Tinnitus : Ich höre was, was du nicht hörst

Bluthochdruck, Hörsturz, Schleudertrauma, Stress: Quälende Ohrgeräusche können viele Ursachen haben. Eine Vier-Säulen-Therapie kann helfen.

Adelheid Müller-Lissner

Die Zukunftsmusik zuerst: Eines Tages könnten Stammzell- und Gentherapien gegen Schwerhörigkeit und lästige Ohrgeräusche helfen. Stammzellen werden dann möglicherweise im Bereich der Hörschnecke platziert, entwickeln sich dort zu Hörsinneszellen und machen Hörgeschädigte wieder gesund. Oder Gene, die bei der Entwicklung des Innenohrs schon im Mutterleib eine Rolle spielen, werden per Viren-„Taxi“ in die Hörschnecke hineingeschleust und regen die Bildung neuer Hörsinneszellen an. „Bei Maus, Ratte und Meerschweinchen klappt es schon, und in den USA werden demnächst wahrscheinlich erste Versuche starten, bei denen Menschen dieses Math-1-Gen in die Hörschnecke installiert bekommen“, erzählt die HNO-Ärztin Birgit Mazurek, die das Tinnitus-Zentrum in der HNO-Klinik der Charité auf dem Campus Mitte leitet.

Tinnitus – die lateinische Vokabel steht für „Geklirr“ oder „Klang“ - ist vor allem bei älteren Patienten oft Folge von Hörstörungen. Andere – meist jüngere – Patienten bekommen die Ohrgeräusche vor lauter Stress. Aber auch ein Schleudertrauma oder ein schlecht behandelter Bluthochdruck können die Ursache sein. „Tinnitus hat viele Ursachen, es hat eigentlich nicht den Stellenwert einer eigenen Erkrankung“, erklärt Birgit Mazurek.

So vielfältig wie die Ursachen ist auch die Behandlung. Wie sie heute aussieht, hängt aber nicht zuletzt davon ab, wie lange der Betroffene schon vom Tinnitus gequält wird. Kurz nach dessen erstem Auftreten lohnt der Versuch einer durchblutungsfördernden Therapie mit Tabletten oder Infusionen. War auch ein Hörsturz im Spiel, wie bei etwa einem Drittel der Patienten, dann wird auch Kortison verordnet. „Außerdem sollte man die Halswirbelsäule untersuchen“, sagt Birgit Mazurek. „Viele Patienten haben hier Veränderungen, die Auswirkungen auf die Blutversorgung haben können, dadurch kann Tinnitus getriggert und verstärkt werden.“ Schon an diesem Punkt brauchen die HNO-Ärzte also die Unterstützung durch andere Fachdisziplinen.

Zum absoluten Muss wird Teamwork, wenn der Tinnitus chronisch geworden ist, und das ist nach drei Monaten der Fall. Auf der Suche nach Erlösung von der Dauerqual haben Ohrgeräusch-Opfer dann womöglich schon mehrere Spezialisten konsultiert. „Wer Heilung verspricht, verspricht meist zu viel, denn die Wunderwaffe haben wir noch nicht gefunden“, kommentiert die Charité-Medizinerin nüchtern. Dass heißt jedoch keineswegs, dass man nichts tun könnte. Im Gegenteil, die Behandlung sollte besonders vielfältig sein. Wer mit dem Leiden in das Tinnitus-Zentrum kommt, wird zunächst von Internisten, HNO-Ärzten und Orthopäden untersucht, bekommt bei Bedarf Blutdruckmittel oder Physiotherapie verordnet. Und dann gibt es noch die vier stabilen Säulen der Retraining-Therapie. Erste Säule: Aufklärung und Information darüber, dass beim Tinnitus nicht unbedingt das Hören selbst, sondern die Verarbeitung von Höreindrücken im Gehirn gestört ist, weil verschiedene Schaltstellen nicht mehr gut zusammenarbeiten, die beim komplizierten Vorgang des Hörens wichtig sind, und dass die Ausschüttung von Hirnbotenstoffen sich verändert hat. In der Ambulanz des Tinnituszentrums kann man – zweite und dritte Säule – Entspannungsverfahren erlernen und mit psychologischer Unterstützung damit beginnen, die Fehlverarbeitung wieder zu verlernen. Dabei helfen leise Geräusche, auf die man sich konzentrieren muss, auch Rauschgeneratoren können helfen. Das leise Rauschen, das diese Geräte beständig einspielen, steigert die Aktivität der Nervenbahnen und drängt den lästigen Geräusch-Konkurrenten ins Abseits. Adelheid Müller-Lissner

Tinnnituszentrum der Charité, Telefon: 450 55 50 09. Im Internet: www.charite.de/hno/tinnitus/

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