Therapien : Schokolade für die Seele

In Berlin findet die erste Woche der seelischen Gesundheit statt. An der Charité kämpfen Psychiater mit Sport, leckerem Essen und Licht gegen Depressionen.

Bas Kast
Schokolade
Schokolade sorgt für gute Laune. -Foto: ddp

Ein Freitagmorgen in der Charité, die Psychiatrie in Charlottenburg, Station 3. Zwei Psychologinnen sitzen an einem kleinen Tisch. Eine schält Orangen. Die andere, Silke Sedlarik, 30, zerbricht eine Tafel Milchschokolade. Der Tisch ist üppig gedeckt: Weintrauben, Brot, Marzipan, Gurken, eine Zitrone – die Mischung verströmt ein bizarres Bukett.

Was die beiden Frauen da vorbereiten, ist kein Brunch für Kollegen. Nein, ihr Mini-Buffet ist Teil einer Therapie gegen Burn-out und Depressionen. „Wir nennen es Genusstraining“, sagt Sedlarik. „Bei depressiven Patienten sind die Sinne oft verschüttet“, und es komme darauf an, sie wieder zum Leben zu erwecken, zu aktivieren und zu reizen „und damit auch positive Erinnerungen wachzurufen“.

Fünf Minuten später hat die Psychologin das Picknick in den „kleinen Aufenthaltsraum“ der Station gebracht. Sie sitzt auf einem blauen Ecksofa, links und rechts von ihr vier Frauen und ein junger Mann. Das Genusstraining kann beginnen. „Sie können jetzt die Augen schließen“, sagt Sedlarik. Alle haben ein Stück Orange oder eine Weintraube in der Hand. „Konzentrieren Sie sich auf Ihre Lippen, Ihre Zunge, Ihren Gaumen. Führen Sie das Stück an Ihre Lippen und ...“ Schritt für Schritt versucht die Psychologin, das einfache Essen eines Stücks Orange oder einer Traube zu einem bewussten Vorgang zu machen. „Ich esse gern Weintrauben“, sagt eine Patientin anschließend, „aber so genossen habe ich sie noch nie.“ Dann geht die Runde zum Schokoladenschlecken über.

Was zunächst nach seichtem Wellnessprogramm klingt, stellt in Wahrheit eine kleine Revolution in der Psychiatrie dar. Klassische Behandlungsmethoden gegen Depressionen hatten seit jeher nahezu ausschließlich den Kopf im Visier, nicht den Bauch. Die Freud’sche Redekur zum Beispiel verläuft über den schmalen Kanal der Sprache – Sinne und Körper ließ der Wiener Psychoanalytiker außen vor. Aber auch moderne Therapeuten konzentrieren sich weitgehend auf die Welt der Gedanken. Mehr und mehr erkennen Psychiater, wie einseitig dieser Ansatz ist. Bei der 1. Berliner Woche der Seelischen Gesundheit werden ab heute neue Ansätze vorgestellt (siehe Kasten). Viele Therapeuten ergänzen die medikamentöse Behandlung mit Sport oder – gerade um diese Jahreszeit – mit Licht.

Der Stationsarzt Arnim Quante, 33, stellt das Lichttherapiegerät Chronolux CL-8S auf den Tisch und schaltet es an. Die Lampen leuchten so grell, dass man einen Druck in den Augäpfeln spürt. 10 000 Lux strahlen einen an – wie an einem schattigen Plätzchen im Sommer.

Im Winter muss sich unser Gehirn oft mit weniger Licht begnügen, ebenso wie in meist unterbelichteten Büroräumen. Für das Gehirn sind Winter und Büros wie Nacht. Die Folge: Die Zirbeldrüse pumpt das Schlafhormon Melatonin in den Körper. Der schaltet daraufhin einen Gang runter, was zu Urzeiten, als im Winter die Nahrung knapp wurde, vielleicht ganz sinnvoll war. Wir aber müssen heute das ganze Jahr über Leistung bringen – und das schlägt aufs Gemüt. So leidet fast jeder Fünfte an einer „saisonal abhängigen Depression“: Je trüber die Herbsttage, desto stärker sinkt die Stimmung. „Im Winter haben wir drei bis vier Patienten täglich, die hier Licht tanken“, sagt Quante. Ab einer halben Stunde täglich zeigt die Therapie erste Wirkungen – die sogar an die Wirksamkeit herkömmlicher Antidepressiva heranreichen.

Ähnlich effektiv ist Bewegung. Nur ein paar Meter weiter stehen deshalb Stepper, Ergometer und andere Sportgeräte, und im dritten Stock der Station befindet sich eine Turnhalle. Hier wird täglich ein abwechslungsreiches Programm geboten, von Gymnastik bis zu Volleyball. „Das alles kann eine Psychotherapie und die Medikamente nicht ersetzen“, sagt Quante. „Für viele aber ist es eine sehr effektive Unterstützung.“

Wie für Maria S. Sie ist 46, hat kurzes, rötliches Haar und lebhafte Augen. Schon nach wenigen Sätzen bekommt man das Gefühl, sie sei hier eigentlich falsch: von Blues und Depressionen ist nichts zu spüren. Kaum zu glauben, dass sie vor zehn Wochen noch am Boden zerstört war: „Ich war tagelang traurig, habe geweint, vor allem morgens, und nachts hatte ich Albträume. Irgendwann habe ich mein Köfferchen gepackt und bin hierhergekommen.“ Und machte das ganze Programm – von der Psychotherapie bis zum Genusstraining. In ein, zwei Wochen darf Maria S. nach Hause. „Essen tue ich schon nicht mehr hier“, sagt sie. „Ich gehe heute Abend mit meinem Mann zum Thailänder. Oder zum Inder.“

Es scheint, als hätte auch das Genusstraining seine Wirkung hinterlassen.

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