Gesundheit : Tumoren als Zielscheibe

Mit neuen Wirkstoffen versuchen Mediziner, Nierenkrebs in den Griff zu bekommen – und es gibt erste Erfolge

Adelheid Müller-Lissner

Jedes Jahr erkranken 14 000 Menschen in Deutschland an Nierenkrebs. Unter ihnen sind viele, denen die Ärzte bisher keine wirksame Behandlung anbieten konnten. Als kleine Sensation kann deshalb gelten, dass beim Deutschen Krebskongress in Berlin gleich zwei neue Medikamente vorgestellt wurden, die Patienten im fortgeschrittenen Krankheitsstadium eines Nierenzellkarzinoms, der häufigsten Krebsart der Niere, zwar nicht Heilung, aber deutliche Besserung und Lebensverlängerung zu bieten haben. Beide sind in den USA schon zugelassen und könnten noch in diesem Jahr auch die europäische Zulassung erhalten.

Gedacht sind sie für die Gruppe der Erkrankten, denen die Operation keine Heilung brachte. Meist wird dabei zwar die ganze befallene Niere entfernt. Doch bei fast einem Drittel der Patienten hat der Tumor zu diesem Zeitpunkt schon erkennbare Absiedlungen gebildet, vier bis fünf von zehn Operierten bekommen in der Zeit danach Metastasen. Damit ist ihr Krebs zu einer unheilbaren Krankheit geworden, im Durchschnitt haben sie noch zehn Monate zu leben.

„Leider sind die klassischen Säulen der Krebstherapie wie Bestrahlung und Chemotherapie hier nicht wirksam“, sagte beim Kongress Jan Roigas, Urologe an der Charité Campus Mitte. Neben der chirurgischen Entfernung der Tochtergeschwulste, die bevorzugt in der Lunge wachsen, blieb bisher deshalb nur die Behandlung mit Interferon-alpha oder Interleukin-2, Signalstoffen des Immunsystems, mit denen der körpereigenen Abwehr eingeheizt werden soll. Doch die Erfolge sind insgesamt bescheiden, Nebenwirkungen wie Fieber und Abgeschlagenheit führen dazu, dass viele Kranke die Immuntherapie entmutigt abbrechen.

Über 1000 von ihnen wurden in den letzten Jahren im Rahmen von mehreren internationalen Studien mit zwei Substanzen behandelt, die den Tumor in die Zange nehmen, indem sie ihn von der Blutversorgung abschneiden und zugleich das Zellwachstum hemmen. Das von Bayer entwickelte Soratinib (Markenname: „Nexavar“) und das vom Konkurrenten Pfizer hergestellte Sunitinib („Sutent“) gehören zu den Tyrosinkinasehemmern. Indem sie wichtige Eiweißgruppen hemmen, blockieren sie die Andockstellen (Rezeptoren) für eine ganze Reihe von Wachstumsfaktoren, ohne die der Krebs nicht gedeihen kann.

Ein solcher Faktor ist VEGF (Vascular Endothelial Growth Factor), der für die Aussprossung neuer Blutgefäße wichtig ist. Ohne Anschluss an die Blutversorgung kann der Tumor nicht wachsen. Die Mittel blockieren zugleich aber in der Tumorzelle selbst Faktoren wie PDGF (Platelet-derived Growth Factor), die direkt für das Wuchern des Tumors wichtig sind. Beide Wachstumsfaktoren sind bei Patienten mit Nierenzellkarzinom erhöht, häufig aufgrund einer Veränderung des Von-Hippel-Lindau-Gens, das ihre Bildung über eine komplizierte Signalkette reguliert.

Nierentumoren sind besonders gut durchblutet. Die gezielte Blockade mehrerer Andockstellen wird von Krebsmedizinern als „Multi-Targeting“ bezeichnet. Im Unterschied zu Antikörpern wie dem bei Darmkrebs eingesetzten Bevacizumab („Avastin“), das ebenfalls die Gefäßneubildung hemmt, wirken die neuen kleinen, wasserlöslichen Moleküle in der Zelle selbst, nicht an deren Oberfläche, wie der Charité-Krebsspezialist Kurt Possinger auf dem Krebskongress erläuterte.

Dort berichtete Bernard Escudier vom Pariser Institut Gustave Roussy von einer Studie, an der über 900 Patienten mit Metastasen teilnehmen, die Operation und Immuntherapie schon hinter sich haben. Sie bekommen entweder Soratinib oder ein Scheinmedikament (Placebo).

Mit dem Wirkstoff konnte die Krankheit im Schnitt 22 Wochen aufgehalten werden, unter Placebo nur sechs Wochen. Bei 84 Prozent der Patienten wurde sie mindestens zeitweise stabilisiert. Bei einer Zwischenanalyse im April 2005 waren die Vorteile so deutlich, dass auch den Teilnehmern aus der Placebo-Gruppe das Präparat angeboten wurde. Escudier schätzt, dass Soratinib den Patienten einige Monate Lebenszeit schenkt. Einzelne können aber eine deutlich größere Lebensspanne gewinnen.

Ähnliche Ergebnisse lieferten zwei kleinere Studien für das Konkurrenzprodukt Sunitinib, das jetzt in einer größeren Studie in 100 Zentren auch im Vergleich mit Interferon-alpha getestet wird. Man beginne nun, „das Nierenzellkarzinom zu knacken“, resümierte beim Kongress Charité-Urologe Roigas, dessen Klinik an einer der Studien beteiligt ist.

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