Gesundheit : „Über die Hälfte unserer Fakultäten sind Spitze“

Ein Informatiker der Technischen Universität rechnet vor: Seine Hochschule steht im Vergleich mit der Berliner Konkurrenz besser da, als Rankings vermuten lassen

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PETER PEPPER (54)

ist Professor am Institut für Softwaretechnik und Theoretische Informatik an der Technischen Universität Berlin und Mitglied des Kuratoriums der TU.

Foto: privat

Herr Pepper, die Humboldt- und die Freie Universität stehen in deutschen Uni-Rankings weiter oben als die Technische Universität Berlin. Was hat die TU falsch gemacht?

Die Rankings machen etwas falsch. Meist basieren sie in der Forschung auf den Einwerbungen von Drittmitteln bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Die sind zwar wichtig, aber der Löwenanteil von Drittmitteln der TU, nämlich zwei Drittel, kommen aus anderen Quellen wie EU, Bund und Industrie. Im Schnitt wirbt jeder TU-Professor doppelt so viel Geld ein wie ein Professor an HU oder FU.

Im Drittmittelranking des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) sind auch Mittel aus anderen Quellen als der DFG berücksichtigt. Dort haben die Bauingenieure der TU Berlin zuletzt sehr schlecht abgeschnitten.

Jede Uni hat ihre Stärken und Schwächen. Unsere Bauingenieure stehen vor einem riesigen Generationswechsel, 80 Prozent der Professoren haben das Pensionsalter erreicht, und da werden keine neuen Projekte mehr gestartet. Wenn wir aber die verbliebenen Professoren ansehen, so ist deren Drittmittelvolumen fast fünfmal so hoch wie das an der FU und HU übliche. Und wir haben die Chance, in den nächsten Jahren mit neuen und engagierten Professoren wieder Forschungsschwerpunkte zu setzen. Generell gilt: Über die Hälfte unserer Fakultäten sind Spitze. So haben wir uns bundesweit im Wettbewerb um das neue Telekom-Institut durchgesetzt, an dem jetzt 75 Arbeitsplätze entstehen.

TU-Präsident Kurt Kutzler hat einen Sparplan erstellt, der eine neue Fächerstruktur bedeuten würde: VWL, BWL und Psychologie sollen wegfallen, die Architekten gehen mit den Bauingenieuren zusammen, die Naturwissenschaften sollen enger auf die Ingenieurwissenschaften bezogen werden, die Geisteswissenschaften werden kleiner. Schon wehren sich die Betroffenen. Glauben Sie, dass am Ende aller Diskussionen doch wieder nur überall ein bisschen weggenommen wird und eine echte Neuorientierung nicht stattfindet?

Es wird Änderungen geben, aber insgesamt wird der Plan umgesetzt werden.

Aber selbst wenn die TU den Sparplan absegnet, wäre das letzte Wort noch nicht gesprochen. Der Wissenschaftssenator hat die Sparsumme so auf die Unis aufgeteilt, dass die TU 29 Millionen Euro erbringen muss. Kutzlers Plan legt nur eine Sparsumme von 22 Millionen zugrunde. Die TU hat immer gesagt, dass die anderen beiden Unis einen größeren Anteil der Sparsumme erbringen müssen.

Es war eben ein Fehler des Wissenschaftssenators, die Sparsumme von 75 Millionen Euro schematisch aufzuteilen und nicht auf Inhalte zu sehen. Die Humboldt- und die Freie Universität überlagern sich zu 70 Prozent in ihrem Fächerangebot, wir überschneiden uns mit beiden nur zu 30 Prozent. Die Politiker müssen jetzt Farbe bekennen und sagen, was Berlin mehr und was es weniger braucht. Wenn unsere Elektrotechnik abgewickelt würde, würden sofort 10 000 Arbeitsplätze in Berlin wegfallen, weil die Unternehmen weggingen. Würde man dagegen Rechtswissenschaft nur noch einmal anbieten, so hätte das weit geringere Auswirkungen.

Mit dem gleichen Argument könnte die TU jetzt auf Fächer verzichten, die es auch an den Fachhochschulen gibt.

Nein, die Situation ist nicht vergleichbar. Fachhochschulen und Universitäten haben ganz unterschiedliche Ausbildungsziele. Die Industrie hat deshalb auch klare Vorstellungen von Ingenieuren, die an Fachhochschulen ausgebildet werden und von solchen, die an Universitäten studieren. Zum Beispiel in der Fahrzeugtechnik werden FH-Absolventen gerne eingesetzt, um die Produktion zu managen; in den Entwicklungsabteilungen nimmt man dagegen lieber Uni-Ingenieure.

Die Geisteswissenschaften an der TU sind eine Konsequenz des Bildungsauftrags nach dem Krieg. Die angehenden Ingenieure sollten die Hochschule humanistisch gebildet verlassen. Ist das heute noch eine gute Begründung, um an den Geisteswissenschaften festzuhalten?

Es ist eine Illusion, dass das Studium der Geisteswissenschaften die Menschen verbessern könnte. Trotzdem soll jeder Ingenieur über die Konsequenzen seines Handelns nachdenken.Vom Ingenieur werden heute aber vor allem Kenntnisse im Management und Recht erwartet. Philosophie kommt erst danach.

Die Berliner Universitäten sind aus Sicht des Finanzsenators immer noch überausgestattet.

Er ist im Irrtum. Früher hatten wir ein Fettpolster. Doch seit zehn Jahren wird bei uns gestrichen. Wir sind auf 60 Prozent der einstigen Größe geschrumpft. Jetzt geht es an die Substanz. Die Tutorien sind so überlaufen, dass eine ordentliche Lehre nicht mehr möglich ist. Die Studentenproteste kamen ja nicht von Ungefähr. Der Finanzsenator sagt, gemessen am Absolventen-Output reichten für die TU 10 000 Studienplätze aus. Das würde nur klappen, wenn ich niemanden mehr durchfallen lasse. Aber für die Ingenieurwissenschaften ist das Entscheidende bei den Absolventen die Qualität. Wer Airbusse entwickelt, muss sein Fach beherrschen. Das dürfen auch Sparzwänge nicht verhindern.

Das Gespräch führte Anja Kühne.

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