Gesundheit : Traumforschung: Kranke Träume

Rolf Degen

Kein Lebewesen, das auch nur einen Funken Verstand besitzt, kann sein ganzes Dasein im Zustand unaufhörlicher Wirklichkeit zubringen. Sogar das Krokodil und die Lerche ziehen sich in regelmäßigen Abständen in die Irrealität des Träumens zurück. Doch wie die Ergebnisse der Forschung beweisen, ist auch der Traumschlaf nicht von bitteren Realitäten entrückt: Seelische und körperliche Krankheiten schlagen sich wie ein Spuk in den Bildern und Gefühlen der nächtlichen Hirngespinste nieder.

Bereits in der griechischen Antike war die Anschauung verbreitet, dass ein intimer Zusammenhang zwischen Krankheiten und dem nächtlichen Traumschlaf existiert. Große Denker wie Hippokrates und Sokrates nahmen den Glauben von Siegmund Freud vorweg, dass im Trauminhalt frühe Vorboten aufziehender Krankheiten zu finden sind. Anfängliche Versuche, die Diagnose alleine auf Basis eines Traumes zu stellen, sind allerdings fehlgeschlagen, da zu viele Überschneidungen zwischen den Träumen verschiedener Patientengruppen bestehen.

Trotz aller Überschneidungen haben die statistischen Auswertungen der vergangenen Jahre den Beweis erbracht, dass seelische und körperliche Krankheiten den Träumen oft einen Drall aufzwingen, der sich in charakteristischen Bildern und Empfindungen verrät. Diese Bilanz zieht der New Yorker Psychiatrieprofessor Milton Kramer in einer neuen Übersicht.

Besonders intensiv wurden die Träume von Depressiven untersucht. Das hängt damit zusammen, dass die Schwermutkrankheit von einem veränderten Schlafprofil begleitet wird, das vor allem die traumbegleitenden REM-Phasen erfasst. Diese Phasen mit den raschen Augenbewegungen sind bei Depressiven intensiver und länger und treten bereits viel schneller nach dem Einschlafen auf. Zudem unterdrücken die stimmungsaufhellenden Antidepressiva den REM-Schlaf, und ein selektiver REM-Schlaf-Entzug tut Depressiven gut. Seltsamerweise können sich Schwermutkranke aber deutlich seltener an Träume erinnern, auch wenn man sie mitten im REM-Schlaf weckt. Die Traumberichte sind kürzer als bei Gesunden, und die charakteristische, negative Tönung der Träume nimmt mit zunehmender Schlafdauer gegen Morgen zu.

Die Szenerie des Traumes ist bei Schwermutkranken auffallend häufig auf vertraute, gleich bleibende Orte beschränkt. Außerdem spielen die nächtlichen Visionen öfter in der persönlichen Vergangenheit. Das Traumuniversum wird überwiegend von Verwandten und nahe stehenden Personen bewohnt. Dreimal so häufig wie bei Gesunden macht das Traum-Ich Depressiver die Erfahrung, sich schlecht, schuldig oder abgelehnt zu fühlen. Psychotherapeuten sehen darin eine "masochistische" Orientierung.

Die Schizophrenie wurde von den frühen Psychoanalytikern als ein "ausgelebter" Traum gedeutet. Schizophrene haben aber insgesamt wenig Interesse an ihrem Traumschlaf, der, wie auch ihre wache Geistestätigkeit, viele bizarre Elemente und unplausible Sprünge enthält. Die paranoide Einbildung, verfolgt zu werden, färbt ebenfalls häufig auf das Traumuniversum ab.

In den Träumen Schizophrener tummeln sich, ganz anders als bei Depressiven, überwiegend Fremde und Unbekannte. Schizophrene sind sich im Traum besonders häufig ihrer selbst bewusst und fühlen sich nicht selten von anderen eingeschränkt. Typisch ist auch die Empfindung, die eigenen Träume seien von außen "aufgezwungen".

Traumatisiert

Bei Patienten mit posttraumatischer Belastungsstörung (PTST) stellen Alpträume - neben Konzentrations- und Erinnerungsstörungen, Apathie und Übererregung - eines der zentralen Symptome dar. Die Träume von Vietnamveteranen, vergewaltigten Frauen oder traumatisierten Kindern sind häufig realitätsnah. Sie kehren noch viele Jahre nach dem Trauma wieder und werden oft durch belastende Ereignisse ausgelöst. Im REM-Schlaf zeichnen sich PTST-Patienten durch eine erhöhte Weckschwelle aus: Es bedarf lauterer Töne, um sie aus dem Traum zu reißen; laut Kramer ein Zeichen für ihre größere Fixierung auf die Innenwelt.

Träume von Alkoholikern sind zu einem erheblichen Anteil negativ getönt und weisen viele gegen das Traum-Ich gerichtete Aggressionen auf. Es gibt Hinweise, dass Alkoholiker, die in der ersten Phase nach dem Entzug häufiger Trinkträume haben, eher abstinent bleiben als Säufer, die im Traum trocken bleiben. Könnte es sein, dass sich die erfolgreichen Abstinenzler im Traum der Versuchung aussetzen und dabei Kraft zur Bewältigung erlangen? Nach einer anderen Studie bleiben auch Raucher, die im Entzug von Zigaretten träumen, häufig "clean".

Was die Träume bei Anorexia nervosa, der Pubertätsmagersucht, angeht, liegen hauptsächlich unsystematische Schilderungen von Psychotherapeuten vor. Sie nahmen in dem Traummaterial vor allem Beziehungslosigkeit, weniger Männer und ein gehäuftes Auftreten der Mutter wahr. Dieses Muster wurde als Streben nach Autarkie und Ablehnung der weiblichen Rolle interpretiert.

Patienten mit Geistesschwäche (Demenz) und geistiger Behinderung weisen überwiegend einfache Träume mit alltäglichem Inhalt auf. Ein weiterer Beweis für die Annahme, dass eine Kontinuität zwischen mentalen Inhalten im Wachleben und im Traumschlaf existiert. Nach der umstrittenen psychoanalytischen Traumtheorie drücken sich körperliche Zustände symbolisch in der Bildsprache der nächtlichen Phantastik aus: das Haus als Symbol des Körpers, der Darm im Bild einer schlammigen Gasse, die atmende Lunge als flackernder Ofen.

Die Berichte über die Träume von organisch Kranken haben indes nur einen anekdotischen Charakter und werden nicht durch statistische Auswertungen untermauert, moniert Kramer. Der Zusammenhang zwischen Schlaf und Migräne ist besonders interessant, weil Migräne häufig direkt aus dem Schlaf heraus beginnt. Am Morgen nach einer Aufwachmigräne sind Traumberichte deutlich durch negative Gefühle, Unglück und aggressive Interaktionen gegen das Traum-Ich getönt. Eine Studie untersuchte die Traumberichte von 17 Patienten mit chronischen Bluthochdruck und fand dort ein gehäuftes Maß an Aggressionen vor. In den Träumen von Patienten mit Magengeschwüren waren besonders "flache" Gefühle zu verzeichnen. Insbesondere die "aktiv negativen" Emotionen waren dünn gesät.

Lebensbedrohlich

Freddy Krüger, das Monster aus den erfolgreichen "Nightmare on Elmstreet"-Filmen, bringt seine Opfer in ihren Alpträumen um. Der Glaube, dass "böse Träume" mit extrem negativen Emotionen bei prädisponierten Personen eine todbringende Wirkung haben können, wird tatsächlich durch Indizien gestützt. In der medizinischen Fachpresse wurden kürzlich Fallbeispiele von relativ jungen Patienten vorgestellt, die mit lebensbedrohlichen, zum Teil sogar tödlichen Veränderungen am Herzen aus erschreckenden Träumen erwachten.

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