Gesundheit : Über das Baby im Bilde

Wie der Ultraschall Schwangeren nützt

Adelheid Müller-Lissner

Früher blieb das Kind neun Monate lang ein unsichtbares Wesen. Doch man hat das Unsichtbare zunehmend sichtbar, ja durchschaubar gemacht.

Seit den 70er-Jahren etwa können Zellen aus dem Fruchtwasser untersucht werden, um Ausschluss über Verteilungsstörungen der Chromosomen oder genetische Leiden zu erhalten. Später kam die Untersuchung von Zellen aus der Zottenhaut der Plazenta hinzu. Fruchtwasserpunktion und Entnahme von Zellen der Plazenta werden seit Jahrzehnten allen Frauen aus der wachsenden Gruppe der „Spätgebärenden“ über 35 Jahren angeboten.

Mit dem Alter steigt das Risiko für Chromosomenstörungen. Für die häufigste, die Trisomie 21, die zum Down- Syndrom führt, liegt sie mit 35 Jahren bei eins zu 385. Die eingreifenden Untersuchungen bringen allerdings das Risiko einer Fehlgeburt mit sich. „Späte“ Mütter, die womöglich lange darauf gewartet haben, schwanger zu werden, haben besondere Angst, das Kind zu verlieren.

Umso wichtiger sind die diagnostischen Methoden, die den Frieden im Mutterleib nicht stören. Um die zehnte, die 20. und 30. Schwangerschaftswoche herum sind nach den Mutterschaftsrichtlinien ganz routinemäßig für alle Frauen Ultraschalluntersuchungen vorgesehen. Die Bilder entstehen, wenn Schallwellen aus dem unhörbaren Bereich von einer Sonde ausgesendet, an Strukturen des Körpers reflektiert und von der Sonde anschließend wieder empfangen werden.

Was man da am Monitor sehen und als erstes Babyfoto mit nach Hause nehmen kann, ist für die werdenden Eltern heute wichtig. Den Ärzten gibt es Aufschluss über das Schwangerschaftsstadium, die altersgerechte Entwicklung des Feten und die Frage, ob Mehrlinge zu erwarten sind. Ab der zehnten Schwangerschaftswoche ist im Ultraschall zudem die „Nackentransparenz“ sichtbar, eine Flüssigkeitsschicht direkt unter der Haut. Eine Dicke von ungefähr zweieinhalb Millimetern ist ein Hinweis nicht nur für ein erhöhtes Down-Syndrom-Risiko, sondern auch für mögliche Fehlbildungen, zum Beispiel Herzfehler.

„Heute kann man mittels Ultraschall eine Reihe fetaler Fehlbildungen und Entwicklungsstörungen schon weit gehend ausschließen“, sagt Martin Brauer, Oberarzt im Funktionsbereich pränatale Diagnostik und Therapie der Klinik für Geburtsmedizin der Charité auf dem Campus Virchow.

Doch die Messung der Nackentransparenz und die genaue Untersuchung der Organe sind noch nicht Routine. Den meisten niedergelassenen Frauenärzten fehlen dazu auch Geräte und Know-how. Nach den Vorgaben der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin bleibt die Spezialdiagnose per Ultraschall, die im ersten Schwangerschaftsdrittel meist mit einer hochauflösenden Vaginalsonde erfolgt, auserwählten Experten vorbehalten. Aus fachlicher Sicht findet Brauer es wünschenswert, dass alle Schwangeren Zugang zu einer solchen Organdiagnostik bekommen.

Der zusätzliche Test von Komponenten im Blut der Schwangeren hilft, das Risiko für eine Chromosomenveränderung oder Entwicklungsstörung noch präziser zu bestimmen. Treffsicherer als der bisher gängige „Triple-Test“, vor allem aber durch weniger fälschlich auffällige („falsch-positive“) Testergebnisse belastet, ist die Untersuchung von zwei Blutwerten, des Plazenta-Hormons Beta- hCG und des schwangerschaftstypischen Proteins PAPP-A. Bei einer Kombination von Nackentransparenz-Messung und Bluttests werden 90 Prozent der Feten mit Down-Syndrom entdeckt.

„Wir können den Eltern eine Risikoabschätzung geben, aber keine absolute Sicherheit“, hebt Brauer hervor. Erbliche Stoffwechselstörungen wie Mukoviszidose, manche Fehlbildungen und fetalen Infektionen können mittels Ultraschall zudem nicht erkannt werden. Untersuchungen von Zellen aus dem Fruchtwasser und der Plazenta werden also nicht überflüssig werden. Doch Ultraschall und Blutuntersuchung könnten dazu beitragen, die Anzahl dieser immer noch mit Risiken verbundenen Eingriffe zu vermindern.

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