Gesundheit : Tonmeister: Die Klangjongleure

Tom Heithoff

Das Klavier ist viel zu mächtig. Matthias Brückner gefällt der Klang noch nicht. In dieser Aufnahmesitzung ist er für die Klangästhetik verantwortlich. Er bittet einen Kommilitonen, noch einmal die Mikrofonstellung zu verändern. Der springt auf die Bühne und verschiebt das Mikrofon um einige Zentimeter. Erneute Probe. Erneute Korrekturen. Aus der Aufnahmekabine, die über der Bühne des Konzertsaales Bundesallee der Hochschule der Künste hängt, gibt Matthias Brückner über Lautsprecher die Kommandos. Die Gesangsstimme verliert sich noch zu sehr im Raum. Die Sängerin soll "etwas näher ans Mikro". Die Vorbereitungen zur Aufnahme eines Liederzyklus von Edvard Grieg sind jetzt abgeschlossen. Die erste Aufnahme kann beginnen. Die fünf Tonmeister-Studenten der HdK quetschen sich hinter das riesige Mischpult. Pulttonmeister Sebastian Gabler bekommt das Startkommando. "Band ab!"

Tonmeister ... Meister der Töne ... Das klingt, als ginge es um das Erlernen der Tonkunst. Aber der Tonmeister ist in der Regel kein Vollblutmusiker und soll auch keiner werden. Meister des Wohlklangs - das kommt der Sache schon näher. Tonmeister werden vor allem bei anspruchsvollen Studio-Aufnahmen und Konzerten benötigt, um die Musik zur bestmöglichen Geltung zu bringen. Im Unterschied zu Tontechnikern oder -ingenieuren, die an Fachhochschulen oder Technischen Unis eine überwiegend technische Ausbildung absolvieren, wird vom Tonmeister zusätzlich eine überdurchschnittliche Musikalität sowie ein hohes Maß an psychologischem Geschick verlangt. Der in der Fakultät Musik angesiedelte Studiengang ist in Deutschland eine Rarität; außer an der Hochschule der Künste kann dieses Fach nur noch an der Hochschule für Musik in Detmold studiert werden.

Das Mischpult besteht aus Hunderten von Reglern und Steckverbindungen. Es ist so groß wie ein Doppelbett. Hier zuckt ein Zeiger, dort leuchten rote und grüne Lämpchen. Jedes Instrument bekommt eine eigene Spur zugewiesen und damit mehr als 50 Knöpfe und Schieberegler. Um ein Orchester aufzunehmen, müssen gut 30 Mikrophone gestellt und gehängt werden. Aber die Technik ist nur das Handwerkszeug.

Die Kunst des Wohlklangs

Die Kunst des Tonmeisters fängt jetzt erst an. Er muss nicht nur entscheiden, welches Mikrofon für welches Instrument, für welche Stimme, für welchen Raum geeignet ist, er kontrolliert vor allem den Klang, die Ausgewogenheit zwischen den Instrumenten und bestimmt das Klangbild. Ein Nachhalleffekt, der über das Mischpult eingegeben werden kann, bewirkt, dass der Interpret "nach hinten verschwindet". Man kann nachträglich Frequenzen anheben oder abschwächen. Diese Entscheidungen dürfen natürlich nicht allein von persönlichen Vorlieben abhängen, sondern müssen musikalisch oder textlich begründet werden.

"Wir verstehen uns als Partner des Künstlers", sagt der Leiter des Studiengangs Johann-Nikolaus Matthes. "Eine Aufnahme kann nur dann gut werden, wenn man versteht, was der Musiker tut." Der Tonmeister muss daher hohe Musikalität und Kenntnisse der Musik mitbringen. Auf dem Studienplan stehen "Instrumentenkunde, Musikgeschichte, Werk- und Stilkunde". Einen zentralen Platz nimmt die Gehörbildung ein. Studierende belegen ein Hauptfachinstrument, zudem ist "Klavier" Pflicht. Außerdem müssen sie Partituren lesen können! "Die Anforderungen entsprechen denen des Dirigenten - solistentauglich muss man aber nicht sein", sagt Matthes.

Im Konzertsaal sind inzwischen mehrere "Takes", also Aufnahmen, gemacht worden. Das Klangbild ist ausgewogen - nun geht es um die interpretatorischen Feinheiten. Einmal ist "die Stimme zu schleppend", ein anderes Mal sind Klavier und Stimme "bei den Abschlüssen nicht zusammen" oder ein Part "muss weicher, geheimnisvoller werden". Der Tonmeister muss nicht nur stets ein Ohr für die Interpretation haben, er liest auch die Partitur mit und bestimmt bei einer falsch gespielten oder vergessenen Note den Abbruch der Aufnahme. Nach einem "Take" hören sich Künstler und Tonmeister gemeinsam die Aufnahme an, kommentieren und einigen sich darüber, an welchen Stellen was verbessert werden soll.

Fit in Klassik und Pop

In Berlin absolvieren die zur Zeit 54 eingeschriebenen Studierenden einen Teil der Ausbildung an der Technischen Universität, darunter sind Lehrveranstaltungen zur "Einführung in die naturwissenschaftlichen Grundlagen von Sprache und Musik", "Elektronik" und "technische Akustik". Einen besonderen Schwerpunkt bilden an der HdK Seminare zur Musikübertragung, in denen das technisch-analytische Hören und die Tongestaltung erlernt wird. Im Hauptstudium kann man sich auf U- oder E-Musik spezialisieren, jedoch kommt auch der Pop-Tonmeister nicht darum herum, in einem der fünf Studios Klassik-Aufnahmen zu organisieren und auszuführen; Vielseitigkeit nämlich wird an der HdK groß geschrieben.

Diese umfassende Ausbildung hat zur Folge, dass die Regelstudienzeit von zehn Semestern in der Regel nicht eingehalten wird. "Das Studium ist, wenn man es ernsthaft betreibt, nicht unter elf bis zwölf Semestern zu schaffen, da die sich ständig erweiternden und verändernden technischen Möglichkeiten - wie in der Digitaltechnik - auch in die Studieninhalte eingehen", erklärt Matthes. Nur eine sorgfältige Ausbildung sei sinnvoll. "Wir nehmen nur wenige Studenten, aber denen bieten wir alles."

Wer über eine Doppelbegabung in musikalischer und technischer Hinsicht verfügt, ein überdurchschnittlich feines Gehör und die allgemeine Hochschulreife besitzt und "wegen der altersabhängigen Verringerung der oberen Hörfrequenzgrenze" nicht älter als 28 Jahre ist, kann sich zum Sommer- oder Wintersemester an der HdK bewerben (telefonische Auskünfte über 3185-2204). Die Auswahl ist sehr streng, die Anforderungen sind hoch. 160 bis 180 Interessierte bewerben sich im Jahr - angenommen werden pro Semester vier.

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