Gesundheit : "Typisch deutsch": Am Wesen eines Volkes will niemand mehr genesen (Buchtipp)

Josefine Janert

Die Tendenz in den neuesten Umfragen ist deutlich: Rund ein Drittel der schwedischen Bevölkerung ist gegen die Mitgliedschaft in der Europäischen Union. Nur 37 Prozent sind dafür. Im Gegensatz zum benachbarten Finnland, das ebenfalls 1995 der EU beigetreten ist, aber auf Grund seiner Nähe zu Russland eine starke Anbindung an den Westen wünscht, ist Schweden immer noch skeptisch. In den einheimischen Medien wird die EU häufig gleichgesetzt mit Bürokratie und Frauenfeindlichkeit, mit "einem komplizierten Apparat, von dem man nicht genau weiß, ob er gut oder schlecht ist." Die Union - das sind "arrogante Männer in schwarzen Anzügen, die über Schweden bestimmen, obwohl sie doch Fremde sind."

30 000 verkaufte Exemplare

Derlei verallgemeinernde Äußerungen stammen von Åke Daun, einem Stockholmer Ethnologie-Professor. Seit Beginn der neunziger Jahre macht er in Nordeuropa mit Veröffentlichungen über Kultur und Identität von sich reden. Sein Hauptwerk, eine Studie über "Schwedische Mentalität" hat der Wissenschaftler schon fast 30 000 Mal verkauft. Das ist bei 8,8 Millionen Einwohnern eine beachtliche Leistung. Das Buch wurde ins Englische übertragen und von einem US-amerikanischen Verlag gedruckt. Eine Übersetzung ins Chinesische ist in Arbeit.

In "Schwedische Mentalität" und in vergleichbaren Werken versucht Åke Daun, die schwedische Kultur als etwas vergleichsweise Einheitliches zu beschreiben. Er konstruiert eine Art Durchschnittsbürger mit Eigenschaften, die in dieser nordeuropäischen Kultur angeblich besonders geschätzt werden. Sven Svensson, das schwedische Pendant zu Otto Normalverbraucher, ist nach Auffassung von Åke Daun schüchtern, effektiv, rationell, zuverlässig. Er vermeidet Konflikte und lebt, besonders in Großstädten, viel häufiger in einem Ein-Personen-Haushalt als gleichaltrige Südeuropäer. Mit Hilfe der "Mentalität", die für die "Wesensart" von Angehörigen einer vergleichsweise homogenen Nationalkultur steht, versucht der Ethnologe auch, die schwedische Ablehnung gegenüber der EU zu erklären. Merke: Svensson mag Brüssel nicht, weil er eben so schwedisch ist.

Solche Untersuchungen über den "Nationalcharakter" eines Volkes sind für moderne Sozialwissenschaftler mit einem hohen Risiko verbunden. In der Debatte über ihre Studien könnten sie ja als nationalistisch, unzeitgemäß und lächerlich hingestellt werden. Schließlich ist die Welt ein globales Dorf, und Schweden von Deutschland oder den USA nur einen Mausklick entfernt. Ähnliche Studien, die auch hier zu Lande erscheinen, haben deshalb meist einen ironischen Unterton. Der Einband des eben erschienenen Buches "Typisch deutsch" von Hermann Bausinger ist mit einer ganzen Armee fröhlicher Gartenzwerge verziert. Der Leser erfährt, dass die Teutonen Autonarren, Sandburgenbauer und disziplinierte Fußballer sind. Sie trennen ihren Müll, reden viel und lassen sich niemals kleinkriegen. Sofern sie weiblich sind, sprechen sie gern über Feminismus und haben kurze Haare. Alles klar? Und vor allem: "Typisch deutsch ist es, der Frage nach dem typisch Deutschen auszuweichen", resümiert der Autor, der bis zu seiner Emeritierung an der Universität Tübingen Empirische Kulturwissenschaft lehrte.

Das Ausweichen lässt sich anhand der deutschen Geschichte und den unseligen rassenbiologischen Forschungen der Nazis nur zu gut erklären. Doch Studien über den "Nationalcharakter" wurden in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht nur in Deutschland, sondern in vielen Industriestaaten betrieben - in Schweden ebenso wie in den USA. "Heute ist die Frage nach dem Wesen eines Volkes allerdings völlig vom Tisch", sagt die Ethnologin Michi Knecht, die an der Humboldt-Universität lehrt. Eher gebe es jetzt Debatten darüber, warum sich Menschen mit einem Staat oder einer Region oder einer Stadt identifizierten. Und warum sie andererseits mit einem Staat identifiziert werden. Bei der Frage nach dem Deutsch-Sein gehe es letztlich um eine Dialektik von Fremd- und Selbstbild, sagt Knecht.

Bei der Beschreibung des Deutsch- oder Schwedisch-Seins wird deshalb auch gern das Mittel des Kontrastes genutzt. "Fremde" reden über "Einheimische", "Inländer" reflektieren über "Ausländer". In dem Band "Inspecting Germany", der nächstes Jahr von den Tübinger Ethnologen Thomas Hauschild und Bernd Jürgen Warneken im Konstanzer Universitätsverlag herausgegeben wird, äußern sich zahlreiche ausländische Sozialwissenschaftler, die in oder über Deutschland geforscht haben. Das Buch enthält Berichte einer vielbeachteten Fachtagung.

Auch der Stockholmer Ethnologie-Professor Åke Daun inspizierte ein anderes Land, um Gründe für die schwedische Einstellung gegenüber der Europäischen Union herauszuarbeiten. In seinem Buch "Europäische Identität" vergleicht er Schweden mit Italien, einem Staat, in dem Dreiviertel der Bevölkerung die EU positiv sehen. Schweden, so erfährt man, legt eher Wert auf persönliche Unabhängigkeit, während Italiener die Netzwerke von Freunden und Verwandten benutzen, um sich in der Gesellschaft fortzubewegen, ein Haus zu kaufen, Geschäftsbeziehungen zu knüpfen.

Nationale Stereotypen

Verschlossene Nordeuropäer, familiengebundene Südeuropäer - das hört sich an wie die Wiedergabe von bekannten Stereotypen. Und soll man wirklich glauben, dass Schweden skeptisch gegenüber der EU sind, weil sie fleißig, zurückhaltend und effektiv sind? Diese und andere Untersuchungen erreichen immer dann Tiefenschärfe, wenn die Autoren fragen, warum ein solches Klischee zu Stande gekommen ist. Schließlich sagt ein Stereotyp nicht nur etwas über das betreffende Volk aus, sondern vor allem auch über den, der es benutzt.

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