Gesundheit : U-Boot-Drama: U-Boote wie die "Kursk" gehören zum Arsenal der großen Militärmächte - Neue Boote geplant

Raoul Fischer

Sie tauchen ab bis in eine Tiefe von 450 Metern und erst nach langer Zeit wieder auf. Sie sind 35 Knoten schnell, was rund 65 Stundenkilometern entspricht. Kolosse von 150 Metern Länge und 18 000 Tonnen Gewicht, aber dennoch unheimlich leise. Werkzeuge der Vernichtung, die bis an die Zähne bewaffnet sind, auch mit atomaren Sprengköpfen. Ob "James Bond", "Das Boot" oder "Jagd auf roter Oktober" - U-Boote bieten den Stoff, aus dem Filme gemacht werden, sie faszinieren und erregen Furcht.

Unfälle wie die Havarie des russischen Atom-U-Bootes Kursk zeigen jedoch, dass auch diese Spitzenprodukte der Technik keineswegs unverwundbar sind. Der Mythos ist angekratzt worden - und nicht erst vor vierzehn Tagen. Denn seitdem vor rund 50 Jahren Atom-U-Boote entwickelt wurden, liegen bereits sechs auf dem Meeresgrund: vier sowjetische und zwei US-amerikanische, havariert oder bewusst versenkt, weil eine Bergung unmöglich war. Angesichts der Katastrophe in der Barentsee bleiben viele offene Fragen. So ist zur Trauer über den Tod der 118-köpfigen Besatzung der "Kursk" die Sorge über mögliche Folgeschäden und eine radioaktive Verseuchung des Meeres getreten.

Atom-U-Boote waren die Abschreckungs-Instrumente im Kalten Krieg. Gerhard Schmidt, Ingenieur im Bereich Nukleartechnik und Anlagensicherheit des Öko-Instituts in Darmstadt, erklärt den Zweck dieser Klasse von Booten so: "Sie sind das Ideal, um Nuklearwaffen über die Weltmeere zu verteilen - schwer zu orten, sehr schnell und nicht leicht anzugreifen und auszulöschen." Neben den USA und der Sowjetunion hatten auch Frankreich, Großbritannien und die Volksrepublik China aus diesem Grund kleine Atomreaktoren zwischen gepanzerte Stahlwände gepackt und über die Weltmeere geschickt.

"Der Vorteil ist, dass der Atomantrieb unabhängig von Außenluft ist", erklärt Jürgen Rohweder, Sprecher der Howaldtswerke Deutsche Werft AG. Konventionelle U-Boote werden mit Dieselmotoren betrieben, die für den Betrieb eine Frischluftzufuhr benötigen und einen Auspuff für die Abgase. Sie müssen also immer wieder auftauchen, um Luft zu holen. Beim Tauchvorgang werden Elektromotoren eingesetzt, deren Energie aus einer vom Dieselmotor gespeisten Batterie stammt. Solche U-Boote können höchstens ein bis zwei Tage abgetaucht bleiben, bei voller Fahrt gar nur eineinhalb Stunden. Auch der im Zweiten Weltkrieg entwickelte Schnorchel helfe da nicht weiter, erklärt Rohweder. Der erlaube es höchstens, in einer Tiefe von zwölf bis vierzehn Metern zu tauchen. "Für Flugzeuge gut sichtbar", sagt er.

Atombetriebene U-Boote können dagegen monatelang in großer Tiefe tauchen. Die Technik wurde in den 50er Jahren in den USA entwickelt. Die Electric Boat Division baute den Prototyp aller Atom-U-Boote, die "USS Nautilus". Mit diesem neuen Schiff konnten US-Amerikaner zum ersten Mal unter dem Nordpol durchtauchen.

"Die funktionieren im Grunde wie Dampfmaschinen", erklärt Schmidt vom Öko-Institut. Der Dampf wird in einem Druckwasserreaktor erzeugt. In einem ersten geschlossenen Kreislauf erhitzen die Kernbrennstäbe Wasser auf 300 Grad, das unter hohem Druck steht und deswegen einen wesentlich höheren Siedepunkt hat. Der Dampf strömtin einen Generator und erhitzt dort in einem zweiten Kreislauf Wasser unter normalem Druck, bis es kocht und verdampft.

Der Dampf kann auf zwei Turbinen mit Schaufelrädern geleitet werden. Die eine treibt die Schiffsschraube an, die andere erzeugt elektrischen Strom für das U-Boot. Der wird unter anderem gebraucht für eine Anlage, die aus Meerwasser Sauerstoff gewinnt. Der wird auf langen Tauchfahrten in den Kabinen dringend gebraucht. In einem Kondensator wird der heiße Dampf des zweiten Kreislaufs anschließend zu Wasser abgekühlt und kann danach wieder in den Dampferzeuger fließen.

Die "Kursk" verfügt über zwei solcher Druckwasserreaktoren, die jeweils 190 Megawatt Wärmeleistung bringen. "Das entspricht zehn Prozent der Leistung eines Kernkraftwerks, wie zum Beispiel Biblis A", sagt Schmidt. Die U-Boot-Reaktoren verarbeiteten dabei Material, das höher angereichert sei als das der Kernkraftwerke. Um lange auf Tauchfahrt gehen zu können, hätten sie rund eine Tonne hoch angereichertes Uran an Bord. Eine gefährliche Fracht.

Der kalte Krieg ist beendet. In Abrüstungsverträgen wie dem Start-II-Abkommen vereinbarten die ehemaligen Gegner, das Arsenal an Atomwaffen abzubauen. Und dennoch wurde noch 1994 die "Kursk" gebaut, bewaffnet mit 24 schweren "Shipwreck"-Antischiff-Raketen, Torpedos und Minen. Der US-Amerikaner Tom Clancy bezeichnet sie in seinem Buch "Atom-U-Boot" (erschienen im Heyne Verlag) als das "größte und am schwersten bewaffnete Angriffsunterseeboot der Welt". Auch die USA sind dabei, neue Boote zu entwickeln. Noch Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre wurde eine neue Klasse von Atom-Angriffs-U-Booten entwickelt, die "Seawolf". Clancy geht davon aus, dass nicht viele davon gebaut werden, da die Kosten enorm sind: vier Milliarden Mark pro U-Boot.

Daneben gibt es laut Clancy aber Pläne für eine neue Klasse mit dem Namen "Centurion". Die bestünde aber erst auf dem Papier. Der Autor bezweifelt, dass das erste Boot dieser Klasse vor 2005 "Wasser berührt".

Die Zukunft der Atom-U-Boote ist ungewiss. Die Zeit der Abschreckung ist vorbei, die Kosten zu hoch, die Nutzung zu eingeschränkt, da sich Atom-U-Boote nicht zivil nutzen lassen. Die Nationen, die in der Lage sind, Atom-U-Boote zu bauen, "bemühen sich verzweifelt, diesen Industriezweig zu erhalten", wie Clancy schreibt. Es sei fraglich, ob die wenigen Aufträge eine hinreichende Lebensgrundlage für eine derart spezialisierte Industrie seien.

So kommt das Aus für die Atom-Untersee-Flotten vielleicht von einer ganz anderen Seite als der Politik. Clancy bedauert das. Er sieht nach wie vor wichtige Aufgaben für die "atomgetriebenen Ungeheuer", wie er sie fast liebevoll bezeichnet. Im Golf-Krieg beispielsweise hätten Atom-U-Boote die US-Flugzeugträger eskortiert und den Erstkontakt zu Handelsschiffen hergestellt, um das Waffenembargo gegen den Irak zu gewährleisten. Kriegerische Auseinandersetzungen und Krisenherde gebe es nach dem Kalten Krieg genug.

Dennoch stellt die Katastrophe in der Barentsee den Betrieb von Atom-U-Booten in Frage. Fachkreise gehen davon aus, dass bei dem Unglück der Kursk Fremdeinwirkung auszuschließen sei. Wahrscheinlicher sei menschliches Versagen. Womöglich habe die Explosion eines eigenen Torpedos die Außen- und Innenwand des U-Bootes durchschlagen.

Ein ähnlicher Fall ereignete sich 1968 mit dem Untergang der USS-Skorpion. Clancy selbst betont in der neuen Ausgabe des Magazins "Newsweek", dass auf einem Unterseeboot kein Raum für Fehler sei. Menschen machen allerdings Fehler - verhängnisvolle, wenn sie ein Atom-U-Boot treffen. Die Barentsee ist sehr sauber. Bisher. Denn auf ihrem Grund in nur 100 Metern Tiefe tickt nun eine Zeitbombe.

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