Gesundheit : „Toleranz und Respekt systematisch einüben“

Die Berliner Bildungsforscherin Olga Zlatkin-Troitschanskaia fordert eine neue Schulkultur

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Frau ZlatkinTroitschanskaia, bei Pisa II schneidet Deutschland erneut mäßig ab. Was muss passieren, damit wir beim nächsten Test 2006 besser dastehen?

Das Bildungssystem benötigt stabile und zuverlässige Richtlinien und auch finanzielle Ressourcen, die die alltägliche Schularbeit entlasten – und den einzelnen Schulen gleichzeitig Spielräume für Veränderungen geben. Viele Lehrkräfte und Schulleiter begreifen die vielen Reforminitiativen als unübersichtlich und daher als zusätzliche Belastung. Bei der passgenauen Umsetzung der Reformen fühlen sie sich weitgehend allein gelassen.

Was tun, um Kinder aus bildungsfernen Milieus und aus Migrantenfamilien in der Schule erfolgreicher zu machen?

Die obligatorische Sprachstandsfeststellung bei Fünfjährigen, die mit dem neuen Berliner Schulgesetz eingeführt wurde, ist positiv zu bewerten. Aber der Diagnose muss immer ein konkretes Förderangebot folgen. Erziehern und Lehrern müssen die entsprechenden Kompetenzen vermittelt werden. Die großen sozialpolitischen Folgeprobleme, die sich aus dem Anwachsen der Migrantenbevölkerung ergeben, kann die Schule nicht allein bewältigen. Sie stellen ein gesamtgesellschaftliches Problem dar, an dessen Lösung alle mitarbeiten müssen – Politik, Wirtschaft und nicht zuletzt auch die Migranten selbst.

Auch beim Übergang von der Schule in die Ausbildung stolpern viele: Vor allem Hauptschüler sind oft nicht ausbildungsfähig.

Bei den Debatten über alle möglichen Bildungsreformen gerät das Primärziel aus dem Blickfeld: Die Sicherung der Basiskompetenzen wie Lesen, Sprachverstehen und Rechnen. In einer modernen Gesellschaft muss es einen Konsens darüber geben, dass die Vermittlung von Kulturgütern von einer Generation zur anderen gesichert ist.

Wie können wir das erreichen?

Bis diese Mindeststandards in sozial und ethnisch vielfältigen und gleichzeitig unterfinanzierten Großstädten wie Berlin erreicht sind, sollten Bildungsreformen mit anderen Zielen zurückgestellt werden. Wir können uns kein neues Programm zur Hochbegabtenförderung leisten, solange noch bis zu 30 Prozent eines Altersjahrgangs die Schule ohne Abschluss verlassen. Die Politik sollte auch an die Folgekosten mangelnder Sprachkenntnisse denken. Dabei geht es nicht nur um Sozialhilfe. Auch berufsvorbereitende Maßnahmen, die Jugendliche teilweise in mehreren Schleifen durchlaufen, sind teuer, und die Erfolgsquote ist unbefriedigend.

Aber wie sollen die Schulen Kinder ins Boot holen, die nicht motiviert sind zu lernen – und Disziplinprobleme haben?

Wir brauchen eine demokratische und leistungsorientierte Schulkultur. Wo in einer Klasse Kinder aus verschiedenen sozialen Milieus und Religionen zusammensitzen, sollte die Schule ihnen diese unterschiedlichen Werthaltungen nahe bringen, und sie gleichzeitig Toleranz und Respekt vor den elementaren Werten unserer Zivilgesellschaft lehren. Das muss systematisch eingeübt werden, auch in Wertediskussionen mit den Lehrern. Eine demokratische Schulkultur wirkt sich auch auf die Atmosphäre im Klassenraum im Sinne erhöhter Lerndisziplin aus.

Das Gespräch führte Amory Burchard.

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