Gesundheit : Topfit in die Rente

Alternsforscher sagen: Viele Senioren sind heute körperlich und geistig zu jung für den Ruhestand

Rosemarie Stein

Wir leben nicht nur immer länger, wir bleiben auch länger jung. Die heute 70-Jährigen sind körperlich und geistig so fit wie die 65-Jährigen vor 30 Jahren. Neues zu lernen, fällt Älteren zwar schwerer, dafür aber bleiben kulturgebundene Fertigkeiten wie Sprache, Fachwissen, soziale und emotionale Intelligenz oft sehr lange erhalten und können mit der Lebenserfahrung zum Teil sogar zunehmen. Und dank der Fähigkeit, sich verkleinerten Lebensräumen und körperlichen Einschränkungen anzupassen, sind die Älteren mit ihrem Leben meist ebenso zufrieden wie Jüngere.

Um das noch immer überwiegend negative Bild des Alters zu korrigieren, hob der Alternsforscher Paul Baltes vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung bewusst die positiven Ergebnisse der Alternsforschung hervor. Baltes führte in das – von dem Publizisten Roger de Weck moderierte – erste Max-Planck-Forum ein, das die Max-Planck-Gesellschaft in Berlin veranstaltete und zu dessen Partnern auch der Tagesspiegel gehörte. Das Thema: „Fortschritte des Alterns – Perspektiven einer älter werdenden Gesellschaft.“

Die bedenklichen Perspektiven verschwieg Baltes keineswegs. Die positiven Aspekte gelten für das „junge“ oder „Dritte Alter“, nicht aber für das Gros der Hochbetagten im „Vierten Alter“, das – mit großen individuellen Unterschieden – im neunten Lebensjahrzehnt beginnt. Hier gelangt die Anpassungsfähigkeit an ihre Grenzen; chronische Krankheiten und Behinderungen, Einsamkeit und Abhängigkeit beherrschen das Leben mehr und mehr. Die geistigen Fähigkeiten können nachlassen – bis zur Demenz, von der 15 Prozent der 80-Jährigen und fast die Hälfte der 90-Jährigen betroffen sind.

Die Lebenserwartung steigt schon viel länger und kontinuierlicher als bisher geläufig, sagte die Mathematikerin Jutta Gampe vom Max-Planck-Institut für demographische Forschung in Rostock. Seit 160 Jahren nimmt sie in den führenden Ländern mit erstaunlicher Regelmäßigkeit um jährlich drei Monate zu, und ein Ende ist nicht abzusehen. Der Glaube vieler Experten an eine Obergrenze der Lebenserwartung hat sich immer wieder als Irrglaube erwiesen.

War anfangs die sinkende Kindersterblichkeit maßgebend, so profitieren heute die Älteren und sogar noch die sehr Alten von den verbesserten Lebensverhältnissen. Das hat die nach der Wende rapide gesunkene Sterblichkeit der Ostdeutschen eindrucksvoll gezeigt. Es ist ein komplexes Gemisch ganz verschiedener Faktoren wie Bildung und Wohlstand, Ernährung und Hygiene, Gesundheitsverhalten und medizinischer Versorgung, die Langlebigkeit bestimmt.

Unser Ziel sollte es aber nicht sein, immer länger, sondern besser zu leben, meinte Florian Holsboer vom Münchener Max-Planck- Institut für Psychiatrie. Er hofft auf die Erforschung wirksamer Präventionsmaßnahmen.

Die Alternsforschung hat in Deutschland jedoch Nachholbedarf. Wie Baltes berichtete, wird sie in den USA mit jährlich zwei Milliarden Dollar aus öffentlichen Mitteln und einer weiteren Milliarde aus privaten Mitteln finanziert – mehr als der gesamte Forschungshaushalt der Max-Planck-Gesellschaft oder der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Das starre Renteneintrittsalter ist überholt, darin waren sich die Experten einig. Angesichts der niedrigen Geburtenraten werden wir es uns demnächst gar nicht mehr leisten können, Ältere, die noch topfit und arbeitsfreudig sind, so früh wie jetzt in den Ruhestand zu schicken.

Es ist aber nicht damit getan, die starre Altersgrenze aufzuheben. Vielmehr muss künftig die gesamte Lebenszeit mit Bildungs-, Erziehungs- und Arbeitsphasen flexibel gestaltet werden, forderte Jutta Gampe. Das heißt, die steigende Lebenserwartung erfordert dringend einen Umbau der Gesellschaft.

Ob unsere Gesellschaft für einen solchen radikalen Umbau selbst flexibel genug ist – das stellte Moderator Roger de Weck in Frage. Baltes indes forderte „neue Visionen und einen neuen gesellschaftlichen Willen. Dann“, sagt er, „ist nicht nur die Zukunft das Alter, sondern dann hat das Alter auch Zukunft“.

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