Gesundheit : Tuberkulose, Krebs und Karies: 400 Mumien werden von deutschen Wissenschaftlern medizinisch untersucht

Rudolf Grimm

Ägypten war vor 3000 Jahren ein mächtiges Land und von hoher Kultur - aber um die Gesundheit seiner Bevölkerung war es selbst in höheren sozialen Schichten schlecht bestellt. Dies zeigen die Ergebnisse von Untersuchungen deutscher Wissenschaftler an menschlichen Überresten der großen Nekropolen von Theben-West. Theben war zur Zeit des "Neuen Reichs" (1550-1069 v. Chr.) Hauptstadt Ägyptens. In den untersuchten Grabstätten sind vor allem Angehörige höherer Schichten bestattet, von denen vielfach angenommen worden ist, dass bei ihnen die Krankheitshäufigkeit verhältnismäßig gering gewesen sei.

Über die Untersuchungen eines interdisziplinären Teams von der Universität München an bisher 400 Individuen berichtet Professor Andreas Nerlich in der neuesten Ausgaben des Magazins der deutschen Forschungsgemeinschaft, "forschung". Das allgemeine Sterbealter der untersuchten Bevölkerungsgruppe zeigte ein Maximum zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr mit einer Spanne bis etwa zum 40. Jahr - also für eine Hauptstadt-Bevölkerung mit vermutlich ausreichender Versorgungslage eine vergleichsweise niedrige Lebenserwartung. Eine ähnliche Verteilung des Sterbealters wird übrigens auch für die sozial am höchsten Stehenden des alten Ägyptens, die Pharaonen, angenommen, wie frühere Untersuchungen an deren Mumien nahe legten.

Grund hierfür könnten zahlreiche Infektionskrankheiten sein. Dafür gibt es Indizien. Dem Münchner Team gelang mit Hilfe spezieller Techniken der Molekularbiologie der Nachweis der Erbsubstanz bestimmter Bakterien, die Erreger typischer Krankheitsbilder sind. Darunter sind die bislang ältesten Fälle molekular belegter Tuberkulose. Diese Infektionskrankheit war im alten Ägypten wohl wesentlich häufiger als bisher vermutet und zumindest mit verantwortlich für die niedrige Lebenserwartung.

Unter den anderen Krankheitsbefunden sind erstaunlich häufig Knochenveränderungern als Zeichen für chronische Blutarmut, Blutbildungsstörungen, Vitamin-C- (Skorbut) und Vitamin-D-Mangel (Rachitis). Festgestellte Gelenk-Abnutzungen (Arthrose) und degenerative Veränderungen an der Wirbelsäule zeugen von chronischer Fehl- und Überbelastung des Körpers. Auch bösartige Tumore wurden entdeckt, speziell an Knochen. Es wurde deutlich, dass die Häufigkeit solcher Krebsgeschwüre in der damaligen Bevölkerung nur wenig unter der heutiger Populationen gelegen hat.

Ägypten bietet für wissenschaftliche Untersuchungen an Verstorbenen einzigartig gute Möglichkeiten. Schon das heiß-trockene Klima konserviert vielfach ihre Überreste als Mumien. Ferner haben die alten Ägypter auf Grund ihrer religiösen Vorstellungen viel Mühe darauf verwendet, sie künstlich, etwa durch Balsamierung, vor Verwesung zu schützen. So sind in zahlreichen Fällen Reste von inneren Organen und Weichteilgewebe vorhanden.

Untersuchungen an Mumien haben in den vergangenen 25 Jahren interessante Ergebnisse erbracht. So konnte festgestellt werden, dass selbst Mitglieder der Königsfamilie an Bilharziose erkrankt waren. Bis dahin war angenommen worden, dass diese typische Wurminfektion auch im alten Ägypten ausschließlich eine Seuche der armen Leute war.

Die Zähne sind bei den Toten meist ungewöhnlich stark abgerieben, vor allem durch den Sand, der beim Mahlen des Getreides mit in das Brotmehl gelangte. Die starke Abkauung der Zähne hat auch zur Ausbreitung von Abszessen und Karies beigetragen. Auch Lungenschäden durch Umweltbedingungen wurden festgestellt. Die Biologin und Ägyptologin Renate Germer (Universität Hamburg) erwähnt in ihrem Buch "Das Geheimnis der Mumien" die Identifizierung einer 4 000 Jahre alten Staublunge im Museum von Manchester (Großbritannien). Auch Kohlenstaublungen wurden gefunden. Sie bestätigen möglicherweise alte Texte über schlechte Arbeitsbedingungen an Metallschmelzöfen.

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