Gesundheit : Tims-Studie: Breite Berge werden höher

Bärbel Schubert

Die Mär vom Leistungsverfall beim Abitur durch die seit Jahren wachsende Zahl von Abiturienten hat ausgedient. Klein, aber fein war der Kreis der Abiturienten früher. Da hatte man exzellente Leistungen, so heißt es hartnäckig in den einschlägigen Diskussionen. Die Auswertung der internationalen Mathematikuntersuchung Timss zeigt dagegen: Je mehr Schüler den Übertritt in die gymnasiale Oberstufe schaffen, desto besser sind die Aussichten auf Spitzenleistungen.

"Mit der Öffnung voruniversitärer Bildungsgänge werden offensichtlich neue individuelle Potenziale erschlossen", interpretierte der Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, Jürgen Baumert, diese Ergebnisse im Abschlussbericht zur internationalen Mathematik-Untersuchung Timss, der am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde. Unter 1000 Schülern findet sich wohl leichter ein Einstein als unter 100.

Das ist für Deutschland keine gute Nachricht. Die Bildungsforscher sprechen von einem im internationalen Vergleich "restriktiven Zugang" zur voruniversitären Bildung. In Zahlen bedeutet das: 25 Prozent der Jugendlichen schaffen hierzulande den Übertritt von der zehnten Klasse in die gymnasiale Oberstufe. In Norwegen sind dies bereits mehr als 80 Prozent des Jahrgangs, in Schweden gut 70 Prozent und in Frankreich rund 75 Prozent. Norwegen und Schweden liegen in der Vergleichsuntersuchung auch bei den Spitzenleistungen ganz vorn.

Auch das Niveau der mathematisch-naturwissenschaftlichen Grundbildung ist der Untersuchung zufolge in den Ländern am besten, in denen ein hoher Prozentsatz der Jugendlichen lange zur Schule geht. "Je weniger Schüler und Schülerinnen vorzeitig als Drop-outs aus dem Sekundarschulsystem einer Nation ausscheiden, desto höher sind die mittleren Leistungen in diesen Ländern", heißt es in dem Resumee.

Der Fachkräftemangel in Deutschland gerade in den wirtschaftlichen Boombereichen und die Greencards für ausländische Fachkräfte hat auch hierzulande die Aufgeschlossenheit für mehr Abiturienten und Studenten erhöht. Doch ist weiter unklar, wie das erreicht werden soll. In Frankreich verfolgt man seit Jahren das Ziel, 80 Prozent eines Jahrgangs zum Abitur zu führen.

Angesichts eines internationalen Arbeitsmarkts mit steigenden Ansprüchen an das Ausbildungsniveau bereitet die deutsche Situation den Verantwortlichen im Bildungsbereich Sorgen. Schon die ersten Ergebnisse der internationalen Mathematikuntersuchung Timss aus der Mittelstufe hatten vor drei Jahren Öffentlichkeit und Kultusminister alarmiert. Dabei schnitten die Siebtklässler im Vergleich mit Gleichaltrigen aus anderen Ländern schlecht ab. Für die Oberstufe sind die Ergebnisse mittelmäßig.

Seitdem haben sich die Kultusminister zu einer ständigen Untersuchung der Schulqualität entschlossen. In Mathematik und den Naturwissenschaften wurden die bisher teuersten Modellversuche zur Entwicklung eines besseren Unterrichts gestartet. In ihrer Timss-Schlussbilanz boten die Wissenschaftler weitere Denkanstöße für Verbesserungen im deutschen Bildungssystem.

Nach wie vor bescheinigen die Bildungsforscher dem Mathematik- und Physikunterricht an Deutschlands Schulen große Mängel. "Mit der Abwahl dieser Fächer in der Oberstufe bekommen sie die Quittung für schlechten Unterricht in der Zeit zuvor", sagt Baumert. Die Studie zeigt: Ganz überwiegend schreiben die Schüler im Mathematikunterricht der Oberstufe Lösungswege von der Tafel ab und vollziehen sie nach. Viel seltener wenden sie dieses Wissen dann auch zur Lösung neuer Probleme an. Das mathematische Verständnis wird so zu wenig entwickelt. Dies zeigen auch die Ergebnisse im Test. Je mehr Routinewissen auf Alltagsprobleme angewandt werden muss, desto schlechter schneiden die deutschen Schüler ab. Zudem unterscheiden sich Grund- und Leistungskurse der Mathematik nur wenig. Baumert: "Den Grundkursen fehlt ein eigenes Anforderungsprofil".

Wenig verändert hat sich auch das unterschiedliche Verhältnis von Mädchen und Jungen zur Mathematik. Das allgemein festgestellte Problem des deutschen Mathematikunterrichts wiederholt sich hier verschärft. "Wir haben durchgehend die erwarteten Leistungsunterschiede zwischen Mädchen und Jungen gefunden. Die zentralen Defizite der Mädchen lagen dabei immer wieder bei der Anwendung von gelerntem Wissen auf Alltagsprobleme", berichtete Nachwuchsforscher Olaf Köller.

Anders als oft behauptet gehen die Schüler dagegen mit ihren Kurswahlentscheidungen in der Oberstufe verantwortungvoll um. "Eine Beliebigkeit ist nicht erkennbar", so Köller. Ausschlaggebend sind die eigenen Leistungen am Ende der zehnten Klasse, die erwarteten Noten und das Selbstbewusstsein in einem Fach wie auch das Interesse. Köller: "Das ist gänzlich anders als in den USA, wo fast durchweg die späteren Karrierechancen entscheiden".

Deutlich sind bei der Wahl der Leistungsfächer aber auch die Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Während bei den jungen Männern der Untersuchung zufolge Mathematik mit 47 Prozent klar an der Spitze liegt - gefolgt von Englisch (32,7 Prozent) und Biologie (21,3 Prozent) - wählen die jungen Frauen am häufigsten Biologie (44,6 Prozent), gefolgt von Englisch (42,6 Prozent) und Deutsch (32,4 Prozent). Physik und Chemie rangieren bei beiden abgeschlagen im Hinterfeld. Auch zehn Jahre nach der deutschen Einheit zeigen sich zudem weiter deutliche Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland. In der ehemaligen DDR sind Mathematik und Naturwissenschaften noch immer fester verankert.

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