Gesundheit : Triumph der Ökonomie

Der Staat verliert das Interesse an der Gesundheit der Bürger, prophezeit der Medizinhistoriker Unschuld

Rosemarie Stein

Gesund zu sein, ist für jeden Einzelnen so wichtig wie eh und je. Der gesellschaftliche Stellenwert der Gesundheit aber sinkt; das heißt, den Staat interessiert die Gesundheit seiner Bevölkerung immer weniger. Diese These vertrat der Medizinhistoriker und Sinologe Paul Unschuld im zweiten öffentlichen Vortrag der Reihe „Kosmos und Mensch“, die von der Charité veranstaltet wird. Dort leitet Unschuld das neue Horst- Görtz-Stiftungsinstitut für die Theorie, Geschichte und Ethik chinesischer Lebenswissenschaften.

Seit sich vor zwei Jahrtausenden die naturwissenschaftlich fundierte Medizin aus der traditionellen Heilkunde zu entwickeln begann, hätten die Ärzte sich in der Regel allein dem individuellen Patienten verpflichtet gefühlt, sagte Unschuld. Erst im 18. Jahrhundert und nur in Europa habe sich das geändert: Der Ärzteschaft wurde die Verantwortung für die „Volksgesundheit“ übertragen – ein heute diskreditierter Begriff, weil diese Entwicklung ihren perversen Höhepunkt im Nationalsozialismus erreichte.

Ende des 18. Jahrhunderts begann Johann Peter Frank sein „System einer vollständigen medicinischen Polizey“ zu veröffentlichen. Darin fordert er vom Staat, gesunde Lebensbedingungen für die ganze Bevölkerung zu schaffen. Die Ärzte sollten darüber wachen. Der Staat brauche für das Volksheer kampffähige Soldaten, für die Manufakturen leistungsfähige Arbeiter und für genügend Nachwuchs gesunde Mütter.

Für den Staat war also Gesundheit Mittel zum Zweck, so Unschuld. Heute aber brauche er keine Volksheere mehr und es gebe eher zu viele Arbeitskräfte. „Der politische Druck auf den Staat, Gesundheit für alle zu garantieren, ist gesunken.“ Es bestehe kein Bedarf mehr an einer möglichst gesunden Bevölkerung. Daher der Rückbau des zur Bedeutungslosigkeit abgesunkenen öffentlichen Gesundheitsdienstes. Überdies sehe die Politik den Kranken nicht mehr nur als volkswirtschaftliche Belastung, sondern zunehmend als ökonomisch positive Größe.

„Gesundheit und Krankheit sind Geld wert“, das Gesundheitswesen ist eine „Jobmaschine“. Die Medizin werde zum Konsumgut, die Gesundheit zur Ware, der Patient zum Kunden, der Arzt zum Unternehmer oder Dienstleister. 2000 Jahre lang hätten die Ärzte selbst die Entwicklung des Wissens, seine Anwendung und deren Vergütung bestimmt. Mit dieser Selbstständigkeit sei es nun vorbei.

Die Grundlagen des Wissens schaffe die Molekularbiologie, seine Anwendung werde immer stärker von der medizinisch-technischen und der Pharmaindustrie beeinflusst und von den Kassen, den Kaufleuten und der Politik bestimmt. Unschuld sieht das künftige Gesundheitswesen als freies ökonomisches System, das nicht mehr von den Ärzten dominiert wird. Er sieht auch kommen, dass eine durchrationalisierte Medizin den Bedürfnissen der Leidenden nicht genügen kann, so dass sie nach einer anderen Heilkunde suchen.

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