Gesundheit : Trotz der jüngsten Forschungserfolge haben 300 Millionen Malaria-Kranke kaum Aussicht auf Rettung

Alexander S. Kekulé

Eine ungewöhnliche Entdeckung eröffnete vor vier Jahren ein neues Kapitel im Kampf gegen die Malaria. Im Inneren des Krankheitserregers Plasmodium falciparum hatten australische Wissenschaftler eine Abart der winzigen Kraftwerke gefunden, mit denen grüne Pflanzen Sonnenlicht in Energie verwandeln. Seitdem hallt durch die Laboratorien der Malaria-Forscher ein siegesgewisser Schlachtruf: "Es ist eine Pflanze!" Die Euphorie der Mikrobenjäger hat ihren guten Grund. Da die beim Stich der Malaria-Mücke übertragenen Plasmodien Einzeller sind, besitzen sie im Gegensatz zu Bakterien und Viren einen weit entwickelten Stoffwechsel, der unserem eigenen sehr ähnlich ist. Jede chemische Attacke gegen den Parasiten schadet daher auch dem Patienten. Malaria-Medikamente können wegen ihrer starken Nebenwirkungen nur in geringer Dosierung eingesetzt werden.

Die Entdeckung, dass der tropische Winzling auf einen pflanzlichen Stoffwechsel angewiesen ist, eröffnet die Möglichkeit, ihn an dieser Achillesferse gezielt anzugreifen. Tatsächlich erwiesen sich diverse altbekannte Unkraut-Vernichtungsmittel als potente Plasmodien-Killer. Auch die kürzlich in Gießen erfolgreich getestete Substanz Fosmidomycin folgt diesem Prinzip. Sind wir also auf dem Wege, die Menschheitsplage Malaria, an der weltweit etwa 300 Millionen erkrankt sind, bald zu besiegen?

Das Gegenteil ist der Fall. Während in den Medien siegreiche Schlachten aus den Laboratorien der High-Tech-Länder spektakulär gefeiert werden, ist der homo sapiens in den subtropischen Gebieten Afrikas, Südostasiens und Südamerikas gerade dabei, den Krieg gegen die Mikrobe zu verlieren. Gleichgültig, ob die neuen Wunderwaffen die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen oder nicht, eines steht bereits mit tödlicher Sicherheit fest: Sie kommen zu spät. Das Desaster, das im Malaria-Gürtel der Erde seinen Lauf nimmt, liegt, erstens, an der Tücke der Parasiten, die nach und nach gegen alle klassischen Malaria-Mittel resistent werden. Das altehrwürdige Resochin, das 40 Jahre lang für ein Drittel der Menschheit der einzige Schutzschild gegen das tödliche Fieber war, hat in weiten Teilen Afrikas und Südostasiens seine Wirksamkeit verloren. Prompt hat sich die Sterblichkeit mehr als verzehnfacht, jeder dritte Todesfall bei Kindern unter fünf Jahren geht in diesen Regionen auf das Konto des Wechselfiebers.

Zweitens gibt es, insbesondere in Afrika, ein ökonomisches Problem. Die Behandlung eines Erwachsenen mit Resochin kostet etwa 20 Cent; bereits Kosten von einem US-Dollar pro Patient würde die meisten afrikanischen Staaten weit überfordern. Der Umsatz, der mit der Behandlung von Aids-Patienten allein in Kalifornien gemacht wird, übersteigt die Summe der Gesundheitsetats aller Staaten im Malaria-Gürtel.

Angesichts des absehbaren Zuschussgeschäfts zeigt die Pharmaindustrie wenig Initiative, die Plage zu beenden. Das Aids-Virus wird mit Milliardenaufwand bekämpft. Mittel für die Erforschung des Wechselfiebers, das jährlich etwa zwei Millionen Tote fordert, sind kaum zu bekommen. Die Weltgesundheitsorganisation konnte mit ihrer Großoffensive "Roll Back Malaria" vor einem Jahr zumindest eine gewisse Aufmerksamkeit für die sich anbahnende Katastrophe erzielen, was auch ein Beweggrund für die Publicity-wirksame Sechs-Milliarden-Dollar-Spende von Microsoft-Chef Bill Gates (für die Forschung an Aids, Tuberkulose und Malaria) gewesen sein dürfte.

Neu entwickelte Medikamente, das steht allerdings schon jetzt fest, werden für die betroffenen Länder unbezahlbar sein. So wie das kürzlich nach über 25 Jahren träger, weil unterfinanzierter Forschung endlich zugelassene Artesunate. Mit diesem potentesten, am schnellsten wirkenden und teuersten Malaria-Mittel könnten bereits heute die meisten Opfer des tropischen Fiebers gerettet werden. Darüber hinaus würde die Kombination mit Artesunate nach Meinung der Experten die Resistenzentwicklung auch bei den klassischen Medikamenten erheblich verzögern, so dass sich etwa fünf bis zehn Jahre zusätzliche Zeit für die Suche nach neuen Wirkstoffen "erkaufen" ließen. Bisher hat sich allerdings noch niemand gefunden, der die Rechnung bezahlen will.Der Autor ist Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

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