Gesundheit : Tugendhat: Philosophen sollen in die USA fahren

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Die deutsche Philosophie spielt nach Ansicht des Gelehrten Ernst Tugendhat im internationalen Vergleich keine Rolle mehr. „Die USA sind führend heute. Die deutsche Literatur wird von Angelsachsen gar nicht mehr beachtet“, sagte Tugendhat anlässlich seines 75. Geburtstags am 8.März.

Selbst bei der Erforschung des klassischen Deutschen Idealismus von Kant, Fichte, Schelling und Hegel seien englischsprachige Denker vorherrschend: „Die besten KantKommentare stammen von Amerikanern, Briten, Kanadiern oder Australiern.“ Nach Ansicht Tugendhats werden deutsche Philosophen künftig englisch schreiben müssen, um wahrgenommen zu werden. Wer Philosophie studieren wolle, solle Deutschland verlassen und in die USA fahren.

Dort gebe es bessere Universitäten mit kleineren Lerngruppen und mehr Professoren. „Die Amerikaner haben außerdem eine größere Diskussionsfreudigkeit.“ Typisch für deutsche Autoren sei dagegen ihre Autoritätsbezogenheit. Entweder gelte die Geschichte der Philosophie als Autorität oder einzelne Denker wie Kant, Hegel oder Heidegger.

Die aktuelle Bedeutung dieser deutschen Denker wird nach Meinung Tugendhats oft überschätzt. „Kant war zweifellos ein ganz großer Philosoph, aber in den tiefen Fragen war er nicht eigentlich modern. Ich kann nicht sehen, wo er für uns heute von Bedeutung ist.“

Tugendhat gilt als einer der bedeutendsten Philosophen der Gegenwart. In den 70er Jahren hatte er die sprachanalytische Philosophie aus England und Nordamerika mit Elementen der kontinentalen Metaphysik verbunden. In den 80er Jahren befasste er sich mit Grundlagenfragen der Moralphilosophie. Nach seiner Emeritierung als Philosophieprofessor an der Freien Universität Berlin 1992 ging er nach Südamerika und lehrte in Santiago de Chile. Seit Ende der 90er Jahre lebt er in Tübingen, wo er in jungen Jahren als Assistent am Philosophischen Seminar gearbeitet hatte. dpa/Tsp

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