Gesundheit : Trinken, trinken, trinken

Im Schwitzkasten: Wie der Körper mit der Hitze fertig wird – und wer besonders in Gefahr ist

Hartmut Wewetzer

Seit Wochen hält die Hitze Europa im Griff. Mit mörderischen Folgen: Beim großen Wanderfestival im niederländischen Nimwegen starben zwei Teilnehmer an einem Hitzschlag, die Veranstalter brachen das Spektakel daraufhin ab.

Es ist einfach zu heiß zum Wandern. Vielen Nordeuropäern fällt es noch immer schwer zu akzeptieren, dass Sonne und Hitze zur Gefahr werden können. Anders Hanns-Christian Gunga. Der Physiologe an der Berliner Uniklinik Charité findet es geradezu „verrückt“, wenn Menschen bei hohen Temperaturen anstrengende Wanderungen unternehmen, womöglich noch mit Gepäck. Vor kurzem wurde auch an der Charité ein Wander-Opfer eingeliefert – ein Bundeswehrsoldat, der mit Gepäck marschiert war und wegen Hitzschlags zwei Tage auf der Intensivstation behandelt wurde.

Der Mensch gehört zu den Lebewesen, die „gleichwarm“ sind, seine Körpertemperatur liegt bei 37 Grad. Tiere mit stabiler Körpertemperatur verbrauchen mehr Energie als solche mit wechselwarmer, aber dafür sind sie unabhängiger von ihrer Umwelt und können sich mehr Lebensräume erschließen.

Seine Wärme erzeugt der Mensch in Ruhe zu 80 Prozent bei Stoffwechselprozessen in den inneren Organen, vor allem in Gehirn, Herz, Leber, Nieren und Verdauungstrakt. Bei körperlicher Arbeit kehrt sich das um, und 90 Prozent der Wärme werden in den Muskeln erzeugt. Damit die „Körperheizung“ stets konstant bleibt, messen spezielle Zellen an der Haut und im Körperkern die Temperatur und geben ihre Messwerte an eine Schaltzentrale im Zwischenhirn weiter, den Hypothalamus. Hier werden Ist- und Sollwert der Körpertemperatur gemessen und die Körperheizung entsprechend reguliert. Im Klartext: Es wird zum Beispiel gezittert oder geschwitzt.

„Der menschliche Organismus kann sich nach einigen Wochen der Hitze anpassen“, erläutert Gunga. Zum einen wird schneller geschwitzt, die Schwelle sinkt von 32 Grad Lufttemperatur auf 29 Grad. „Dadurch bleibt die Hauttemperatur niedriger und die Körperkerntemperatur steigt langsamer an.

Bei Hitzetrainierten steigern die rund zwei Millionen Schweißdrüsen der Haut ihre Produktion von gut einem Liter pro Stunde auf bis zu vier Liter. Und ein salzsparendes Hormon namens Aldosteron sorgt dafür, dass dem Körper weniger Natrium verloren geht. Das wiederum lässt den Schweiß leichter verdunsten.

Gunga rät, körperliche Aktivität soweit als möglich auf den frühen Morgen oder die Abendstunden zu verlegen. Viele Menschen unterschätzen, wie viel Flüssigkeit ihnen verloren geht. „Selbst wer nur seinen Garten pflegt, kann dabei fünf Liter ausschwitzen.“

Trinken, trinken und nochmals trinken lautet der Ratschlag des Mediziners für die Dauer der Hitzewelle. Am besten Mineralwasser oder andere Flüssigkeiten, mit denen der Salzverlust ausgeglichen wird. Außerdem sollte man sich täglich wiegen, um einem schleichenden Flüssigkeitsverlust auf die Spur zu kommen. Im Laufe eines Tages kann man mehrere Liter verlieren, ohne es zu bemerken.

Besonders wärmeempfindlich sind kleine Kinder, die schnell austrocknen, und Ältere, weil sie weniger schwitzen, zu wenig trinken und weniger Flüssigkeit in ihrem Körper haben. „Sie sind schneller am Limit“, sagt Gunga. Auch chronisch Kranken kann die Hitze zum Verhängnis werden. Wer zum Beispiel herzkrank ist, bei dem kann der Flüssigkeitsverlust das Blut so stark eindicken lassen, dass das Risiko für einen Herzinfarkt steigt. Bei Diabetikern kann das Schwitzen erschwert sein.

Es sind vor allem die chronisch kranken, alten Menschen, die Hitzewellen zum Opfer fallen. In Frankreich wurden im August 2003 rund 15 000 zusätzliche Todesopfer gezählt. In den ersten zwei Wochen gab es die meisten Toten – für Gunga ein Indiz, dass der Körper sich noch nicht an die Hitze gewöhnt hatte.

„Da läuft etwas aus dem Ruder und wir sind nicht darauf vorbereitet, diese Ereignisse gründlich zu untersuchen“, sagt er. „Die Wissenschaftspolitik muss sich etwas einfallen lassen.“

Noch halten sich die Folgen der Bruthitze in Grenzen. In Berlin registrierte die Kassenärztliche Vereinigung fünf Prozent mehr Einsätze ihres Notfalldienstes, zumeist wegen Kreislauf- und Magen-Darm-Beschwerden.

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