Gesundheit : Über den Durst trinken

Viel Flüssigkeit ist gesund, heißt es. Studien zeigen: Das ist nur ein Mythos

Adelheid Müller-Lissner

Durst? Das war gestern. Längst gilt es als gesund, es nicht mehr so weit kommen zu lassen. „Wer gut und reichlich Wasser trinkt, leistet den höchsten Beitrag in die eigene Lebensversicherung“, ist auf einer Gesundheitsseite im Internet zu lesen. Der programmatische Titel eines mehrfach aufgelegten Gesundheits-Ratgebers lautet: „Sie sind nicht krank, Sie sind durstig!“ In den USA mahnt die „Acht mal acht“-Kampagne alle Bürger, täglich acht Gläser Wasser zu je acht Ounces, also knapp 1,9 Liter, zu trinken.

Den Flüssigkeits-Bilanz-Forscher Heinz Valtin von der Dartmouth Medical School in New Hampshire hat das schon vor einigen Jahren angeregt, sich auf die Suche nach den harten Argumenten zu machen, die hinter der Empfehlung stehen. Stattdessen stieß er auf Trugschlüsse und Mythen. Die entkräftete er im „American Journal of Physiology“ (Band 283): Einige wenige Studien, die zu dem Ergebnis kommen, dass Vieltrinker seltener Krebs oder Arteriosklerose bekommen, sind nicht so angelegt, dass man eine ursächliche Beziehung herstellen könnte. Empfehlungen hinsichtlich der Trinkmenge lassen sich aus ihnen ohnehin nicht ableiten.

Auch dass das Trinken zusätzlicher ein bis zwei Liter Wasser den Stuhlgang fördere, ließ sich bei Gesunden nicht nachweisen. Viele machen zwar persönlich die Erfahrung, dass es den Appetit dämpft, den Magen vor einer Mahlzeit mit reichlich Wasser zu füllen. Doch es gibt es keine Untersuchungen darüber, wie viel das vorsorgliche Trinken Abnahme-Willigen wirklich bringt. Ganz abgesehen davon, dass eine solche Wirkung kein Grund wäre, es auch Schlanken zu empfehlen.

Erwiesen ist dagegen, dass das Vieltrinken mitunter Schaden anrichten kann. In Extremfällen kann es sogar zu einer Art „Wasservergiftung“ kommen, wenn die Ausscheidung durch die Niere gestört ist. „Zahlreiche Krankenhauseinweisungen wären vermeidbar, wenn nicht viele Patienten die Vorstellung hätten, möglichst viel Flüssigkeit im Lauf des Tages aufnehmen zu müssen“, warnte vor kurzem der Internist Matthias Müller vom Hamburger Elim-Krankenhaus. Neben Patienten mit einer eingeschränkten Nierenfunktion denkt er vor allem an ältere Menschen mit Herzschwäche, bei denen es aufgrund einer verringerten Pumpfunktion zu Wassereinlagerungen im Körper kommt, bis hin zum lebensgefährlichen Lungenödem.

Die Sorge, dass vor allem Hochbetagte nicht genug trinken, ist andererseits nicht ganz unbegründet. Die Hälfte der Patienten, die in geriatrische Kliniken eingeliefert werden, zeigen Studien zufolge Anzeichen eines Flüssigkeitsmangels. Oft ist es ein Teufelskreis: Vergessliche Senioren vergessen das Trinken, und Austrocknung führt ihrerseits zu verstärkter Verwirrtheit. Vor allem in heißen Sommern, wenn vermehrt Wasser durch das Schwitzen verdampft, kann das gefährlich werden.

Der Schluss, ab einem bestimmten Alter seien alle unweigerlich vom „Austrocknen“ bedroht, ist aber deswegen nicht gerechtfertigt. Wenn der Wasseranteil des Körpers mit zunehmendem Alter etwas abnimmt, liegt das vor allem daran, dass Muskelmasse durch Fett ersetzt wird. Dass gesunde ältere Menschen sich unter normalen Umständen auf ihr Durstgefühl nicht verlassen könnten, ist wissenschaftlich nicht erwiesen.

Verfechter des Vieltrinkens gehen oft noch weiter. Sie meinen, auf den Durst allein sei ohnehin kein Verlass. Wenn man Durst empfinde, sei der optimale Zeitpunkt für das Trinken eigentlich schon verpasst. Der Flüssigkeits-Bilanz-Forscher Valtin dagegen hält es für „schwer vorstellbar, dass die Evolution uns mit einem chronischen Wasserdefizit ausgestattet hat, das kompensiert werden muss, indem wir uns zum Trinken zwingen“. Der Physiologe, der sich über Jahrzehnte mit der Funktion der Niere und der Wasserbilanz des Körpers beschäftigte, plädiert dafür, dem Gefühl zu vertrauen. Das System, das den körpereigenen Wasserhaushalt im Gleichgewicht halte, sei „empfindlich, schnell und genau“.

Mindestens 1,5 Liter soll man täglich trinken, lautet die moderatere Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Die Deutschen scheinen sie zu beherzigen: Der Pro-Kopf-Verbrauch an Mineralwasser ist jedenfalls im Jahr 2003 gegenüber dem Vorjahr um 15 Liter auf 129 Liter gestiegen. Laut einer Emnid-Umfrage nehmen fast drei Viertel der Bevölkerung täglich mindestens einen Liter Trinkwasser in Form eines Kalt- oder Heißgetränks zu sich.

Grund zur Sorge besteht also nicht, zumal das beliebte Heißgetränk Kaffee seinen schlechten Ruf als Flüssigkeitsräuber gerade kürzlich erst loswurde. Kaffee entzieht dem Körper bei regelmäßigem Konsum entgegen der häufigen Warnung nämlich kaum Wasser. Die harntreibende Wirkung fällt dann aufgrund verschiedener Kompensationsmechanismen kaum ins Gewicht, so eine Mitteilung der DGE vom 12. Januar dieses Jahres. „Kaffee beeinflusst den Flüssigkeitshaushalt mittelfristig allein durch die mit dem Getränk zugeführte Wassermenge.“ Gegen den „moderaten“ Genuss von bis zu vier Tassen koffeinhaltigen Kaffees ist folglich nicht nur nichts einzuwenden. Sie dürfen sogar bei der Tagesbilanz mitgerechnet werden.

Nach dem Fall des Kaffee-Mythos stimmt die Bilanz auch bei Physiologie-Professor Valtin, der für sich selbst eine Trinkmenge von 1440 ml errechnete – einschließlich Kaffee und einem Cocktail-Getränk. Erhebungen an Tausenden von gesunden Männern und Frauen, die er zitiert, ergaben ähnliche Werte.

Dass sie alle durch mehr Trinken noch gesünder werden könnten, bezweifelt Valtin. Vorsichtig schränkt er jedoch ein, seine Bewertung gelte nur für Gesunde, und nur in gemäßigtem Klima bei vorwiegend sitzender Lebensweise. Wer sich wohler fühle oder Beschwerden besser in den Griff bekommen möchte, wenn er bewusst ein paar Gläser Wasser „über den Durst“ trinkt, solle das ruhig tun. Alle anderen will er indes von Schuldgefühlen befreien. „Es gibt keine bestimmte Messgröße, die für alle passt.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar