Ralph Underwager bei. "Dieses Ziel ist wichtiger als ihre emotionale Gesundheit, ihr Selbstwertgefühl, ihre Befindlichkeit oder Zufriedenheit mit der Therapie."

Dürftige Ergebnisse

Gemessen an diesem Anspruch sahen die therapeutischen Erfolgsraten bisher dürftig aus, meint Hall. "Die sorgfältigsten Übersichtsreferate kamen bisher zu dem Schluss, dass sexuelle Gewalt weitgehend unbehandelbar ist, weil Psychotherapie die Rückfallquote nicht reduziert." Vor diesem Hintergrund hat sich bei amerikanischen Strafverfolgungsbehörden die nihilistische Devise "nothing works" ("nichts hilft") etabliert.

Um dieses Bild zu präzisieren und etwaige Fortschritte bei den therapeutischen Techniken einzufangen, hat Hall eine statistische "Metaanalyse" von Therapiestudien mit Sexualstraftätern angestellt. Bei einer Metaanalyse werden alle Daten so zusammengeworfen, dass sie wie eine einzige, große Studie behandelt werden können. Wie die Ergebnisse zeigen, hat sich noch keine große Verbesserung eingestellt. Die "Effektstärke", das Maß für die Fähigkeit der Psychotherapie, Rückfälle zu verhindern, belief sich auf 0,12 und war damit sehr klein. Die Effektstärke kann zwischen 0,0 (kein Effekt) und 1,0 (hundertprozentiger Erfolg) betragen. In der Psychologie hat sich die Konvention durchgesetzt, Korrelationen, deren Stärke geringer als 0,2 ist, als unbedeutend und uninterpretierbar nicht weiter zu beachten.

Wolfgang Berner, Sexualforscher an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Hamburg, macht diese schmale Basis in einer eigenen neuen Übersichtsarbeit deutlich. "Wenn man nach heutigem Wissensstand alle möglichen therapeutischen Strategien einmal gleichwertig behandelt und zusammenfasst, kann bei vorsichtiger Schätzung davon ausgegangen werden, dass durch die Therapie von Sexualstraftätern etwa acht von 100 möglichen Sexualdelikten verhindert werden können", schreibt Berner in der "Zeitschrift für Sexualforschung (Band 13, Seite 181).

Bei bestimmten Untergruppen, deren abweichendes und kriminelles Verhalten lediglich gering ausgeprägt ist, sieht die Prognose etwas besser aus. Doch die vorliegenden Studien sind teilweise mit Mängeln behaftet, die ihre Interpretation erschweren. So wurden die Probanden nicht immer nach einem Zufallsverfahren, sondern teilweise nach Gutdünken in die Therapie- oder Nichttherapiegruppe aufgeteilt. "Die verfügbaren Therapien besitzen offenbar bei den krankhaftesten Sexualstraftätern die geringste Wirkung", folgert Hall.

Verzweiflung der Kliniker

"Schweres gewalttätiges Verhalten entzieht sich der traditionellen Psychotherapie", bestätigt der Psychiater Douglas Johnson-Greene von der Universität von Michigan. "Die therapeutischen Verfahren wurden in den meisten Fällen nur aus der Verzweiflung der Kliniker geboren und wegen des öffentlichen Aufschreies, dass es unbedingt irgend eine aktive Form der Behandlung geben muss."

Das Problem liegt sicher auch darin, dass ein erheblicher Anteil, wenn nicht die Mehrheit dieser Individuen eine Persönlichkeitsstörung ("Psychopathie") hat. Gerade "Psychopathen" gelten als wenig therapiemotiviert, da weniger sie als ihre Mitmenschen unter ihrer Störung leiden. Im kanadischen Hochsicherheitsgefängnis Oak Ridge startete in den 60er Jahren ein aufwendiges Programm, das vor allem Menschen mit Persönlichkeitsstörungen nützen sollte. Die Gefangenen sollten Kooperation, Verantwortungsgefühl und Empathie lernen.

Fazit nach zehn Jahren: Die nichtpsychopathischen Straftäter wurden tatsächlich seltener rückfällig als ohne Therapie. Doch von den behandelten "Psychopathen" begingen 80 Prozent neue Straftaten, unter den nicht behandelten waren es vergleichsweise geringe fünfzig Prozent. Offenbar reagierte dieser Personenkreis auf die Unterweisungen in Menschlichkeit auf ihre Art: Sie lernten, einfühlsamer aufzutreten, und "nutzten die Information, um andere besser zu manipulieren und zu betrügen", vermutet Marnie Rice in ihrer Auswertung.

Auch mit ihrer Vorhersage, ob ein entlassener Straftäter in Zukunft rückfällig werden wird, liegen psychiatrische Sachverständige vergleichsweise häufig daneben. Das legen zumindest erste Zwischenergebnisse einer Studie nahe, die derzeit am Institut für forensische Psychiatrie der Freien Universität Berlin unter Leitung von Klaus-Peter Dahle erarbeitet wird. Danach begingen 17 Prozent der aus der Haft entlassenen Sexualstraftäter erneut einschlägige Delikte, obwohl ihnen eine positive Prognose ausgestellt worden war. "Therapeuten tendieren dazu, zu schnell günstige Prognosen zu stellen. In gewisser Weise bewerten sie damit ja auch ihre eigene Arbeit", meint der Forscher.

Das Problem liegt auch darin, dass die Rückfallgefahr in Deutschland von Gesetz her nur mittels einer so genannten klinischen Prognose beurteilt werden darf. Der Experte zeichnet die Biografie und die prognostischen Merkmale des Täters in freier Sprache nach.

Der US-Psychologe Jay Ziskin stellte solchen Prognosen vor ein paar Jahren im Fachblatt "Science" ein schlechtes Zeugnis aus: "Studien beweisen, dass klinische Profis dabei zu keinem exakteren Urteil kommen als Laien." In den USA und in Kanada werden die prognostischen Eckwerte nicht einzeln betrachtet, sondern in die Raster von empirisch überprüften statistischen Ansätzen übertragen und ausgewertet. Ein nüchterner Punktwert gibt letztendlich darüber Auskunft, ob ein Mensch als gefährlich zu gelten hat.

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