Gesundheit : TU-Berlin: Starke Worte trotz verlorener Mehrheit

Uwe Schlicht

TU-Präsident Hans-Jürgen Ewers ist um ein starkes Wort nie verlegen. Um so erstaunlicher, wenn man ihn in einer gewissen Ratlosigkeit antrifft, was nicht gleich Sprachlosigkeit bedeutet. Woher die neue Ratlosigkeit? Was tut man, wenn man gegen die Mehrheit einer anderen Richtung regieren soll? Und das auch noch im wichtigsten Hochchulgremium - dem Akademischen Senat. Die Konservativen und Liberalen, die bisher mit der knappen Mehrheit von jeweils einer Stimme im Senat und im satzungsgebenden Konzil den Kurs des TU-Präsidenten unterstützt hatten, verloren die Mehrheit. Im Akademischen Senat haben jetzt die Linken von der Reformfraktion eine Stimme Mehrheit - im Konzil, das über die Hochschulverfassung entscheidet, blieb es bei der Mehrheit der Konservativen. Im Kuratorium sind wieder die Linken vorn.

Ewers hofft, dass die Reformfraktion "keine Mauerpolitik macht und mit dem Mittel des absoluten Fraktionszwangs alles durchstimmt" - im Akademischen Senat, im Konzil und im Kuratorium. Diese Hoffnung hegt er aus zwei Gründen: Weil in den letzten vier Jahren die großen Reformen der TU mit mehr Stimmen im Akademischen Senat abgesegnet wurden, als die Liberalen und Konservativen zusammen aufbringen.

Die Technische Universität ist einen anderen Weg gegangen als die Freie Universität und die Humboldt-Universität. Die TU hat nach der aufgezwungenen Reduzierung ihres Professorenbestandes zunächst ihre Neugliederung nach langem Hin und Her durch die Gremien gebracht. Aus zuletzt 15 Fachbereichen wurden acht Fakultäten. Der große Wurf war diese Fakultätsgliederung nicht, denn die Verschmelzung von Natur- und Ingenieurwissenschaften, die Ewers als zukunftsweisendes Modell anpries, war am Widerstand der Konservativen gescheitert. "Ich konnte den Konflikt nicht auf die Spitze fahren, weil ich dann ohne unterstützende Fraktion dagestanden wäre", sgt Ewers. Bei der Neugliederung haben Ingenieure und Naturwissenschaftler ihre getrennten Hochburgen behalten. Danach begann die Definition von Forschungsschwerpunkten, die quer zu den Fakultäten an Themen orientiert werden. Als Höhepunkt gilt die Budgetierung. Künftig erhalten alle Fakultäten eigene Budgets, mit denen sie wirtschaften können, aber sie müssen zu diesem Zweck Zielvereinbarungen mit dem Präsidenten aushandeln, um Stärken noch stärker zu machen und Schwächen schrittweise zu überwinden. Reformen gegen Geld, heißt das Motto. Weil es um so viel geht, will Ewers alle vier bis sechs Wochen mit den Dekanen konferieren. Dazu wünscht er sich zumindest bei der Wahl der Dekane durch die Fakultäten ein Vetorecht zu erhalten. Noch lieber sähe er es, wenn der Präsident die Dekane zur Wahl vorschlagen könnte.

Damit ist klar: Es geht um eine neue Verfassung. Natürlich sähe es Ewers gern, wenn künftig die Dekane, die zur Zeit nur schwach im Akademischen Senat vertreten sind, nicht erst zu gesonderten Konferenzen einberufen werden müssten, um sie in die Universitätsreform einzubinden, sondern wenn jeder Dekan Sitz und Stimme im Senat hätte. "Dann hätten wir große Sachkompetenz und Vernunft im Akademischen Senat." Außerdem will Ewers die Kompetenzen des Präsidiums stärken: die Exekutive hat den Haushalt zu bestimmen - dem TU-Senat möchte er nur die Aufgaben von Kontrolle und Beratung zuweisen.

Eine neue Verfassung rührt an die Reizthemen der Linken. Soll die TU wie die Humboldt-Uni und die Freie Universität einen Hochschulrat bekommen - also ein Gremium, in dem vor allem die elder statesmen, Manager aus der Wirtschaft und herausragende Wissenschaftler von außen das Sagen haben? Dieser Hochschulrat oder dieses Kuratorium neuer Art würde sich um die strategischen Fragen der TU in Forschung, Lehre und in Haushaltsfragen kümmern. Dem steht der Wunsch vieler Linker gegenüber, an der Gruppenuniversität und der Weiterleitung der Gruppeninteressen bis in die Spitze der Uni festzuhalten. Solch Ansatz würde eher auf ein Kuratorium hinauslaufen, das nach Art der Rundfunkräte mit Politikern, Abgeordneten, Vertretern der Arbeitgeber, der Gewerkschaften und der Uni besetzt ist - Frauenbeauftragte und Umweltbeauftragte nicht zu vergessen.

Ewers pointiert: "Wir brauchen ein neues Gremium, wenn wir stärker die Außensicht in die Technische Universität hereinholen wollen." Eine Mischung von sieben Vertretern von außen und sechs Vertretern aus der TU wäre ihm am liebsten. Nichts wäre dem TU-Präsidenten unangenehmer, als wenn jetzt am Beispiel der TU ein Vorgefecht um die inhaltliche Gestaltung des künftigen Berliner Hochschulgesetzes ausgefochten würde - nach dem Motto, die Basisdemokratie steht gegen eine Entdemokratisierung auf und wendet sich gegen zu starke Präsidenten und Dekane und einen zu großen Außeneinfluss.

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