Gesundheit : "Troja - Traum und Wirklichkeit" in Stuttgart: Homer hatte Recht

Ingo Bach

Es war eine gewaltige Streitmacht, die die Achäer genannten bronzezeitlichen Griechen aufboten, um Troja in die Knie zu zwingen. Mit 100 000 Mann landeten die Kämpfer unter der Führung solcher Helden wie Achilles, Agamemnon und Odysseus an der Küste Kleinasiens, um die schöne Helena zurückzugewinnen.

Paris, der Sohn des Trojaner-Fürsten Priamos, hatte die Griechin geraubt, um sie zu heiraten. Erst nach einer zehnjährigen Belagerung und der teuflischen List des Odysseus fiel die stark befestigte Stadt in die Hände der Angreifer. Das Trojanische Pferd war der Schlüssel. So berichtet es Homer in seinem um 720 vor Christus entstandenen Epos "Ilias".

Troja beschäftigt nun schon drei Jahrtausende lang die Phantasie der Menschen, die Stadt in den Dardanellen wurde zum Mythos. Seit der deutsche Kaufmann Heinrich Schliemann im Jahre 1870 bei Hissarlik unter einem über 20 Meter hohen Hügel Trojas Ruinen entdeckt hatte, rackern sich Altertumsforscher immer wieder an diesem "Schicksalsberg der Archäologie" ab. Als vorläufig letzter in dieser Reihe gräbt der Tübinger Archäologe Manfred Korfmann mit seinem Team seit nunmehr 13 Jahren in den Resten dieser einst mächtigen Handelsmetropole. Korfmann ist der einzige Archäologe, der von der türkischen Regierung eine Grabungslizenz für den geschichtsträchtigen Boden besitzt.

850 Exponate werden gezeigt

Ab morgen zeigt Baden-Württemberg in einer großen Landesausstellung in Stuttgart Fundstücke aus den zahlreichen Grabungskampagnen. Einige der 850 Exponate werden zum ersten Mal außerhalb der Türkei gezeigt, die Leihgeber der Artefakte sind über den ganzen Globus verteilt.

Die meisten Stücke stammen aus türkischen Museen. Für die Türkei ist Troja eine identitätstiftende nationale Grabungsstätte - besonders seit Korfmanns Urteil, dass Troja eher zum anatolischen Kulturkreis der Hetiter gehörte als zum griechischen. Ob Griechenland darüber verärgert ist, ist nicht bekannt. Jedenfalls erteilten die griechischen Behörden allen Anfragen der Ausstellungsmacher nach Leihgaben eine Absage. Die Stuttgarter zeigen nicht nur Artefakte und die Spuren des Mythos Troja. Es ist auch modernste Technik im Spiel: Mit Hilfe von Korfmanns Forschungsergebnissen haben Architekturstudenten unter der Leitung von Wolfgang Zöller, Inhaber eines Stuttgarter Büros für Architektur-Computersimulationen, die verschiedenen Phasen im Leben der Stadt Troja rekonstruiert.

Mittlerweile glauben einige Experten, dass der von Homer beschriebene Trojanische Krieg tatsächlich stattgefunden hat - und zwar vierhundert Jahre bevor Homer dem gigantischen Ringen ein literarisches Denkmal setzte. Das jetzt erschienene Buch "Troia und Homer" von Joachim Latacz gibt dieser Diskussion neue Nahrung. Der Autor sammelte Beweise, die für die Annahme sprechen und resümiert: "Die Fülle der Indizien, die in genau diese Richtung weisen, ist heute schon beinahe erdrückend." Allerdings könne man noch nicht sagen, ob es ein großer Krieg war oder eine ganze Serie von Attacken, sagte Latacz auf der Pressekonferenz zur Ausstellungseröffnung.

Im 13. und 12. vorchristlichen Jahrhundert stand die achäische Kultur unter Führung der griechischen Stadt Mykene gerade auf ihrem Höhepunkt. Für Mykene war das kleinasiatische Troja ein ernst zu nehmender Konkurrent, denn es war mindestens ebenso reich, wie das von Homer so bezeichnete "goldreiche Mykene". Über Troja floss ein großer Teil des bronzezeitlichen Handels. Besonders die Ströme des für die Bronzeherstellung wichtigen Zinns, der im Kaukasus abgebaut wurde, machten auf ihrem Weg nach Westen die Stadt reich. Umgekehrt war auch Mykene eine überegional bedeutender Handelsplatz.

Die Achäer beherrschten das Kriegshandwerk. Im 14. vorchristlichen Jahrhundert zwangen sie das Reich von Kreta unter ihre Schwerter, dessen minoische Kultur zuvor den nordöstlichen Mittelmeerraum geprägt hatte. 100 Jahre später rangen sie auch Troja nieder, ein Ereignis, das im historischen Gedächtnis der Griechen eine große Rolle spielte. Auch Homer griff wahrscheinlich auf diese Überlieferungen zurück. Sicher hat der Dichter vor Ort recherchiert, denn die geographischen Schilderungen sind sehr genau. Aber er wird von dem kriegszerstörten Troja nur Ruinen vorgefunden haben. Homers Werk ist also vergleichbar mit einem Plan eines heutigen Schriftstellers, über den Dreißigjährigen Krieg ein Epos zu verfassen.

Die Ausgräber fanden statt einer gleich eine ganze Reihe von Städten. Seit ihrer Gründung um 3000 vor Christus war Troja mit einigen Unterbechungen bis ins sechste nachchristliche Jahrhundert bewohnt. Die Trojaner ließen sich weder durch Naturkatastrophen noch von verheerenden Eroberungen vertreiben - immer wieder bauten sie ihre zerstörten Mauern und Häuser auf den Ruinen der alten wieder auf. Insgesamt 46 Mal!

Wissenschaftler vermuten, dass der von Homer beschriebene Krieg wohl Troja VIIa vernichtete. Diese Stadt (etwa 1240 bis 1180 vor Christus) zeigt Spuren von Gewalt, darin sind sich die Forscher einig. Man fand Brandspuren und die Überreste unbestatteter Leichen. Und es gibt auch Hinweise auf eine jahrelange Belagerung. Zwischen den großen Häusern haben die Bewohner jeden freien Raum für kleine Hütten genutzt, so als musste die Stadt plötzlich sehr viele Flüchtlinge aus der Umgebung aufnehmen. Außerdem fanden die Archäologen in den Häusern große Vorratsbehälter, typisch für die Vorbereitung auf eine Belagerung.

Korfmann selbst ist zurückhaltend. "Wir haben den Trojanischen Krieg nicht gesucht", sagte er. Die Frage, ob der Krieg ein historisches Faktum ist, sei ein Problem für die Sprachforscher, die die von ihm gefundenen schriftlichen Überlieferungen nun interpretieren müssten.

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