Tinnitus : Klirren im Ohr

Wer einen Tinnitus hat, hört ständig ein Pfeifen, Summen oder Pochen, das sonst niemand wahrnimmt. Experten sagen, dass es Patienten gut tut, an Selbsthilfegruppen teilzunehmen. Zwei gibt es in Berlin.

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Das quälende Ohrgeräusch kann das ganze Leben belasten.
Das quälende Ohrgeräusch kann das ganze Leben belasten.Foto: dpa

Ich höre was, was du nicht hörst: Jeder Vierte hatte einer Studie zufolge schon einmal ein solches Geräusch im Ohr, zumindest für ein paar Minuten. Ein Pfeifen, Klingeln, Knarren, Rauschen, Piepsen, Summen, Brummen, Zischen oder Pochen, das nur er allein hören konnte - und musste. Bei drei Millionen Menschen in Deutschland ist der Tinnitus (lateinisch-lautmalerisch für „Geklirr“) zum ständigen Begleiter geworden.

Die Berlinerin Tamara Oetting ist eine von ihnen. Bei ihr kommt noch hinzu, dass sie unter dem Morbus Menière leidet, der ihr immer wieder Anfälle von Drehschwindel beschert. Im Vergleich zu den Ohrgeräuschen ist das für sie jedoch das kleinere Problem. „Am Anfang war meine Ungeduld groß“, sagt die 60-Jährige. Sie wollte den Tinnitus loswerden, mit dem seit nunmehr 19 Jahren lebt.

Inzwischen weiß sie, was sie dagegen tun kann. Sie hat gelernt, verschiedene Entspannungsverfahren zu nutzen. Sie weiß, wie gut ihr Bewegung tut. Und sie schätzt die Ablenkung. Dabei helfen Geräusche: Deshalb hört sie im Büro Musik, schätzt sogar den dezenten Verkehrslärm, der von der Neuen Grünstraße in Mitte nach oben dringt, und an sommerlich-heißen Tagen auch das Surren des Ventilators, der etwas Abkühlung bringt.

Oetting engagiert sich in der Deutschen Tinnitus-Liga (DTL), die in ganz Deutschland rund 14 000 Mitglieder hat. Deren Berliner Beratungsbüro in Mitte ist an drei Tagen die Woche ganz Ohr für die Anliegen von Menschen, die einen Hörsturz erlitten haben, unter Tinnitus und stark erhöhter Geräuschempfindlichkeit (Hyperakusis) leiden.

Tinnitus ist ein Symptom, keine reine Krankheit

Tinnitus ist keine einheitliche und reine „Ohrenkrankheit“. Die Fachleute betrachten ihn zunächst einmal als Symptom. Häufig beginnt alles mit Schädigungen der inneren und äußeren Haarzellen der Hörschnecke im Innenohr. Mit Innenohr-Schwerhörigkeit also: Geräusche von draußen, die als Schallwellen über die Gehörgänge, das Trommelfell, und das Mittelohr zum Innenohr gelangen, können dort nur ungenügend aufgenommen und verarbeitet werden. Das Risiko dafür nimmt mit dem Alter zu, gefährdet sind aber auch alle, die viel Lärm um die Ohren haben, unter anderem Berufsmusiker. Bei einigen von ihnen gibt es auch Risiken, die mit dem Instrument zu tun haben, etwa Verspannungen der Halswirbelsäule bei Geigern, die dazu führen können, dass die Arterie eingeengt wird, die durch die Wirbelsäule zieht und auch das Innenohr versorgt. Dann ist die Versorgung vorgeschädigter Hörzellen im Innenohr schwieriger. Aber auch internistische Erkrankungen wie Bluthochdruck oder verkalkte Halsgefäße können das Gehör schädigen. Neben den HNO-Ärzten sind deshalb zunächst Internisten und Orthopäden gefragt. Doch auch wer dauerhaft unter Stress steht – den es bekanntlich selbst im geräuscharmen Büro geben kann – hat ein zweifach erhöhtes Risiko, zum Opfer lästiger Ohrgeräusche zu werden. Das hat eine Untersuchung von Barbara Canlon aus dem schwedischen Karolinska Institut gezeigt.

Auch wenn ein Tinnitus recht unterschiedliche Ursachen haben kann: Die Fehlverarbeitungen von akustischen Signalen, die sich dabei nach und nach im Kopf einstellen, scheinen einem einheitlicheren Muster zu gehorchen. Der Leidensdruck entsteht neueren Forschungen zufolge vor allem durch Veränderungen im Bereich des Hippocampus, einer Gehirnregion, die wichtige Funktionen für das Gedächtnis hat. Nach drei Monaten gilt ein Tinnitus als chronisch. Dann gehört das Hören der quälenden Ohrgeräusche so sehr dazu, ist so nachhaltig gelernt und ins Gedächtnis eingebrannt, dass Infusionen oder Tabletten mit durchblutungsfördernden Mitteln oder Cortison, die in der Anfangsphase einen gewissen Stellenwert haben, nicht mehr helfen. Das heißt jedoch keineswegs, dass man sich den störenden Geräuschen still ergeben müsste. Seit Jahren treffen sich die (im Lauf der Zeit wechselnden) Mitglieder einer Selbsthilfegruppe in Charlottenburg in den Räumen der Selbsthilfe-Kontakt-und-Informationsstelle Sekis. Seit knapp einem Jahr gibt es diese Möglichkeit zum Austausch nun auch in Mitte. Einmal im Monat trifft man sich, um „von gleich zu gleich“ über die lästigen Geräusch-Begleiter zu sprechen, Tipps für den Umgang mit ihnen auszutauschen, um gemeinsam Entspannungsübungen und sich gegenseitig Mut für den Alltag zu machen.

„Eigentlich schwebt uns vor, so etwas an sechs bis sieben Orten in der Hauptstadt anzubieten", sagt Oetting. Denn der Bedarf ist groß. Nicht zuletzt, weil viele zweifelhafte Hilfsmittel auf dem Markt sind. „Wer von Tinnitus betroffen ist, der leidet oft so, dass er bereit ist, viel Geld für nicht geprüfte Hilfsmittel auszugeben“, sagt Tamara Oetting. „Dabei ist regelmäßige Bewegung in der Natur, bei der man zum Beispiel das Rauschen der Blätter und das Plätschern des Wassers genießt, gratis zu haben. Und man kann sich vornehmen, während eines verlängerten Wochenendes immer wieder einmal das Breitbandrauschen des Meeres zu genießen, das in der Regel den Tinnitus abdeckt.“

Eine Befragung der DTL aus dem Jahr 2004 ergab, dass es deren Mitgliedern, die Beratungs- und Selbsthilfeangebote nutzen, nach einiger Zeit deutlich besser ging als Tinnitus-Geplagten ohne diese Angebote. Das ist zwar „nur“ eine subjektive Einschätzung. Doch es ist ziemlich viel angesichts eines Phänomens, das Menschen jahrelang ganz subjektiv und persönlich belästigt. „Zumindest aus Sicht der Betroffenen lässt sich ziemlich klar sagen: Selbsthilfe wirkt“, urteilt der Psychologe Christopher Kofahl vom Uniklinikum Hamburg-Eppendorf, Mitautor einer Studie, für die Mitglieder aus Tinnitus-Selbsthilfegruppen befragt wurden.

Eine weitere Untersuchung, die das Bundesministerium für Gesundheit finanziell unterstützt, zeigt darüber hinaus, dass auch die Sprecher der Selbsthilfegruppen, die die Treffen strukturieren, von ihrem Engagement profitieren. Vier von fünf dieser Aktiven sagen, das sei derzeit eine ihrer sinnvollsten Tätigkeiten. Tamara Oetting empfindet es genauso.

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