Gesundheit : Tritt auf die Notbremse

DOROTHEE NOLTE

Novelle des Hochschulrahmengesetzes ohne Frauen? / Gleichstellungsbeauftragte protestierenVON DOROTHEE NOLTE"Der Zug fährt ohne uns ab." Christine Färber ist düsterer Stimmung.Die zentrale Frauenbeauftragte der FU will "auf die Notbremse treten" in einem Zug, in dem sie nicht sitzt - keine leichte Aufgabe.Gerade wird eine Novellierung des Hochschulrahmengesetzes (HRG) vorbereitet, die den Hochschulen mehr Freiheit zum Experimentieren geben und ihre Leistungen besser meßbar machen soll.Vorschläge für die Novelle liegen bereits auf dem Tisch, vom Rüttgers-Ministerium ebenso wie von den CDU- und SPD-regierten Ländern und der Hochschulrektorenkonferenz.Aber ist in den Entwürfen von Frauen die Rede? Mitnichten. Daß an deutschen Universitäten der Frauenanteil viel zu niedrig liegt und Studentinnen zu wenig weibliche Vorbilder kennenlernen, ist eigentlich Konsens.Erst vor kurzem hat Bundesforschungsminister Rüttgers vollmundig angekündigt, bis zum Jahre 2005 solle jeder fünfte Professor eine Frau sein.Er hofft dafür auf das neue Hochschulsonderprogramm, das "Nachteile für Frauen ausgleichen soll".Christine Färber dagegen vertraut nicht auf Sonderregeln und Sonderprogramme.Sie meint: "Frauenförderung funktioniert nur, wenn man sie in das ganze System einbaut". Im jetzt gültigen HRG steht dazu nur ein kleiner Satz: "Die Hochschulen wirken bei der Wahrnehmung ihrer Aufgaben auf die Beseitigung der für Wissenschaftlerinnen bestehenden Nachteile hin".Damit möchten sich die Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten an deutschen Hochschulen, die in einer "Bundeskonferenz" zusammenarbeiten, nicht zufriedengeben.Sie fordern, zahlreiche Paragraphen des HRG mit Zusätzen zu versehen, die die Hochschulen an ihre Verantwortung gegenüber den Frauen erinnern. Zum Beispiel sollten die Hochschulen nicht nur aufgefordert werden, "den wissenschaftlichen und künstlerischen Nachwuchs zu fördern", wie es jetzt im HRG steht."Sie sollen auch Vorsorge treffen, daß bei der Besetzung von Nachwuchsstellen und der Vergabe von Stipendien Frauen berücksichtigt werden, und zwar entsprechend ihrem Anteil an der vorhergehenden Qualifikationsstufe", verlangt Christine Färber.Das heißt: Promovieren in einem Fach zu 30 Prozent Frauen, sollen möglichst auch 30 Prozent der Habilitationsstellen an sie gehen. Darüber hinaus wünschen sich die Frauenbeauftragten, daß die Belange studierender Eltern im HRG berücksichtigt werden, daß in den Gremien Frauen zur Hälfte vertreten sein sollen und daß die Frauenbeauftragte im HRG als ein Organ der Hochschule mit einer Mindestausstattung festgeschrieben wird.Christine Färber hofft, daß die Bundestagsfraktionen von SPD und Grünen und die Frauen in der CDU sich einige der Forderungen zueigen machen, damit in der "heißen Phase nach Ostern" bis zur möglichen Verabschiedung des Gesetzes im Herbst noch frauenpolitische Akzente gesetzt werden können. Die Bundeskonferenz der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten an Hochschulen hat übrigens schon 1993 ein Gutachten zur HRG-Novelle in Auftrag gegeben und entsprechende Vorschläge an die Politiker weitergeleitet."Darauf haben wir auch positive Reaktionen bekommen", erklärt Christine Färber."Aber jetzt, wo es ernst wird, haben sie das offenbar alle vergessen." Der Gedächtnisverlust der Politiker sei umso schlimmer, als sich in den nächsten Jahren die Hochschullandschaft grundlegend verändern wird: "Eine ganze Generation von Professoren wird ausgetauscht werden.Wenn wir in den nächsten zehn Jahren nicht unsere Position verbessern, ist erstmal wieder für fünfzig Jahre Schluß." Hinzu kommt, daß in den Hochschulen künftig Leistung stärker honoriert werden soll: Ein Kennziffersystem soll diejenigen Fachbereiche belohnen, die kurze Studienzeiten, viele Abschlüsse und Veröffentlichungen vorweisen können.Von Frauen ist auch hier nicht die Rede."Dabei wäre es so einfach, Fachbereiche zu belohnen, die ihren Frauenanteil erhöht haben.An der FU wird das ja schon praktiziert", betont Christine Färber.Aber die Arbeitsgruppen, die in der Senatsverwaltung und den Hochschulen entsprechende Modelle entwickeln, seien alle rein männlich besetzt. "Der allgemeine Trend geht ja zum Deregulieren, Experimentieren, Öffnen", sagt Christine Färber."Wenn man aber ernsthaft an verbesserten Bedingungen für Frauen an den Hochschulen interessiert ist, muß man ein Mindestmaß von Regeln haben." Allein auf den guten Willen der Entscheidungsträger kann man nicht bauen, wie jahrelange Erfahrung zeigt.Die haben es sich in der Regel schon längst im Zug bequem gemacht und achten kaum darauf, wer auf dem Bahnsteig zurückbleibt.

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