Gesundheit : Treffpunkt Tagsspiegel: Wenn der Wachhund zu laut kläfft

Adelheid Müller-Lissner

Er kann klopfen, pochen, brennen, bohren, stechen, kurz und jäh aufflammen, dumpf anhalten. Unzählige Philosophen und Dichter haben über den "großen Lehrer der Menschen" (Marie von Ebner-Eschenbach) nachgedacht, ihn sogar als Zwilling der Lust oder Steigerungsform des Verliebtseins betrachtet: Ein wenig - von Herzen - mit Schmerzen. Der Schmerz ist eine komplexe Sinnesempfindung. Seine biologische Basis sind die Nervenbahnen, die Reize von den "Außenstellen" elektrisch über das Rückenmark weiter bis zur Zentrale in der Hirnrinde leiten. Er hat eine wichtige Aufgabe als biologisches Alarmsignal. "Doch der Wachhund der Gesundheit kläfft unangenehmerweise oft laut und aggressiv." So brachte Moderator Justin Westhoff gleich zu Beginn des Treffpunkts Tagesspiegel Medizin & Fitness am Mittwoch im ICC das Thema auf den Punkt.

"Schmerz lass nach" war dabei eine ganz bewusst gewählte Titel-Formulierung: Denn in vielen Fällen ist es chancenlos, den Störenfried ganz aus der Welt zu schaffen. Das Ziel muss lauten, ihn zu mildern und zu lindern. Schätzungsweise sechs Millionen Menschen leiden in der Bundesrepublik an chronischen Schmerzen. Wie die Fragen an die Experten zeigten, gehörten zahlreiche Teilnehmer der gutbesuchten Veranstaltung zu den Betroffenen. Das Ausmaß des Leidens ist dabei nicht objektiv messbar. Der Arzt muss die subjektiven Angaben des Patienten "als bare Münze nehmen", wie Christoph Stein, Leiter der Anästhesie und Intensivmedizin und der Schmerzsprechstunde am Universitätsklinikum Benjamin Franklin, ausdrücklich betonte. Wie der Einzelne einen Schmerz bewertet, hängt dabei nicht unwesentlich von seiner Lebenserfahrung ab. "Frauen, die schon Kinder geboren haben, bewerten den gleichen Zahnschmerz vielleicht anders als Frauen ohne diese Erfahrung."

Für die in ihrer Intensität subjektiv ganz unterschiedlich empfundenen Schmerzen gibt es in vielen Fällen aber handfeste objektive Gründe. Migräne ist eine organische Krankheit, für die es wahrscheinlich eine erblich bedingte Bereitschaft gibt. Carsta Drillisch, Ärztin für Neurologie und Psychiatrie und Spezialistin für Kopfschmerzen und Migräne, erläuterte, dass schmerzerregende Botenstoffe, die an den Blutgefäßen Veränderungen vornehmen, bei den Migräne-Opfern besonders aktiv sind. Der Schmerz ist meist einseitig und pochend, Begleiterscheinungen wie Übelkeit und Geräuschempfindlichkeit sind nicht selten. "Es gibt kein Mittel, das hundertprozentig wirkt" betonte die Expertin.

Acetylsalizylsäure (ASS), immer noch besser bekannt unter dem Handelsnamen Aspirin, ist ganz erfolgreich, wird jedoch häufig unterdosiert. Mindestens ein Gramm (1000 Milligramm), also zwei Tabletten, und ein Mittel gegen die Übelkeit vorneweg, das zugleich die schnellere Aufnahme des Schmerzmittels bewirkt, empfiehlt die Migräne-Ärztin.

Weit mehr Menschen werden von einer anderen Form des Kopfwehs geplagt: Sie haben das Gefühl, ihr Kopf sei in eine Zwinge eingespannt, der Schmerz ist beidseitig und wird meist als drückend beschrieben. Dieser Spannungskopfschmerz trifft nach Angaben von Frau Drillisch 30 Prozent der Menschen über 14 Jahre! Sie habe die Erfahrung gemacht, dass ihre Kopfschmerzen durch die Einnahme von Schmerzmitteln stärker statt schwächer werden, so eine Zuhörerin. Besonders Mischpräparate, die mehrere Substanzen enthalten, können selbst zu Beschwerden führen und einen gefährlichen Teufelskreis in Gang setzen, bestätigte Carsta Drillisch. Sie müssen dann so schnell wie möglich abgesetzt werden. Wenn Spannungskopfschmerzen sehr häufig auftreten, lohnt ein Versuch mit trizyklischen Antidepressiva, die Einfluss auf die Überträgersubstanz Serotonin nehmen.

Um chronische Schmerzen in den Griff zu bekommen, sollten Arzt und Patient ohnehin gemeinsam ein Konzept entwerfen, sagte Martin Paul, Leiter der Abteilung Toxikologie am Institut für Klinische Pharmakologie und Toxikologie und Dekan des Fachbereichs Humanmedizin der FU. Denn dann müssen unerwünschte Begleiterscheinungen wie die Gefahr der Abhängigkeit (bei Opiaten) oder von Nierenschäden (unter anderem bei Phenazetin) bedacht werden.

Einen großen Sammeltopf für die lebensbegleitenden, immer wiederkehrenden Qualen bildet das "Rheuma". Wie Rieke Alten, Leiterin der Rheumatologie an der Schlossparkklinik, erklärte, müssen zum Beispiel Schmerzen am Knie bei der Verschleißerkrankung Arthrose von der entzündungsbedingten chronischen Polyarthritis oder dem Weichteilrheuma unterschieden werden. "Wir können heute einen Teil der rheumatischen Erkrankungen gezielt von der Wurzel her angehen."

Ob medikamentös erreichte Schmerzfreiheit bei einer Kniearthrose überhaupt wünschenswert sei, so später die kritische Frage eines Zuhörers. Denn sie könne doch dazu führen, dass der Betroffene das Knie überlaste. Ohne Bewegung, so gab Frau Alten zu bedenken, bauen die Muskeln ab, die das Gelenk schützen. "Wir sind gegen Schonung", so fasste sie die Devise der modernen Rheumotologie zusammen. Und plädierte besonders für das Schwimmen, eine Bewegungsform, die die Gelenke wenig belastet.

Überhaupt galten dem Rheuma auffallend viele Teilnehmerfragen. Wie kann es sein, dass gegen Rheuma sowohl Kälte als auch Wärme empfohlen werden? "Bei abnutzungsbedingten Schmerzen hilft in der Regel eher Wärme, bei Entzündungen eher Kälte" stellte Frau Alten klar. Die Erleichterung ist jedoch nicht von Dauer, so dass die Anwendungen häufig wiederholt werden müssen.

Wer sonst wenig Erfahrung mit schmerzhaften Erkrankungen hat, denkt beim Thema Schmerz wahrscheinlich vor allem an eine Berufsgruppe: "Es ist das Schicksal der Zahnärzte, dass sie mit Angst und Schmerzen in Verbindung gebracht werden" bedauerte Alexander Pirk. Der Zahnarzt und Vertreter der Kassenzahnärztlichen Vereinigung ist allerdings bestens gewappnet, um den Kampf gegen solche Assoziationen aufzunehmen. Pirk ist gleichzeitig Psychotherapeut. Und er zeigt sich überzeugt: "Wenn es uns gelingt, die Angst zu vermindern, werden wir auch den Schmerz vermindern."

Manchmal macht sich der Schmerz auch selbstständig, ist an keine erkennbare Krankheit gebunden. Wenn der Betroffene dann mit seinem Problem in die Praxis des Mediziners kommt, ist sein Leiden für den Arzt zunächst nur ein Symptom. Auch "Schmerzen ohne Organbefund" können jedoch ein Warnsignal sein, wie die Heidelberger Psychotherapeutin und Schmerzforscherin Hanne Seemann betonte. "Sie können heraushören, ob Ihr Körper mit Ihnen zufrieden ist." Medikamente helfen auch in diesen Fällen manchmal für eine begrenzte Zeit, verlieren dann allerdings ihre Wirksamkeit. Unter den Psychotherapien empfiehlt Hanne Seemann diejenigen Verfahren, die pragmatische Lösungen ansteuern: "Unsere Aufgabe ist es, die schmerzfreien Zeiten zu vergrößern."

Carmen Schmidt vom Landesverband Berlin der Deutschen Schmerzhilfe stellte die Angebote der Selbsthilfeorganisation vor: Einen differenzierten Fragebogen, Hilfe bei der Suche nach den richtigen Ärzten und Training in Autogenem Training oder Muskelentspannungsverfahren. "Entspannung" - nach Zahnarzt Pirk das "Aspirin der Verhaltenstherapie" - meint übrigens nicht immer das süße Nichtstun, sondern wird von vielen Betroffenen weit eher in Sport und Bewegung gefunden.

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