Gesundheit : Treffpunkt Tagesspiegel: Das größte Sinnesorgan ist die Haut

Adelheid Müller-Lissner

Die schönste Frage stellte ein Herr erst gegen Ende des Abends. "Kann ich durch eine schmackhafte Mahlzeit bei einer Dame Gefühle entfachen?" Dass Essen und Erotik die Genüsse sind, die alle Sinne des Menschen gemeinsam ansprechen, hatte zu Beginn schon Moderator Justin Westhoff betont. Die Experten auf dem Podium, die sich zum "14. Treffpunkt Tagesspiegel Medizin & Gesundheit" versammelt hatten, konnten die Frage nach dem Wahrheitsgehalt des Sprichworts "Liebe geht durch den Magen" allerdings nicht streng wissenschaftlich, dafür aber persönlich umso überzeugter mit "Ja" beantworten.

Über den "Sinn der Sinne" abstrakt zu sprechen mag ohnehin unangemessen sein, dienen sie doch der direkten Wahrnehmung auch feinster Signale aus unserer Umgebung, ohne die wir die Welt nicht erfassen, nicht angemessen reagieren, aber auch nicht genießen könnten. "Die Sinne trügen nicht, aber das Urteil trügt" hat schon Goethe behauptet. Umso interessanter die Frage, ob der Gebrauch der Sinne auch beim Konsumieren jenes Mediums eine Rolle spielt, das täglich unser Urteil schärfen sollte. "Eine Zeitung muss eine gewisse Wärme ausstrahlen, eine Seele haben" betonte Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur des Tagesspiegel. Die sinnliche Qualität einer Zeitung verschaffe ihr möglicherweise auch den entscheidenden Vorsprung, um der Konkurrenz des Internet zu trotzen.

Was aber, wenn Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und das Empfinden von Berührungen im Leben des Menschen an Bedeutung verlieren sollten? Gibt es evolutionsbedingt eine progressive Verkümmerung der Sinnesorgane? Eine lebenstilbedingte Verkümmerung der Sinnesorgane durch mangelnden oder falschen Gebrauch sehen die Spezialisten für Ohr und Nase durchaus. Das Ohr, so Manfred Gross, am Fachbereich Humanmedizin der Freien Universität für Audiologie und Phoniatrie zuständig, verkümmert heute wegen Überlastung früher. Der Gehörexperte hatte eindrucksvolle Hörproben mitgebracht, die die Einschränkungen demonstrierten, die mit gestörter Schallleitung, einem Wegfall der hohen Frequenzen und mit "Resthörigkeit" einhergehen. Auch durch Hörgeräte können sie nicht vollständig kompensiert werden. Mindestens 14 Millionen Menschen mit medizinisch bedeutsamen Hörstörungen leben in Deutschland, so Gross. Viele Hörprobleme entstehen durch Überlastung des Sinnesorgans. "Bei Kollektivbeschallungen wie der Love-Parade gehen schon einige Ohren verloren", mahnte der Gehörexperte.

Die Zielgruppe dieser Mahnung war allerdings im Publikum bei dieser gut besuchten Veranstaltung kaum vertreten. So konnte sie sich auch nicht über die wesentlich positivere Einschätzung der Techno-Großveranstaltung freuen, die Erwin J. Haeberle abgab: "Sie sind entspannter und lockerer als die SA-Truppen, die in meiner Kindheit an der gleichen Stelle marschierten." Was die Sexualität der Jugendlichen betrifft, so schloss Heidi Möller, Klinische Psychologin an der TU, aus den Ergebnissen verschiedener Umfragen: "Junge Menschen sind mit ihrer Sexualität erstaunlich zufrieden."

Überforderungen bietet auch die moderne Arbeitswelt. "Man kann sich schon mit zu viel Licht am Arbeitsplatz die Augen ruinieren", betonte Uwe Kraffel, Vorsitzender des Augenärzte-Verbandes und Vertreter der Kassenärztlichen Vereinigung. Ein klares Wort sprach der Augenarzt auch zur Brille am Computer: Weitsichtige brauchen für die Entfernung von etwa 70 cm eine schwächere Brille als zum Lesen, über 50jährige haben einen Anspruch darauf, dass der Arbeitgeber sie bezahlt.

"Ich gehöre zu denen, die nicht mehr alle beisammen haben" - so stellte sich Detlef Friedebold, Vorsitzender des Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenverbands, vor. Dort hat man sich das Ziel gesetzt, Menschen, denen dieser Sinn fehlt oder die unter seiner starken Einschränkung leiden müssen, zu mehr Aktivität zu verführen. Nicht leicht in einer Gesellschaft, in der der Gesichtssinn von der Mobilität bis zu den Medien eine so große Bedeutung hat. "Sehen verwöhnt und unterdrückt dadurch andere Sinnesorgane", hat Friedebold beobachtet, der selbst erst als Erwachsener erblindete.

Zum Beispiel unterdrückt es vielleicht Geruch und Geschmack. Johannes Kasche vom Geruchslabor am Hermann-Rietschel-Institut der TU versucht, "dem Geruch eine Dimension zu geben". Schon vor der Veranstaltung lud er dazu ein, im Foyer "blind" an Azeton, Teppichboden und einer Zeitung zu schnuppern. "Wir nutzen die Sinne als Toleranzmittel", sagt Peter Frühsammer. Der Koch lädt Jugendliche ein, um mit ihnen Riechen und Schmecken zu üben. "In den Haushalten wird ja weniger gekocht und gegessen als früher."

Neben den Riechzellen der Nase und den Geschmacksknospen der Zunge wurden in den letzten Jahren von Wissenschaftlern ein weiteres Sinnesorgan ausfindig gemacht, über das Jürgen Hopf von der Hals-Nasen-Ohren-Klinik des Universitätsklinikums Benjamin Franklin berichtete. Das vomeronasale Organ ist ein paarig angelegtes Grübchen an der Nasenscheidewand, das auf Lockstoffe, die Pheromone, reagiert. Die Forschungen sind über Tierversuche noch nicht hinausgekommen.

Das größte Sinnesorgan ist die Haut. Beate Tebbe, Oberärztin an der Hautklinik des Klinikums Benjamin Franklin, berichtete nicht nur über Empfindungsstörungen durch Narben oder innere Erkrankungen, sondern auch über den schönen Normalfall: "Unsere Haut reagiert auf Berührungen und leitet Informationen an das Zentralnervensystem weiter." Dass dieser sinnliche Weg zum Partner oft vernachlässigt wird, betonte Haeberle: "In der Therapie müssen viele Paare erst lernen, sich langsam zu streicheln."

Sinne, Sinnlichkeit - warum denken viele bei diesen Begriffen zuerst an Erotik und Sexualität? Wahrscheinlich, weil alle Sinne beteiligt sind, wenn uns die Sinne schwinden. Zumindest Augen und Ohren der Anwesenden arbeiteten auf Hochtouren, als Moderator Westhoff und seine Glücksfee zuletzt die Gewinner des sinnlichen Quizspiels bekanntgaben. Der Gewinnerin des Kochkurses bei Peter Frühsammer mag außerdem das Wasser im Mund zusammengelaufen sein.

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