Gesundheit : Tiermehlverbot: Große Hast bei der Mast

Manuela Röver

Das Rind senkt seinen Kopf in den Futterberg auf dem Stallgang. Von der Mais-Silage darf das Tier so viel fressen, wie es will. Das wohlschmeckende Kraftfutter dagegen gibt es nur portioniert.

Die Ernährung von Mastrindern ist heute ein ausgeklügeltes Verfahren, das hauptsächlich ein Ziel verfolgt: Den Aufenthalt der Rinder im Stall des Landwirts so kurz wie möglich zu gestalten. Das idyllische Bild von Rindern, die tagtäglich auf der Weide stehen und sich nur von Luft und Gras ernähren, hat mit der Realität wenig gemein. Etwa drei bis vier Jahre bräuchte ein Rind unter diesen Bedingungen, um ein Schlachtgewicht von 500 bis 540 Kilogramm zu erreichen.

"Bei uns ist die Fläche viel zu knapp und teuer für so eine Haltung", sagt Ernst Pfeffer, Leiter des Instituts für Tierernährung der Universität Bonn. "Wenn Sie Geld verdienen wollen, dann muss das schneller gehen." Und das heißt: Das Rind braucht möglichst energiereiche Nahrung.

Aber auch die heute vom Verbraucher gewünschte Fleischqualität spricht gegen eine jahrelange Mast auf der Weide. "Die Bullen würden in dieser langen Zeit viel Bindegewebe bilden, und das Fleisch wäre dann sehr zäh", erklärt Albert Sundrum, Fachgebietsleiter für Tierernährung und Tiergesundheit an der Universität Kassel. "Außerdem kann es sehr gefährlich sein, Bullen frei auf der Weide zu halten. Wegen ihrer hormonellen Ausstattung sind männliche Rinder manchmal sehr aggressiv. Die kann man so in der Nähe von Wohngebieten nicht halten."

In Deutschland ist der größte Teil der Mastrinder männlich. Die Weibchen sind Milchkühe. Üblich ist eine Gruppenhaltung der Tiere, die zu etwa 95 Prozent auf Vollspaltenböden leben: Zwecks Arbeitserleichterung ist der Stallboden in regelmäßigen Abständen mit Schlitzen durchsetzt, über die Kot und Urin der Rinder in unterirdische Gänge gelangen und als Gülle abtransportiert werden.

Die Rindermast dauert im Schnitt zwischen 14 und 18 Monate. Während dieser Zeit nehmen die Tiere täglich etwa 1000 bis 1600 Gramm zu. Die Rinder erhalten vor allem Raufutter als Energielieferanten. Dazu zählen neben Gras und Heu auch die Silagen. Für eine Mais-Silage werden die Pflanzen gehäckselt und mit Hilfe der Milchsäuregärung nach dem gleichen Prinzip wie Sauerkraut konserviert. Als Ergänzung erhalten die Tiere zusätzlich etwa zwei bis vier Kilogramm Kraftfutter am Tag. Je höher dieser Anteil ist, desto schneller wachsen die Rinder - zu Lasten der Fleischqualität?

"Das Fleisch von schnellwüchsigen Tieren ist in jedem Fall fettärmer", erklärt Ortwin Simon, Direktor des Instituts für Tierernährung der Freien Universität Berlin. "Mit zunehmendem Alter erhöht sich aber nicht nur der unerwünschte Fettanteil unter der Haut, sondern auch der in der Muskulatur". Je höher dieser intramuskuläre Fettanteil ist, desto besser schmeckt das Rindfleisch. Eine zu schnelle Mast führt daher unter diesem Gesichtspunkt zu einer schlechteren Fleischqualität.

Doch eine längere Mast kostet mehr und macht das Fleisch teurer. "Das Futter und der Stallplatz sind die bestimmenden Kostenfaktoren", erläutert Albert Sundrum. "Wenn der Landwirt bei den heutigen Fleischpreisen wirtschaftlich arbeiten will, muss er möglichst viel Fleisch pro Zeiteinheit aus seinem Stall herausholen."

Die meisten Landwirte kaufen das Kraftfutter als fertiges Mischprodukt von einem Futtermittelhersteller. Die Zusammensetzung des Mischfutters ist dem Rindermäster nicht immer genau bekannt, denn jede Charge besteht aus anderen Zutaten. Das hat zwei Ursachen: natürliche Schwankungen in der Zusammensetzung der pflanzlichen Ausgangsstoffe und variable Weltmarktpreise.

Die Futtermittelindustrie stellt ein Kraftfutter mit einem Energie- und Eiweißgehalt her, die immer gleich sind. Der Preis der Zutaten auf dem Weltmarkt diktiert die genaue Zusammensetzung des Futters: Was billig ist, wird verwendet. Der Landwirt dagegen kann nicht prüfen, welche Bestandteile das Kraftfutter enthält. Er muss dem Futterhersteller vertrauen.

"Bei uns werden die Mischfutterbetriebe sehr stark kontrolliert. Sie müssen von jeder Charge Rückstellproben bereithalten, die nach dem Zufallsprinzip kontrolliert werden", sagt Simon. Hauptbestandteil eines Kraftfutters für Wiederkäuer ist in der Regel Getreide. Um den Eiweißanteil zu erhöhen, werden diverse Abfallprodukte der Lebensmittelindustrie beigemengt. Hierzu gehören beispielsweise Soja- oder Rapsextraktionsschrot aus der Speiseölgewinnung, Biertreber, ein Rückstand der in Brauereien anfällt, und Zuckerrübenschnitzel aus der Zuckerindustrie. Tiermehl ist in der europäischen Rindermast seit 1994 verboten.

Ernst Pfeffer sieht in der Verwendung von "Koppelprodukten" eine gute Möglichkeit den Nährstoffkreislauf zwischen Stadt und Land zu schließen. "Wo sollen wir denn sonst mit den Resten hin?", fragt Pfeffer. "Der Landwirt löst hier ein Entsorgungsproblem."

Neben den pflanzlichen Bestandteilen mischen die Hersteller auch noch ein Mineralfutter bei. Es enthält Calcium, Natrium, Magnesium und Phosphor, einige Spurenelemente und Vitamine. Ähnlich wie Multivitamintabletten beim Menschen, soll diese Mischung eventuellen Mangelerscheinungen vorbeugen.

Als weitere Futterzusätze sind für die Rindermast in der EU zwei Antibiotika (Flavomycin, Monensin) und einige Probiotika zugelassen. Das sind lebende Mikroorganismen, die die Darm- und Pansenflora unterstützen sollen. Bei Wiederkäuern werden in erster Linie Hefen eingesetzt. Probiotische Jogurts, die beispielsweise mit Lactobakterien angereichert sind, verfolgen in der menschlichen Ernährung das gleiche Prinzip. Hormone sind in der Rindermast dagegen verboten. "Wer den Tieren Hormone spritzt, handelt kriminell", sagt Simon.

In der ökologischen Landwirtschaft dürfen keine Futterzusatzstoffe verwendet werden. Den größten Teil des Futters muss ein Öko-Bauer auf dem eigenen Hof selbst erzeugen; als Kraftfutter werden daher im Öko-Landbau vornehmlich Getreide als Energie- und Ackerbohnen als Eiweißlieferanten verwendet. Außerdem darf der Anteil an Kraftfutter in der Ernährung der Rinder maximal 40 Prozent betragen.

"Durch diese Beschränkung sind die Zuwachsraten der Rinder im ökologischen Landbau geringer. Es werden höchstens 1000 bis 1100 Gramm pro Tag erreicht. Die dadurch bedingten längeren Mastzeiten machen das Öko-Fleisch teurer", erklärt Albert Sundrum, dessen Institut auch Forschung in der ökologischen Landwirtschaft betreibt. Sowohl Sundrum als auch Ernst Pfeffer und Ortwin Simon sind der Meinung, dass allein der Verbraucher entscheidet, wie das Rindfleisch erzeugt wird, das in die Verkaufstheken gelangt. Qualität hätte nun mal ihren Preis. Und der Verbraucher diktiert, was das Fleisch kosten darf.

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