Gesundheit : Transplantationsmedizin: Herztoter als Organspender

Hartmut Wewetzer

Der Tod des einen ist das Leben des anderen. So lautet die einfache Gleichung der Transplantationsmedizin. Auf den ersten Blick verwirrt dabei, dass der Organspender zwar tot ist, sein Herz aber schlägt. Das aber erklärt sich daraus, dass beim hirntoten Spender mit Hilfe künstlicher Beatmung der Kreislauf bis zur Organentnahme am Leben erhalten wird. Jetzt hat ein schwedisches Ärzteteam des Universitätskrankenhauses von Lund jedoch Neuland betreten. Die Ärzte entnahmen einem Patienten die Lunge, dessen Herz bereits vor Stunden aufgehört hatte zu schlagen. Danach pflanzten sie das intakte Atemorgan einer 54-jährigen Frau mit Wabenlunge (Emphysem) ein - mit offenbar gutem Erfolg.

Wie die Ärzte im Fachblatt "Lancet" (Band 357, Seite 825) berichten, handelte es sich bei dem Organspender um einen 54-jährigen Mann. Er hatte einen Herzinfarkt erlitten und war auf die Intensivstation gebracht worden. Dort kam es zum Herzstillstand und zu Wiederbelebungsversuchen, die aber erfolglos blieben. 50 Minuten später wurde der Patient für tot erklärt.

Nachdem die Angehörigen einer Organspende zugestimmt hatten, wurde die Brusthöhle mit eine Kühlflüssigkeit gefüllt, so dass die Lungen besser konserviert wurden. Dann wurden die Hinterbliebenen mit dem Verstorbenen allein gelassen. Schließlich, drei Stunden, nachdem der Mann für tot erklärt worden war, wurden Lunge und Herz gemeinsam entnommen. Das Atemorgan wurde dann einer Frau eingepflanzt, deren eigene Lunge "aus dem letzten Loch pfiff" und nur noch zu einem Drittel funktionierte. Auch fünf Monate nach dem Eingriff arbeitete das fremde Organ noch einwandfrei, berichten die Ärzte.

Von allen lebenswichtigen Organen übersteht die Lunge am besten einen Kreislaufstillstand. Das liegt daran, dass das in ihr enthaltene Blut sauerstoffreich ist und zudem die Lungenbläschen das Atemgas enthalten. Der Sauerstoff dringt durch die Membran dieser Bläschen in die Lunge ein. Wird sie gekühlt, kann sie mehr als zwölf Stunden überleben. Das Kühlen des Organs sollte aber eine Stunde nach dem Tod einsetzen, empfehlen die Mediziner.

"Jeder zweite Todesfall in Schweden ist durch einen Herzkrankheit oder eine Störung der Hirndurchblutung verursacht", schreiben die Ärzte in "Lancet". "Diese Gruppe könnte eine mögliche Quelle für Lungenspenden sein." Allerdings scheint der Weg dahin noch weit, wie ein eher skeptischer Kommentar zu der Studie in der gleichen Ausgabe von "Lancet" unterstreicht. Dort wird darauf hingewiesen, dass das Verfahren auch von der Bevölkerung akzeptiert werden muss, ganz abgesehen von dem erheblichen organisatorischen Aufwand und dem Engagement, das es erfordert. Fraglich sei auch, ob eine klare Trennung zwischen dem Team zur Organentnahme und dem zur Transplantation gegeben sei.

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