Gesundheit : Treue alte Dame

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Von Günter Blutke

K 8102, ein Storchenweibchen, hat es noch einmal geschafft. Mitte April, fast zeitgleich mit ihrem Partner aus dem Winterquartier irgendwo zwischen dem Tschad und der Südspitze Afrikas zurück, begann sie auf der Kirche im brandenburgischen Quitzöbel das gewohnte Storchengeschäft: Am Nest bauen, Kopulieren, in den ersten zwei Wochen fünf- bis achtmal täglich, zwischendurch als kleine Freundlichkeiten Gefieder kraulen, bevorzugt am Halsansatz. Brutpaare müssen schnell Vertrauen zueinander aufbauen, anders lässt sich die arbeitsteilige Schinderei bis zum Ausflug der Jungen nicht durchstehen.

Im vergangenen Jahr musste K 8102 nach verspäteter Rückkehr erst gegen ein anderes Storchenweibchen um ihren Platz auf dem Kirchengiebel kämpfen. Nach erfolgreich bestandenem Kampf zog sie 2001 noch zwei Junge auf - ein ähnlicher Fall wie in diesem Jahr bei den inzwischen weit bekannten Internetstörchen aus Vetschau.

Erfolgreicher Kampf

Die offizielle Geschichte der Störchin begann am 28. Juni 1974 auf dem Hof von Irmgard Kallmeter im Elbdorf Beuster. An jenem Tag verpasste der zuständige Storchenberinger den vier Jungvögeln des Beuster Brutpaares Fußringe. Von den drei der Nestgeschwister fehlt bis heute jede Nachricht, vermutlich gehören sie zu jenen 60 bis 70 Prozent jedes Jahrgangs, die das erste Lebensjahr nicht überstehen. Gelingt ihnen das jedoch, werden sie im Durchschnitt acht Jahre alt.

K 8102 geriet als einzige erneut in den Datenspeicher der Beringungszentrale Hiddensee, aber erst knapp zwanzig Jahre nach der Meldung fürs Geburtsregister. Storchenbetreuer Falk Schulz, zuständig für den Landkreis Prignitz, entdeckte sie 1993 auf der Kirche von Quitzöbel, knapp 19 Kilometer von Kallmeters Hof auf der anderen, der sachsen-anhaltinischen Elbseite entfernt.

In diesem Jahr brütet K 8102 zum zehnten Mal hintereinander im Nest auf dem Kirchengiebel. Langjährige Horsttreue ist bei Weißstörchen häufig zu beobachten, aber um zehn Jahre treu sein zu können, muss ein Storch schon einen speziellen Schutzengel als Flugbegleiter besitzen.

In Quitzöbel zog die jetzt 28-jährige Störchin 23 Jungvögel auf. Mindestens doppelt so viele dürften von ihr davor groß gefüttert worden sein. Ein hartes Storchenleben. Zur Schinderei in der Brutzeit die Mühen des Zugs auf der Ostroute, zweimal jährlich seit dem dritten Lebensjahr 10 000 Kilometer bis nach Tansania oder Südafrika und zurück.

Vor drei Jahren schien für K 8102 alles vorbei zu sein. Ende Mai, die ersten Küken waren gerade geschlüpft, verlor sie ihren Partner bei einem tödlich endenden Anflug - eine Stromleitung war im Weg. Allein konnte sie die Jungen nicht aufziehen, kehrte aber bis zum Abflug im August wieder in den Horst zurück, in dem sie, wie Nachbar Lothar Idel erzählte, stundenlang mit hängendem Kopf stand. Ältere Störche nehmen nach solchen Verlusten nur ganz selten noch einmal das Brutgeschäft auf sich.

Die Heimat von K 8102 ist noch immer eine relativ heile Welt, bestimmt von den nahrungsreichen Auen an der Elbe, von Weidewirtschaft und einer extensiven Landwirtschaft, die Regenwürmer und Insekten ernährende Wildkräuter zulässt. In dieser Landschaft haben es neben Rühstädt noch andere Orte zu einem respektablen Storchenreichtum gebracht. In Wahrenberg und der alten Hansestadt Werben, beide auf der gegenüberliegenden Elbseite, brüteten in den letzten Jahren fast immer 15 Paare.

Schulz kann aus seinen seit vielen Jahren über Ringstörche geführten Kladden beweisen, dass sich der Storchenbestand in dieser Region weitgehend aus sich selbst trägt. Ulrich Köppen, Leiter der von den fünf neuen Bundesländern bisher gemeinsam finanzierten Beringungszentrale Hiddensee, sieht den Sinn der Beringung heute „nicht zuletzt im Sammeln von Informationen für den Lebensraumschutz, um auf Veränderungen schnell zu reagieren“.

Sinkender Bestand

Die Hiddensee-Daten fließen gemeinsam mit den Daten besenderter Störche in ein Forschungsprogramm der Vogelwarte Radolfzell ein. Material für effektiven Schutz von Rastplätzen, vor allem der neuentdeckten im Tschad und Sudan, mit dem sich im September auch die Vertragsstaatenkonferenz der „Bonner Konvention zum Schutz wandernder Tierarten“ befassen wird. Im Jahr 2001 zählte die Arbeitsgruppe „Weißstorch“ des Naturschutzbundes 4299 Brutpaare in Deutschland. 8841 Jungstörche flogen aus, von denen rund ein Zehntel beringt werden konnte.

Die Aussichten für 2002 nennt Christoph Kaatz, Leiter der Bundesarbeitsgruppe und Chef des Storchenhofs Loburg (Sachsen-Anhalt), „alles andere als rosig". Schon im Vergleich zu 2000 sei der Bestand in Deutschland im vergangenen Jahr um über 200 Brutpaare gesunken. „Die Tendenz nach unten könnte sich“, wie Kaatz sagt, „nach dem Stand von Anfang Mai fortsetzen."

Als Ursachen für das vermutlich unterdurchschnittliche Storchenjahr 2002 werden langanhaltende Schlechtwetterperioden auf den Zugwegen, in der Türkei und auf dem Balkan, und die Auswirkungen des „Störungsjahres 1997" mit den geringen Reproduktionszahlen vermutet. „Was damals an Jungen fehlte, fehlt heute als Brutvogel.“

Im Jahr 2001 lagen unter den Bundesländern Brandenburg mit 1353 und Mecklenburg-Vorpommern mit 1143 Paaren an der Spitze, gefolgt von Sachsen-Anhalt mit 563, Sachsen mit 393, Niedersachsen mit 353, Schleswig-Holstein mit 213 und Bayern mit 109 Brutpaaren. Von den 240 Storchenpaaren Baden-Württembergs gehen in die Statistik nur 61 als frei fliegende Wildstörche ein; die anderen gelten als fütterungsabhängig.

www.storchenzug.de und www.storchennest.de

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