Gesundheit : Trockenen Fußes über den Markusplatz

Bewegliche Staudämme sollen die Lagunenstadt vor den häufigen Überschwemmungen schützen

Francesco Margiocco

Es gibt zwar Touristen, die gerne mit Gummistiefeln über die Stege der Piazza San Marco laufen, wenn das Pflaster des markantesten Platzes in Venedig überschwemmt ist. Die Bewohner allerdings fürchten um ihr historisches Zentrum.

Ab 2011 wird es mit den Überschwemmungen vorbei sein. Das sagen jedenfalls die Konstrukteure von „Mose“ (Modulo sperimentale elettromeccanico). Dieses System beweglicher Staudämme soll dann bei einer Flut die drei Wasserstraßen schließen, die den Küstenstreifen zwischen Lagune und offenem Meer durchziehen. 3,4 Milliarden Euro wird die italienische Regierung für den 2003 begonnenen Bau bereitstellen müssen.

Etwa 60 Mal im Jahr werden derzeit die Straßen der „Serenissima" überschwemmt, vor allem die ältesten und schönsten Gassen im Zentrum, wo die Fundamente in den letzten 100 Jahren um 23 Zentimeter gesunken sind.Und die Angst ist groß vor einer Katastrophe wie am 4. November 1966, als der Meeresspiegel fast zwei Meter über den Normalstand gestiegen war: 22 Stunden stand Venedig unter Wasser.

Seit 1966 hat es keine derart schwere Überschwemmung mehr gegeben. In Zukunft sollen drei Absperrungen die Stadt schützen. Bei normalem Pegel laufen die Dämme voll Wasser und liegen in der Tiefe der jeweiligen Wasserstraße. Steigt der Pegel um mehr als 110 Zentimeter, leeren sie sich, kommen nach oben und schließen die Kanäle.

Ähnliche Konstruktionen gibt es in den Niederlanden und in der Themse schon seit 20 Jahren. In Venedig kam das Projekt 1992 ins Rollen. Der verzögerte Baubeginn erklärt sich vor allem durch die langsame Bürokratie und starken Widerstand gegen das Vorhaben.

Verantwortlich für das Projekt ist das „Consorzio Venezia Nuova“, eine vom Staat finanzierte Gruppe. Darin sind einige der wichtigsten italienischen Bautechnik-Firmen zusammengefasst. „Das Consorzio hat die Hochwasserstudien gemacht, das Projekt geplant und die Konstruktion der Firma „Technital“ überlassen, die selbst zur Gruppe gehört“, sagt Luana Zanello, Abgeordnete der italienischen Grünen. Diese Monopolisierung habe eine Debatte über das Für und Wider der eingesetzten Technik verhindert.

Alberto Scotti, Chef von Technital, erklärt dagegen, es habe in Venedig in den 70er-Jahren eine breite, aber fruchtlose Diskussion über Maßnahmen gegen die Flut gegeben. Deshalb habe sich die Regierung in den 80er-Jahren entschieden, die Sache in die Hände einer einzigen Organisation zu legen. Die Arbeit des Consorzio werde laufend vom Staat kontrolliert. „Es gibt kein Monopol.“

Gegen Angriffe hat sich Scotti schon öfter wehren müssen. Vor vier Jahren publizierte das Fachmagazin „Science“ einen Artikel von Albert Ammerman, Archäologe an der Colgate University in New York, und seinem Kollegen, dem Meeresforscher Charles McClennen. Sie monierten, die Maßnahmen seien nutzlos, weil die künftige Höhe des Meeresspiegels unterschätzt worden sei. Laut Scotti „eine falsche Anklage, was auch Studien des Massachusetts Institute of Technology (MIT) demonstriert haben".

Auch negative Folgen für die Umwelt werden befürchtet. Nach Meinung von Zanello wird man die Dämme sehr oft schließen müssen, was eine kontinuierliche Strömung zwischen Lagune und offenem Meer verhindere. Die Konstrukteure erklären, man werde die Dämme nicht mehr als 50 Mal pro Jahr schließen und der Lagune daher nicht schaden.

In einem Punkt sind sich aber alle einig: „Mose“ allein genügt nicht zur Rettung der Lagune. Das sagt auch Pierpaolo Campostrini, Direktor des Konsortiums Corila, das die Projekt-Forschungen koordiniert: „Man muss das Wasser reinigen, die Fundamente erhöhen, die Strände, die das Meer erodiert hat, wieder aufbauen und weitere wissenschaftliche Studien finanziell unterstützen.“

Aus dem Italienischen von Thomas de Padova.

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