Gesundheit : Transparenz

Von Christoph Markschies, Präsident der Humboldt-Universität

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Meine Universität verlangt – wie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit alle deutschen Universitäten –, dass vor dem Antritt einer Reise ein Dienstreiseantrag ausgefüllt wird, kanariengelb ist er in Berlin-Mitte. Und unter den diversen Fragen dieses Papiers nach Dauer, Ziel und Umständen der geplanten Reise findet sich nun auch eine Rubrik, die in etwa so formuliert ist: „Nehmen Sie an einem Vielfliegerprogramm teil?“

Warum sich eine solche Frage im Formular befindet, versteht jeder, der sich an die „Bonusmeilen-Affäre“ des Jahres 2002 und die mit ihr verbundenen Rücktritte prominenter Politiker erinnert. Nicht auszudenken, wenn auch die Universitätsprofessoren so wie einzelne Bundestagsabgeordnete dienstlich erworbene Bonusmeilen für private Zwecke, beispielsweise den ermäßigten Kauf edler Küchenmesser und kostbarer Reisetäschchen nutzen würden.

Aus Angst, hier einen Fehler zu machen, habe ich seit dem Wechsel in das Präsidentenamt die nämliche Frage stets bejaht: Ja, ich nehme an einem Vielfliegerprogramm teil. Freilich auch nur an einem. Genauer gesagt: an einem einzigen. Erst vor zwei Wochen fiel mir (selbstverständlich anlässlich einer Dienstreise) auf, dass die Frage vermutlich anders gemeint ist, als ich sie bisher verstanden habe.

Gefragt wird wahrscheinlich, ob ich am Vielfliegerprogramm derjenigen Fluggesellschaft teilnehme, mit der ich die Dienstreise zu absolvieren gedenke. Ich habe also seit Jahresbeginn zwar unbewusst falsche Angaben auf einem dienstlichen Schriftstück gemacht, aber einer öffentlichen Einrichtung immerhin auch ein klein wenig Geld gestiftet.

Das Wort Transparenz klingt alt, ist es aber offenbar gar nicht. Im Grimmschen Wörterbuch findet es sich nicht, auf „Transparent“ folgt „Transpiration“. Selbst das von mir seit Kindertagen geliebte Transparenzpapier, aus dem unter anderem Lampions gebastelt werden, kannte die Arbeitsstelle des Wörterbuches nicht, als sie 1935 den einschlägigen Band abschloss.

Dabei verdanken wir der Bemühung um Transparenz, beispielsweise um „durchsichtige“, eben transparente öffentliche Finanzen ja keineswegs nur missverständliche Fragen auf Dienstreiseformularen. Wir verdanken ihr unter anderem eine seit 1993 weltweit mit beträchtlichem Erfolg agierende Antikorruptionskampagne (Transparency International), überhaupt ein gestiegenes Bewusstsein dafür, dass Transparenz zu den Grundwerten der politischen Ordnung einer demokratischen Gesellschaft gehört. Dagegen fallen meine zu viel gezahlten Cent nun wirklich nicht ins Gewicht. Besser ein Stück Verwaltungstransparenz zu viel als zu wenig davon.

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