Gesundheit : Treffpunkt Tagesspiegel: "Muss ich täglich warm essen?"

Adelheid Müller-Lissner

WERNER KÖPP, Psychosomatiker



des Treffpunkts

"Unser Problem liegt darin, dass der Eisschrank zu gut gefüllt ist."



CHRISTIAN BARTH, Ernährungsforscher

Eigentlich ist das mit dem Essen doch alles ganz einfach", sagte im Gedränge auf dem Weg zum Ausgang eine Frau. Recht hat sie. Aber warum kamen dann mehr als 850 Teilnehmer zum Treffpunkt Tagesspiegel mit dem Thema "Gesund is(s)t, was schmeckt? Alles über Ernährung"? Liegt es daran, dass "gesunde Ernährung" und "genüssliches Essen" sich in den Augen vieler Zeitgenossen immer weiter auseinander entwickeln? Die Soziologin Eva Barlösius vom Wissenschaftszentrum Berlin nannte als Beweis die Buchhandlungen: Bücher zu gesunder Ernährung und Diät finden sich in der Medizin-Abteilung, weit weg von den Kochbüchern. Dass Essen Kultur ist, kann der menschlichen Natur nutzen: "Zu allen Zeiten haben Menschen ihre Nahrung so zubereitet, dass sie ihnen schmeckt und ihr Wohlbefinden steigert." Wo Genuss und Gesundheit als Widersacher empfunden werden, entstehen dagegen Probleme.

Für den Verbraucher tauchen sie zum Beispiel dann auf, wenn die erhältlichen Lebensmittel nicht mehr als sicher empfunden werden. Selbstverständlich gab es also einige Fragen zu BSE, zumal mit Dieter Arnold ein Experte auf dem Podium saß, von dem Antworten aus erster Hand zu erwarten waren (siehe Kasten). Aber auch die "grüne" Gentechnik beschäftigt die Verbraucher. Lothar Willmitzer, Leiter des Max-Planck-Instituts für Molekulare Pflanzenphysiologie, sagte klipp und klar: "Es gibt aus wissenschaftlicher Sicht keinen Grund für die Annahme, dass gentechnisch veränderte Nahrungsmittel ein höheres Risiko beinhalten." Er plädierte aber für die Kennzeichnungspflicht. Eher ein Dauerbrenner ist die Besorgnis über die lange Liste naturidentischer Inhaltsstoffe, die sich auf vielen Packungen von Fertiggerichten findet. Arnold betonte, dass sie alle streng auf ihre Unbedenklichkeit selbst bei lebenslanger Aufnahme geprüft werden. Andererseits stellt sich natürlich die Frage: Wozu brauchen wir all das Zeug? Ernährungsexperte Christian Barth mahnte zur Ehrlichkeit: Viele industrielle Zusätze erleichtern dem Konsumenten nun mal die Arbeit. "Und wer steht lieber eine Stunde in der Küche als eine Viertelstunde?"

Der Leiter des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung in Potdam-Rehbrücke stellte dem Ernährungszustand der Bevölkerung zunächst ein gutes Zeugnis aus. Die Versorgung mit wichtigen Nährstoffen sei gut bis sehr gut. Wer nicht krankheitsbedingt Mangel leidet, braucht deshalb keine Nahrungsergänzungsmittel. Obwohl in den letzten Jahren viel dazu geforscht wurde, gibt es nach Barths Worten keine ernst zu nehmende wissenschaftliche Untersuchung, die zeigt, dass Vitaminpräparate für ein längeres und gesünderes Leben sorgen. "Unser Problem liegt nicht in Mangelsituationen, sondern darin, dass unser Eisschrank heute ständig gefüllt ist." Als Folgen sieht der Internist und Spezialist für ernährungsbedingte Krankheiten Andreas Pfeiffer vom Universitätsklinikum Benjamin Franklin Übergewicht, erhöhte Blutfettwerte und vermindertes Ansprechen auf das körpereigene Insulin, was zur Zuckerkrankheit führen kann. Neben ausgewogener Ernährung, zu der besonders die Auswahl der "richtigen", bevorzugt ungesättigten Fette gehört, empfiehlt er Bewegung: "Körperliche Aktivität wirkt wie Insulin."

Karin Schmedding, Ernährungsberaterin bei der Barmer Ersatzkasse, empfiehlt, sich bei solchen Veränderungen des Lebensstils "kleine, erreichbare Ziele" zu setzen. Ernährungsumstellung ist keineswegs gleichzusetzen mit Selbstkasteiung: "Sie hat damit zu tun, was ich mir selbst wert bin."

Bei vielen besteht die Umstellung in letzter Zeit darin, dass sie Fleisch ganz oder teilweise von ihrem Speiseplan streichen. Wer neben Obst, Gemüse und Getreide auch Milchprodukte zu sich nimmt, braucht um die Eiweißversorgung trotzdem nicht zu fürchten, jedenfalls als Erwachsener. Anders ist das bei Menschen mit Essstörungen, um die sich Werner Köpp im Klinikum Benjamin Franklin bemüht. Allein vier bis fünf Prozent aller Frauen zwischen 15 und 35 Jahren leiden an Ess-Brech-Sucht (Bulimie). Magersucht tritt seltener auf, doch zehn bis zwanzig Prozent der Betroffenen sterben daran. Zu der Frauenärztin Monika Weber, die in ihrer Praxis auch Diätberatung anbietet, kommen oft die Mütter der Mädchen mit ihren Sorgen. Köpp nannte unter anderem die "kulturbedingte Idealvorstellung vom weiblichen Körper" als Auslöser.

Kulturbedingt sind auch viele Alltagsregeln rund um das Essen. Einige Teilnehmer ergriffen die Gelegenheit beim Schopf und fragten die Experten nach deren Berechtigung: "Muss man eigentlich jeden Tag eine warme Mahlzeit zu sich nehmen, wie meine Mutter immer sagte?" Man muss nicht. Karin Schmedding gab jedoch zu bedenken, dass die Nährstoffzusammensetzung "in den üblichen warmen Mahlzeiten" oft besonders günstig ist. Und es gibt noch einen Gesichtspunkt: "Die Menge gekochter Lebensmittel, die wir aufnehmen können, ist höher", sagte der Internist Pfeiffer. Eine eher moderne Frage: Ist der "rechtsdrehende" Jogurt wirklich bekömmlicher? Unser Körper kann mit beiden Formen der Milchsäure sehr gut zurechtkommen, "rechts- oder linksdrehend, das ist egal", versicherte Barth. "Das ist beim Wiener Walzer anders", ergänzte Moderator Justin Westhoff. Und weitete damit den Blick auf Genüsse jenseits des Essens.

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