Tuberkulose : Zehlendorfer Zauberberg

Tuberkulose gilt als Krankheit des 19. Jahrhunderts. Doch sie ist weltweit auf dem Vormarsch. In Berlin stecken sich ebenfalls Menschen an. Die Schwindsucht, wie man sie auch nannte, wurde lange in der Lungenklinik am Heckeshorn behandelt. Ein Helios-Krankenhaus trägt diesen Namen weiter

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Viel frische Luft. So wurden früher Patienten in Heckeshorn therapiert. Foto: Promo
Viel frische Luft. So wurden früher Patienten in Heckeshorn therapiert. Foto: Promo

Ohne Mundschutz geht gar nichts. Trifft man Ekaterine Gelaschwili (Name geändert) auf dem Flur im Klinikum Emil von Behring in Zehlendorf, sieht man von ihrem Gesicht nur große dunkle Augen, unter denen tiefe Ringe liegen. In ihrem Zimmer ist nicht sie diejenige, die einen Mundschutz trägt, sondern die Besucher. Die 33-jährige Studentin aus Georgien hustet und sagt, dass sie bis vor kurzem 40 Grad Fieber hatte und Luftnot. Jetzt gehe es ihr schon viel besser. Ekaterine Gelaschwili hat Tuberkulose (TB) und wird im Helios-Klinikum Emil von Behring seit kurzem mit Antibiotika behandelt. Die Ärzte versuchen herauszufinden, welche Medikamente bei ihr die geringsten Nebenwirkungen hervorrufen. Beim ersten Versuch gab es Probleme mit der Leber. Sechs verschiedenen Tabletten schluckt sie täglich. Eigentlich ist sie nicht ansteckend, sagen ihre Ärzte. Die Vorsichtsmaßnahmen müssen trotzdem sein.

Tuberkulose kennen viele heute nur noch noch aus der Literatur, etwa aus Thomas Manns „Zauberberg“. Für Susan Sontag war sie die typische Krankheit des 19. Jahrhunderts. Die amerikanische Autorin analysierte die Metaphern, mit denen die Tuberkulose als mysteriöse, unerklärliche Erkrankung belegt wurde, und verglich sie mit Krebs, der Krankheit, die das 20. Jahrhundert prägte. Aber: „Tuberkulose ist heute weltweit auf dem Vormarsch“, sagt Torsten Bauer, Chefarzt der Klinik für Pneumologie am Klinikum Emil von Behring. „Sie ist noch immer eine der häufigsten Todesursachen unter den Infektionskrankheiten.“ In Deutschland sei der Vormarsch zwar „verhalten“. Aber immerhin würden rund 5000 Erkrankungen pro Jahr gezählt, 360 davon in Berlin. 120 werden pro Jahr im Klinikum Emil von Behring behandelt.

Ein Drittel der Patienten, so schätzt der Arzt, sind Migranten aus Osteuropa, Asien, Afrika. Das zweite Drittel bestehe aus sozial schwachen Menschen und älteren Leuten, die seit der Nachkriegszeit Tuberkulosebakterien im Körper haben. Denn längst nicht bei allen Menschen lösen die Bakterien die Krankheit aus. „Wenn Tuberkulosebakterien in den Körper gelangen, kapselt er sie im günstigen Fall mit einer Art lebender Mauer ein“, sagt Bauer. Wenn diese Menschen jedoch etwa durch Alter und Krankheiten geschwächt sind, wird die Mauer durchlässig.

Im letzten Patienten-Drittel fasst Bauer Bildungsreisende, die etwa aus Asien zurückkehren, unklare Fälle und HIV-Positive zusammen. Letztere sind ebenfalls besonders anfällig. Auch deshalb habe es seit Mitte der Achtziger, seit das HI-Virus bekannt ist, eine Rückkehr der Tuberkulose gegeben. Vor 100 Jahren bedeutete die Diagnose noch ein sicheres Todesurteil. Heute liege die Sterblichkeit bei sieben Prozent – niedriger als bei Lungenentzündungen. Doch gerade sind zwei seiner Patienten gestorben. Sie hatten eine Form der Tuberkulose, die resistent gegen Antibiotika war. „Die Resistenzen werden zunehmend zum Problem“, sagt Bauer. Sie entstehen, weil viele Patienten die Medikation vorzeitig abbrechen.

Sechs Monate lang müssen Erkrankte einen Tablettencocktail nehmen – bis zu 18 verschiedene Pillen täglich. Die Behandlung ist langwierig, weil man die Bakterien nur in den empfindlichen Wachstumsphasen abtöten kann, sie aber nicht immer wachsen. Das Problem ist, dass der Patient schon nach kurzer Zeit eine allgemeine Besserung verspürt und die oft erheblichen Nebenwirkungen der Medikamente als lästig empfindet. „Gerade Patienten in schwierigen Lebenssituationen, etwa Alkoholabhängige, setzen die Medikamente dann ab,“ sagt Gisela Glaser-Paschke, ärztliche Leiterin des Zentrums für tuberkulosekranke und -gefährdete Menschen in Lichtenberg.

Hier erfassen 22 Mitarbeiter sämtliche Tuberkulosefälle in Berlin. Denn TB ist eine meldepflichtige Krankheit. Immer wird auch das Umfeld der Erkrankten getestet. Oft seien das Gemeinschaftsunterkünfte, sagt Glaser-Paschke. Deshalb wird jeder, der in Berlin in eine solche Unterkunft, etwa für Wohnungslose zieht, im Lichtenberger Zentrum prophylaktisch getestet. Der Ärztin ist aber wichtig, dass Tuberkulose nicht nur eine Krankheit der Armen ist. Anstecken könne sich jeder. Die Bakterien bleiben extrem lange in der Luft, vor allem in ungelüfteten Räumen, etwa in der U-Bahn. „Der typische Ort, um sich anzustecken, ist für mich ein chinesisches Vorstadtkino“, sagt Lungenspezialist Bauer. Oder eins in Georgien. Dort hätten große Teile der Bevölkerung Tuberkulose. Eigentlich müssten sich die Ärzte dort also gut mit der Krankheit auskennen. Doch sie fanden die Ursache für Ekaterine Gelaschwilis Leiden nicht. Denn bei ihr sind die Lymphdrüsen befallen. Tuberkulose ist zwar meistens eine Krankheit der Lunge, sie kann aber auch andere Teilen des Körper befallen.

Auch deshalb erschien Tuberkulose früher als gefährlich und mythisch. Jetzt ist der Mythos allerdings verblasst. Wie Bauers Schwarz-Weiß-Fotos. Sie zeigen Tuberkulosekranke in der alten Lungenklinik Heckeshorn am Wannsee. Bis zu 200 Patienten unterzogen sich dort gleichzeitig Liegekuren, die heute nicht mehr Teil der Therapie sind. „Das war der Zauberberg von Berlin“, sagt Bauer, der bis 2007 dort praktizierte. Dann wurde die Lungenklinik trotz großer Proteste mit dem Klinikum Emil von Behring fusioniert, der Standort am Wannsee aufgegeben. Heute werden dort nur noch Krankenhausserien gedreht. Doch der Name hat überlebt, Bauers Klinik für Pneumologie trägt ihn weiter, auch wenn es eine richtige TB-Station dort erst wieder seit einem Jahr gibt.

Die Lungenklinik Heckeshorn eröffnete 1947 , weil alle übrigen Lungenkliniken im sowjetischen Sektor lagen. 156 Tage blieben die Kranken damals, heute sind es bei Patienten wie Ekaterine Gelaschwili meist nur drei Wochen. Nur diejenigen mit einer resistenten Form werden jahrelang stationär behandelt. Es gibt ihn also noch, den Zauberberg.

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