Gesundheit : Transparentes Pantheon

Vom wilhelminischen Bücherlabyrinth zur funktionalen Forschungsbibliothek

Falk Jaeger

Eine Baustelle in Berlin-Mitte, sechs Jahre Bauzeit, doppelt so teuer wie das Kanzleramt? Wohl nur wenige Insider könnten diese Frage beantworten, denn der Umbau der Staatsbibliothek Unter den Linden spielt sich im Verborgenen ab, bei laufendem Betrieb und ohne viel Aufsehens. Bis 2011 soll der mächtige Baukomplex, dem Krieg und DDR-Zeit arg zugesetzt hatten, zu einem schmucken Pantheon des Wissens und zu einer effektiven Arbeits- und Forschungsbibliothek umgebaut werden.

Ernst von Ihne, Lieblingsarchitekt des Kaisers, hatte die Pläne für die Königliche Bibliothek gezeichnet, nicht ohne die beherzte Einflussnahme Wilhelms II., der in architektonischen Angelegenheiten nie um einen Wunsch verlegen war. Die ursprünglich neobarocken Fassaden waren im Lauf der Planung immer mehr in Richtung Frühklassizismus vereinfacht worden. Dennoch wurde der Bau schon bei seiner Einweihung 1914 als pompös, bombastisch und nicht mehr zeitgemäß empfunden.

Von Ihne hatte aber auch alle Register der Repräsentation gezogen. Eine wunderliche Kombination aus monumentaler Tempelfront und Triumphbogen empfing den Besucher und geleitete ihn nicht etwa in das Gebäude, sondern zunächst in den Ehrenhof mit zentralem Springbrunnen. Durch einen zweiten Portikus gelangte er in ein Vestibül mit axialer Treppe und einem kassettierten Tonnengewölbe nach Römerart.

Treppauf schloss sich in der Abfolge der Monumentalräume das eigentliche Foyer an, gefolgt vom Herzen der Anlage, dem zentralen Lesesaal, der mit seiner Riesenkuppel von 38,6 Metern Durchmesser auf achteckigem Unterbau durchaus mit seinen Pendants in Paris, London und Washington konkurrieren sollte. 372 Menschlein konnten in der kathedralhaften Rotunde ihren Studien nachgehen – oder sinnierend das Spiel der Sonnenstrahlen in den Höhen der Kuppel beobachten. Hinter dem großen Lesesaal erstreckten sich in der Verlängerung der Hauptachse der quer gelagerte Lesesaal der Universitätsbibliothek und schließlich deren Foyer und Haupteingang an der Dorotheenstraße. Der gesamte Straßenblock, einer der größten in der Dorotheenstadt, war mit Randbebauung geschlossen. Sieben Innenhöfe ergaben sich durch den Querflügel, den zentralen Lesesaal und die Verbindungsbauten. Erst in der Vogelschau wird die Größe des Komplexes mit 100 000 Quadratmetern Bruttogeschossfläche deutlich.

Zwar gab es ein Rohrpostsystem und eine Bücherförderanlage (an der bis 1937 herumexperimentiert wurde), eine Luftheizung und sogar eine zentrale Entstaubungsanlage. Doch letztlich ist von Ihne, dem vor allem die Repräsentation und insbesondere die Inszenierung des Lesesaals am Herzen lag, an der Aufgabe gescheitert, einen funktionierenden Bibliotheksbau zu erstellen. Die verzweigten Magazine, die weiten Wege und die ungünstigen internen Verbindungen machten dem Personal zu schaffen. Vor allem der Lesesaal erntete beißende Kritik. Er sei zugig, dunkel und habe zu wenig Platz für die Handbibliothek, wurde von Anbeginn Klage geführt. So richtig glücklich waren Nutzer und Betreiber mit dem labyrinthischen Koloss nie.

Im Dezember 1943 traf eine Bombe den Kuppelsaal. Bis zum Kriegsende sank die Hälfte des Gebäudes in Trümmer. Der Neuanfang begann mit Provisorien und Flickwerk. Über den Wiederaufbau des Saals wurde bis 1972 diskutiert, dann begann der Abriss seiner Überreste.

Die wirtschaftlichen Verhältnisse hatten eine Rekonstruktion in weite Ferne rücken lassen. An seiner Statt wuchsen 1984 vier Büchertürme aus Beton in die Höhe, die dringend benötigten Magazinraum für 2,2 Millionen Bände boten. Aus der Fernsicht erweckten sie den Eindruck, als stünde im Hof der Bibliothek ein neuer Hochbunker. Da der Speicher funktional miserabel angebunden war, da die Lesesäle nicht ausreichten, da die technische Ausstattung ein einziges Flickwerk war und da die Devisen für eine Bücherförderanlage nicht zur Verfügung standen, war die Staatsbibliothek in ihrer Funktionsfähigkeit bis zur Wende auf einen Stand vor 1914 zurückgefallen.

Keine Frage also, dass der Bau nach der Wiedervereinigung der Staatsbibliotheken Ost und West am 1. Januar 1992 einer grundlegenden organisatorischen, betriebstechnischen, gebäudetechnischen und denkmalpflegerischen Erneuerung bedurfte. Da das Stammhaus Unter den Linden als Forschungs- und Präsenzbibliothek mit den Altbeständen bis 1945 weitergeführt wird, war ein Kernpunkt der Planungen die Neuerrichtung eines zentralen Lesesaals anstelle des ehemaligen Kuppelsaals. Ein anderer war der Wunsch, die historische Hauptachse wieder in Funktion zu setzen.

HG Merz, 1999 Gewinner des Architektenwettbewerbs, formuliert den Lesesaal als rechteckigen Lichtkörper, der über einer Raumschale aus Büchern schwebt. Im Zentrum der Anlage sitzt der Leser, umringt von der nun ausreichend großen Präsenzbibliothek. Mit dem opak leuchtenden Lichtdom, mit den drei Regalgeschossen in warmroten Holztönen und mit der äußerst zurückhaltenden, feinnervigen Gliederung „wird nicht viel Musik gemacht“ (Projektleiter Johannes Schrey).

Der Merz-Entwurf bleibt in der heutigen Architektursprache, ohne sich der wilhelminischen Haltung anzubiedern. Der Dialog alt-neu wird an anderer Stelle geführt, in Treppenhalle und Vestibül, wo alte Säulen neue Gewölbe tragen, oder im Rara-Lesesaal anstelle des früheren Universitätslesesaals, wo an den Schmalseiten erhalten gebliebene Nischen mit Säulen und Architrav in die moderne Raumkomposition einbezogen werden.

Der Landeskonservator ist zufrieden, die Bibliotheksdirektorin ist zuversichtlich, und die Nutzer freuen sich auf rosige Zeiten, in denen man schon nach 20 Minuten die bestellten Bücher auf dem Arbeitstisch haben wird.

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