Gesundheit : TREFFPUNKT TAGESSPIEGEL: Der Traum vom karierten Maiglöckchen

DOROTHEE NOLTE

Mit Diplom zum Arbeitsamt? Die Berufschancen für Akademiker sind immer noch vergleichsweise gut.Aber die Hochschulen tun zuwenig für ihre AbsolventenVON DOROTHEE NOLTEHin und wieder gibt es sie, die karierten Maiglöckchen.Das sind jene Absolventen, von denen die Wirtschaft träumt: die ihr Studium in Rekordzeit abschließen, mit Auslandserfahrung, Berufspraxis und drei Fremdsprachen inklusive.Über diese Menschen muß man sich nicht lange unterhalten, denn sie finden von alleine ihren Weg.Aber was ist mit den anderen Hochschulabsolventen, die, egal ob Medizinerin, Juristin oder Kunsthistoriker, zunehmend Schwierigkeiten haben, eine passende Stelle zu finden? Gibt es zu viele Akademiker? Gut 200 000 von ihnen sind arbeitslos gemeldet, wie viele sich mit kurzfristigen Jobs und Werkverträgen über Wasser halten, ist unbekannt. "Mit Diplom zum Arbeitsamt? Berufschancen für Akademiker" war das Thema des Treffpunkts Tagesspiegel am Montag abend im Hotel Inter-Continental.Zu viele Akademiker gibt es nicht, darin war sich das Podium einig: "Eine Wissens-Gesellschaft braucht einen hohen Anteil von Akademikern", sagte der Staatssekretär im Brandenburger Wissenschaftsministerium, Friedrich Buttler.Verglichen mit anderen Ländern liegt der Anteil der Akademiker an einem Jahrgang - der innerhalb von dreißig Jahren immerhin von drei auf dreißig Prozent gestiegen ist - in Deutschland eher niedrig."Hochschul-Absolventen haben ein deutlich geringeres Risiko als der Rest der Bevölkerung, arbeitslos zu werden, sie verdienen besser und finden auch leichter eine ausbildungsadäquate Anstellung." Welche Strategie sollte der einzelne verfolgen, um das zu erreichen? "Wichtig ist, sich frühzeitig darüber klarzuwerden, was die eigenen Stärken, Schwächen und Ziele sind", empfahl Bernd Liebrecht, Personalberater und geschäftsführender Gesellschafter von Boyden International."Bin ich flexibel und mobil, oder möchte ich lieber in der Region bleiben? Man sollte sich eine Liste der Unternehmen machen, die man interessant findet, und sie über Zeitungsberichte und Messebesuche verfolgen oder dort Praktika machen.Außerdem sollte man sich ein Netzwerk aufbauen." Nur Beziehungen reichten jedoch keineswegs aus, betonte er: "Heutzutage kann sich niemand mehr leisten, eine Flasche einzustellen, nur weil sie Beziehungen hat." Andererseits reicht ein gutes Examen eben auch nicht, es ist allenfalls "eine gute Voraussetzung, mehr nicht", so FU-Präsident Johann Wilhelm Gerlach.Schlüsselqualifikationen wie die Fähigkeit zur Teamarbeit würden an den Universitäten noch viel zuwenig trainiert, weil auch die Professoren darauf nicht vorbereitet seien."Praktika sollten eigentlich obligatorisch sein", meinte Gerlach, "Sprach- und EDV-Kenntnisse müßten stärker betont werden.Die Reformen, die die Wirtschaft von den Universitäten verlangt, sind überfällig." Allerdings studierten zu viele junge Menschen an den Universitäten, die eigentlich für ein Studium an den Fachhochschulen besser geeignet wären.Tagesspiegel-Chefredakteur Gerd Appenzeller plädierte dafür, daß sich die Hochschulen über Eingangsprüfungen ihre Studenten selbst aussuchen sollten."Sie sollten auch ein enges Geflecht zu Firmen und Institutionen knüpfen und ihnen begreiflich machen, welche Fähigkeiten ihre Absolventen mitbringen." Bei allen Vorschlägen zur Hochschulreform gibt es nach Auffassung des ehemaligen Berliner Wissenschaftssenators und Diskussions-Moderators George Turner jedoch einen Haken: "Es nützt nichts, wenn man sich das Heil von einer einzigen Maßnahme - wie zum Beispiel Studiengebühren - erhofft.Man muß an mindestens zehn Punkten gleichzeitig ansetzen." Einer davon, der immer wieder angesprochen wurde, ist die Heranführung der Studenten an die Berufswelt.Joachim Baeckmann, Leiter der Studienabteilung der Humboldt-Universität, hat beobachtet, daß sich junge Leute vor Beginn ihres Studiums intensiv nach den Berufsaussichten erkundigen, während des Studiums selbst diese Frage jedoch vielfach verdrängen."Wenn sie dann feststellen, daß es für ihr Studienfach keinen organisierten Arbeitsmarkt gibt, verhalten sie sich oft ziemlich dumm: Sie verlängern ihre Studienzeit, setzen ein Ergänzungs- oder Zweitstudium drauf." Die Unis sollten bei der Praktikumssuche helfen und statistisch festhalten, ob und wo ihre Absolventen unterkommen. Ausgerechnet der Personalberater Bernd Liebrecht warnte jedoch davor, "immer mehr Service an den Unis anzubieten" oder auch, wie ein Redner aus dem Publikum gefordert hatte, das Studium zu verschulen: "Die Studenten sollten Raum haben, um Eigeninitiative zu entfalten.Dann können wir auch leichter die herauspicken, die selbst etwas auf die Beine stellen." Hier traf er sich mit FU-Präsident Gerlach, der zu Beginn der Diskussion mit schwarzem Humor gesagt hatte: "Wer es schafft, in Berlin innerhalb der Regelstudienzeit abzuschließen, stellt wichtige Fähigkeiten unter Beweis: Chaos-Kompetenz, Organisationstalent und Durchsetzungsvermögen."

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