Gesundheit : Tödliche Abhängigkeit

Schwere Vorwürfe der Weltgesundheitsorganisation gegen deutsche Politiker und Wissenschaftler

Rosemarie Stein

Eine höchst gefährliche Epidemie ist dies im Urteil der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Weltbank. Allein in Deutschland sterben jährlich 110 000 bis 140 000 Menschen daran, jedem Tag 300 bis 350 – mehr als an Aids, Verkehrsunfällen, Morden, Selbstmorden, Alkohol und illegalen Drogen zusammen. Gemeint sind die tabakbedingten Krankheiten. „Der Tabakepidemie Einhalt gebieten", heißt eine Broschüre der Weltbank, die jetzt vom Deutschen Krebsforschungszentrum in deutscher Übersetzung herausgegeben wurde.

Es geht darin zwar vor allem um die politischen und wirtschaftlichen Aspekte der Tabakkontrolle, das Motiv ist aber die extreme Gesundheitsgefährdung durch das Rauchen. Auf Grund neuerer Forschungsergebnisse sind die Risiken, ihre Entwicklung und ihre Dimensionen in einem Kapitel des Buches zusammengefasst.

Ein Schichten-Problem

Die „Tabakepidemie“ breitet sich vor allem in den ärmeren Ländern und in den niedrigen sozioökonomischen Schichten der reicheren Länder weiter aus. In Großbritannien zum Beispiel rauchen nur noch zwölf Prozent der Männer und zehn Prozent der Frauen der Oberschicht, aber 35 Prozent der Männer und 40 Prozent der Frauen der untersten Schicht. Dies erklärt das – in der Unterschicht etwa schon im mittleren Alter verdoppelte – Sterberisiko etwa zur Hälfte. Die jungen und sehr jungen Raucher – in Deutschland liegt das durchschnittliche Einstiegsalter jetzt bei 13,6 Jahren – unterschätzen die Gefahr, abhängig zu werden. Schon ein großer Teil der Sechzehnjährigen kann nicht mehr aufhören. Das Suchtpotenzial des Nikotins ist so groß, dass von den Gewohnheitsrauchern, die ohne Hilfe aufzuhören versuchen, binnen einem Jahr 98 Prozent rückfällig werden.

Der frühe Beginn ist so verhängnisvoll, weil zum Beispiel das Lungenkrebsrisiko mehr von der Zeitdauer des Rauchens als von der täglichen Zigarettenzahl abhängt, stellten die Wissenschaftler fest. Langzeitstudien, die zum Teil mehr als eine Million Menschen einschlossen, lieferten zuverlässige Belege über die Art, „wie das Rauchen tötet“: In den USA haben Raucher ein „20 Mal höheres Risiko, in mittlerem Alter an Lungenkrebs zu sterben als Nichtraucher, und ein dreifach höheres Risiko, in mittlerem Alter an Gefäßkrankheiten wie Herzinfarkt, Schlaganfall und anderen Arterien- und Venenkrankheiten zu Tode zu kommen“.

In wohlhabenden Ländern wie Deutschland sind heute Herzkrankheiten die häufigste rauchbedingte Todesursache. Zudem ist das Rauchen hier auch die Hauptursache für chronische Bronchitis und Lungenemphysem. Und was den Krebs betrifft, so wird ihm durch den Tabakrauch mit seinen mindestens 40 krebserregenden Substanzen durchaus nicht nur in der Lunge der Weg geebnet, sondern auch in vielen anderen Organen. Als Beispiele nennt die Broschüre Blasen-, Nieren-, Kehlkopf-, Mund-, Bauchspeicheldrüsen- und Magenkrebs. Auf Grund der Ergebnisse wissenschaftlicher Studien aus aller Welt wird geschätzt, dass jeder zweite Langzeitraucher durch seinen Zigarettenkonsum vorzeitig ums Leben kommt und nicht nur jeder vierte, wie bisher angenommen.

Vier Millionen Tote pro Jahr

Die Hälfte dieser Tabakopfer stirbt schon in mittleren Jahren. Die Experten schätzen, dass der Tabak auf der ganzen Welt jährlich etwa vier Millionen Menschen tötet; bei Erwachsenen wäre das jeder zehnte Todesfall, bis 2030 wahrscheinlich sogar jeder sechste. „Wenn der jetzige Trend anhält, werden etwa 500 Millionen der heute lebenden Menschen schließlich durch Tabakrauchen umkommen, die Hälfte davon im produktiven mittleren Alter unter dem Verlust von durchschnittlich 20 bis 25 Lebensjahren“, heißt es in dem Buch.

Neben der eigenen Gesundheit gefährden Raucher auch die anderer. Für Kinder rauchender Mütter ist das Passivrauchen sogar lebensgefährlich, besonders vor der Geburt; einem Gesundheitsrisiko (Lungenkrebs, Herz-Kreislaufleiden) werden aber auch die erwachsenen Angehörigen und Kollegen von Rauchern ausgesetzt.

Aufhören lohnt sich: Britische Ärzte, die das Rauchen vor dem 35. Lebensjahr aufgaben, haben dieselbe Lebenserwartung wie Nie-Raucher, und auch in höherem Alter aufzuhören, steigert die Überlebenschancen noch.

Zur Bekämpfung der „Tabakepidemie“ sollte man, so empfiehlt die Weltbank, nicht nur beim Individuum ansetzen, sondern die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen ändern, zum Beispiel die Tabaksteuer erhöhen und die Werbung unterbinden. Das entspricht dem WHO-Konzept einer gesundheitsfördernden Gesamtpolitik. Die WHO will im Mai eine „Rahmenkonvention zur Tabakkontrolle“ verabschieden, die von den allermeisten Ländern befürwortet wird.

Deutschland hat ihr nach langem Zögern zwar soeben zugestimmt, aber mit einer wesentlichen Einschränkung. Es blockiere „als einziges EG-Land nach wie vor alle Anstrengungen, ein weltweites, vollständiges Tabakwerbeverbot durchzusetzen“, kritisiert die Bundesärztekammer. Damit seien wir „international völlig isoliert“. Ein Werbeverbot sei verfassungswidrig, heißt es von seiten der Bundesregierung. Aber das Bundesverfassungsgericht hat schon 1997 ein Tabakwerbeverbot wegen der enormen Gesundheitsschäden für möglich gehalten.

Den wahren Grund nannte im vergangenen Jahr WHO-Abteilungsleiter Derek Yach: In Deutschland ließen sich die Politiker und auch viele Wissenschaftler von der Tabakindustrie manipulieren.

Die Broschüre der Weltbank ist gratis erhältlich beim WHO-Kollaborationszentrum für Tabakkontrolle des Deutschen Krebsforschungszentrums, Heidelberg, Im Neuenheimer Feld 280; Telefon: 062 21 / 42 30 07, Fax: 062 21 / 42 30 20, E-Mail: who-cc @kfz.de.

Hilfe gibt es auch beim Nichtraucherbund Berlin, Telefon: 77 05 94 96.

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