Gesundheit : Tinnitus: Es klingelt

Kerstin Kohlenberg

Das Ohr schläft nie, es muss immer hören. Sogar wenn man schläft. Dann wirkt Lärm zu allem Überfluss sogar zehnmal belastender als im Wachzustand. Irgendwann kann es dem Ohr zu viel werden - dann piept es immerzu. So ist es bei den drei Millionen Deutschen, die an Tinnitus leiden, einem dauerhaften Geräusch im Ohr, gegen das so recht noch kein Kraut gewachsen ist.

Bei Manfred Schwarz ging es letztes Jahr los. Eines Morgens, Mitte November, wachte der 62-Jährige auf, und das Geräusch war da. Eine Art Klingeln. "Ich wusste überhaupt nicht, was das war." Er fuhr sofort ins Koblenzer Bundeswehrlazarett und bekam eine Woche lang Infusionen. Akuten Tinnitus - nach drei Monaten gilt er als chronisch - behandelt man mit durchblutungsfördernden Medikmenten. Denn Durchblutungsstörungen sind in den meisten Fällen die Ursache des Geräusches, sagt Birgit Mazurek, Leiterin des Tinnitus-Zentrums des Uni-Klinikums Charité in Berlin.

Den Begriff Tinnitus hörte Schwarz damals zum ersten Mal. Seitdem redet er fast ständig davon. Obwohl er nach den Infusionen das Gefühl hatte, das Geräusch wäre verschwunden, tauchte es kurz danach wieder auf. Es begann ein hilfloser Marsch durch die rheinland-pfälzischen Arztpraxen. Die Auskunft des ersten Arztes - dass es zurzeit keine hundertprozentige Therapie gegen Tinnitus gebe ("da hilft nur beten") - wollte Schwarz nicht glauben. Er erhielt nun durchblutungsfördernde Mittel in Pillenform, danach verbrachte er eine Woche in einer Spezialklinik in Mainz. Akupunktur, Massagen, Yoga, Psychologengespräche. Fazit nach einem halben Jahr: keine Besserung.

Das Absurde bei der ganzen Geschichte: Ursprünglich ist Geräusch das kaum lauter als das Rascheln eines Blattes, das auf den Boden fällt, und es ist im Prinzip auch bei jedem Menschen vorhanden. Denn es gehört zu den Geräuschen, die die ständig aktiven Sinneszellen des Ohres erzeugen. Unangenehm wird es, wenn sich durch eine Hörveränderung die Grundmuster der Wahrnehmung im Ohr verändern. Das Gehirn beginnt, akustische Signale falsch zu verarbeiten.

Die Ursachen dafür können sehr unterschiedlich sein, und sie können in allen Bereichen des Ohres liegen. Das macht es oft so schwierig, überhaupt einen konkreten Auslöser zu finden. Durchblutungsstörungen können zum Beispiel durch Stress, aber auch durch zu wenig Trinken hervorgerufen werden. Am häufigsten jedoch führt eine Schädigung im Innenohrbereich zum Tinnitus. Durch Altersschwerhörigkeit, einen Hörsturz oder ein Lärm- oder Knalltrauma werden die Sinneszellen in der Hörschnecke des Innenohrs, die so genannten Haarzellen, geschädigt.

Doch wie funktioniert das genau? Trifft ein Geräusch auf das Trommelfell, wird es über die Gehörknöchelchen auf das Innenohr übertragen und dabei 22-fach verstärkt. Ist eines der Knöchelchen defekt, kann es hier schon zu Fehlübertragungen kommen. Im Innenohr wird der Schall dann von den Hörzellen in elektrische Impulse umgewandelt, die ins Gehirn weitergeleitet werden. Bei einer Störung dieses Prozesses kann es zu einer Überregbarkeit oder Fehlsteuerung der Hörzellen im Innenohr kommen, wodurch die Eigengeräusche der Zellen stärker wahrgenommen werden. Das ist dann das Geräusch, das man als Tinnitus bezeichnet. Nun wird der Reiz an das Hirn weitergeleitet, wo sich Strukturen befinden, die wie Filter wichtige von unwichtigen Geräuschen trennen. Hier liegt eine weitere mögliche Tinnitus-Ursache. Denn wenn diese inneren Hörfilter erweitert sind, wenn sie wie die ausgeleierten Löcher eines Siebs mehr Schall-Impulse durchlassen, kann es auch beim besten Hörvermögen zu einem übermäßigen Wahrnehmen des normalen Grundrauschens im Ohr kommen.

Dieses Rauschen wird außerdem an Gefühlszentren im Hirn (das limbische System) weitergeleitet, es findet ein Vergleich mit bereits vorhandenen Geräuschmustern statt. Das dauerhafte Tinnitus-Geräusch hat keine Entsprechung in der Außenwelt, das Hirn reagiert mit Stress auf einen Stimulus, den es nur als sinnlos einstufen kann.

Stress spielt bei Tinnitus gleich mehrfach eine Rolle. Er führt dazu, dass sich die Filter im Hirn erweiterten. Hinzu kommt nun der Stress, den der Tinnitus im Gefühlssystem erzeugt: die Hörfilter erweitern sich zusätzlich - ein Teufelskreis, der das Geräusch immer stärker werden lässt.

Somit verlagert sich der Tinnitus zunehmend vom Ohr ins Hirn. Würde man in in einer späteren Phase den Hörnerv völlig durchtrennen, so würde man den Tinnitus trotzdem weiter hören.

Tinnitus kann auch durch eine Verletzung oder Verrenkung der Halswirbelsäule, die die Durchblutung des Innenohres beeinträchtigt, hervorgerufen werden. Sogar übermäßiges Knirschen wird mit dem Hörproblem in Verbindung gebracht. Allerdings sind sich die Mediziner über die Gründe noch nicht ganz einig. Sind es Überleitungen durch eine verspannte Kiefermuskulatur, durch die die Ohrgeräusche entstehen können? Oder ist es der Stress, der sich zuerst im Knirschen und dann - unabhängig vom Knirschen - in den Ohrgeräuschen niederschlägt?

Sogar Aspirin kann Ursache sein: es trägt, in übermäßigen Mengen genossen (mehr als drei Gramm pro Tag), zu einer Schädigung der Hörnerven.

Was kann man also machen? Die Therapie-Schritte, die Manfred Schwarz beschreibt, seien schon die richtigen, sagt Birgit Mazurek. Infusion und medikamentöse durchblutungsfördernde Mittel bei akutem Tinnitus. Die Mehrzahl der Fälle hätte danach keine Geräusche mehr, sagt sie.

Von anderen Therapieverfahren wie der Lasertherapie rät sie ab, denn der Laser käme erst gar nicht an das Innenohr heran. Auch die Sauerstofftherapie sei wissenschaftlich nicht begründet, sie wird daher auch nicht von der Kasse bezahlt. Akupunktur hingegen sei etwas, das keinen Schaden anrichtet. In einigen chronischen Fällen könnte es sogar geholfen haben - doch auch da fehlten verlässlichen Befunde. Sehr wichtig sei der erste Kontakt mit dem Arzt, der dem Patienten vor allem die Angst nehmen müsse. Denn häufig verhindere die Furcht, es gebe keine sichere Therapie, die Heilung.

Chronischer Tinnitus wird am besten mit der "Retraining-Therapie" behandelt. Dabei wird dem Patienten das Überhören oder Weghören wieder beigebracht. Er soll lernen, das störende Geräusch aus seinem Bewusstsein zu verdrängen. Denn wenn man einmal fälschlicherweise lernen konnte, dass sich ein fallendes Blatt wie ein D-Zug anhört, dann kann man auch lernen, das fallende Blatt wieder wie ein fallendes Blatt zu hören - zumindest fast so. Das ist aber nicht einfach und macht eine Zusammenarbeit mit Ärzten, Psychologen und Hörgeräteakustikern nötig. Ziel ist es, die Ohren wieder von der übertriebenen Innenwahrnehmung "nach außen zu klappen". Neben genauer Aufklärung wie Tinnitus überhaupt funktioniert, helfen auch Entspannungstechniken und spezielle Hörgeräte.

Die Tinnitus-Forscher an der Charité suchen im Moment Antworten auf die Frage, wie man Hörzellen wieder regenerieren kann. Doch dabei stehen sie aber erst am Anfang. Ein wichtiges Protein ist zwar schon gefunden. Aber man müsste erst einmal verstehen, wie Hörzellen überhaupt wachsen. Noch stehen die Forscher vor vielen Rätseln. Die einzigen Lebewesen etwa, bei dem Hörzellen von alleine nachwachsen, sind Vögel. Beim Menschen bedeutet kaputt im Moment noch: für immer kaputt.

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