Gesundheit : Über die Wirkung der riskanten Hochdosis-Chemotherapie streiten die Fachleute

Adelheid Müller-Lissner

Die Datenmanipulationen eines Forschers brachten kürzlich eine umstrittene Therapieform in die Schlagzeilen: die Hochdosis-Chemotherapie. Auf dem Deutschen Krebskongress, zu dem in dieser Woche rund 5000 Experten aus dem In- und Ausland nach Berlin gereist sind, widmen sich gleich mehrere Veranstaltungen diesem Thema. Dass die Studien des Johannisburger Krebsspezialisten Werner Bozweda, der die Überlegenheit dieser Therapieform bei der Behandlung von Brustkrebs zeigen wollte, als Beweismittel nicht mehr taugen (der Tagesspiegel berichtete), schwächt tatsächlich die Position ihrer Verfechter. Doch es gilt zu differenzieren.

Generell werden mit einer Chemotherapie Tumorzellen zum Absterben gebracht, indem man ihre Zellteilung hemmt. Die bisherigen Erfolge sind aber langfristig keineswegs auf allen Gebieten befriedigend. Daher liegt der Gedanke nahe, die Dosis der Mittel zu erhöhen.

Bei jedem Einsatz der zellgiftigen Medikamente werden jedoch auch gesunde Körperzellen getroffen, die sich schnell teilen. Ein sichtbares Zeichen dafür ist zum Beispiel der Haarausfall. Doch auch die blutbildenden Zellen sind betroffen. Und das war es vor allem, was bis vor wenigen Jahren eine höhere Dosierung der Krebsmedikamente verhinderte. Die hohe Dosierung birgt in sich die Gefahr, dass das körpereigene Abwehrsystem lahmgelegt wird. So würde zwar den Krebszellen der Garaus gemacht, der Patient könnte jedoch den Folgen der Therapie erliegen.

Das können Übertragungen von Knochenmark oder blutbildenden Stammzellen verhindern. Sie werden entweder von einem passenden Spender oder vom Behandelten selbst vor der Hochdosistherapie gewonnen und dem Patienten danach gegeben. Dank dieser Transplantationen ist die Hochdosis-Chemotherapie inzwischen bei Leukämien oder Lymphknotenkrebs fester Bestandteil des Behandlungsarsenals. Diesen Krebserkrankungen, die ein ganzes System betreffen, können die Ärzte mit ihren anderen beiden Waffen, Stahl und Strahl, nicht beikommen. Für Leukämiekranke werden dafür zunächst passende Fremdspender gesucht. Bei den Lymphomen dagegen, dem bislang größten Einsatzfeld der hochdosierten Zellgifte, und bei Organtumoren wie Brustkrebs bilden bisher in den allermeisten Fällen zuvor entnommene Stammzellen des Patienten selbst den Ersatz.

Doch in der Frage, ob die Eigen- oder die Fremdspende vorzuziehen sei, scheint einiges in Bewegung zu geraten. Der Kieler Krebsspezialist Norbert Schmitz berichtete auf dem Kongress von einer Studie, bei der Stammzellen von Spendern bei Patienten mit Lymphknotenkrebs zum Einsatz kommen. Man erhofft sich, dass die eingeschleusten gesunden Zellen die verbliebenen Tumorzellen bekämpfen.

Bisher hatten Krebsärzte genau diese kämpferische Aktivität der Spenderzellen als ein Problem angesehen. Denn sie richtet sich gegen das Immunsystem des "Gastgebers", der sie in sich aufnimmt. Deshalb müssen wiederum Medikamente zum Einsatz kommen, die die Abwehrreaktion dämpfen. Mit gezielten Eingriffen könnten, so hoffen die Wissenschaftler, die Spenderzellen allerdings vor der Transplantation so verändert werden, dass ihre Aggressivität sich therapeutisch nutzbringend auf die im Körper verbliebenen Krebszellen konzentriert. So könnte der Einsatz fremder Stammzellen oder fremden Knochenmarks letztlich auch bei anderen Krebsformen nutzbringend sein.

Die Gabe von Spender-Zellen nach Hochdosistherapie wird derzeit an wenigen schwerkranken Brustkrebs-Patientinnen in ganz Europa erprobt. Doch gerade hier steht noch eine grundlegendere Frage im Raum: Auf dem Meeting der American Society for Clinical Oncology (ASCO) wurde im Mai letzten Jahres heftig diskutiert, ob die Hochdosis selbst in der Behandlung von Brustkrebs überhaupt einen Vorteil bringt.

Von fünf internationalen Studien zu dieser Frage hatte nur eine zeigen können, dass die hohe Dosierung mit anschließender Stammzell-Transplantation sich günstig auf die Überlebenszeit von Patientinnen auswirkt, deren Krebs schon Tochtergeschwulste gebildet hat. Am vierten Februar dieses Jahres nun musste die ASCO ihren Mitgliedern und der Öffentlichkeit mitteilen, dass die Daten dieser südafrikanischen Studie massiv manipuliert waren. Ihr Autor hat dies nach einer Überprüfung vor Ort zugegeben und wurde daraufhin seines Postens enthoben.

Nur einen Monat nach diesem Skandal wurde im "New England Journal of Medicine" jetzt eine neue Studie zum Thema veröffentlicht. Edward Stadtmauer und seine Arbeitsgruppe vom University of Pennsylvania Cancer Center in Philadelphia behandelten 553 Frauen mit Brustkrebs, der schon Absiedelungen gebildet hatte. Sie begannen mit einer herkömmlichen Chemotherapie und schlossen dann entweder einen weiteren Zyklus dieser Therapie oder eine hochdosierten Therapie mit anschließender Stammzell-Gabe an. Drei Jahre danach zeigte sich, dass in der Hochdosis-Gruppe nicht mehr Patientinnen überlebt hatten.

In einer aktuellen Stellungnahme stellt die Deutsche Krebsgesellschaft deshalb fest, dass die Überlegenheit der neuen und nach wie vor riskanten Behandlungsform längst noch nicht erwiesen ist. Die ohnehin magere Datenbasis sei durch den Betrugsfall weiter geschwächt, Langzeitbeobachtungen überhaupt noch nicht verfügbar. Um Wissen zu sammeln, das den Patientinnen zugute kommt, werden dringend weitere Studien gebraucht. Die Hochdosis-Chemotherapie sollte bei Brustkrebs weiter nur im Rahmen von Studien eingesetzt werden.

Doch der Druck kam bisher häufig von den Patientinnen, die die aggressivere Therapie auch ohne wissenschaftliche Beweise für effektiver hielten. Seit etwa fünf Jahren erlebte sie vor allem in den USA einen regelrechten Boom, wie der Gynäkologe Rolf Kreienberg von der Universitätsklinik in Ulm betonte. Dabei ist streng genommen noch nicht einmal das Prinzip selbst geklärt: Wirkt die kurzzeitige Spitzenkonzentration der Zellgifte, deren höhere Gesamtdosis oder die Intensität, mit der der geballte Arzneimittel-Cocktail ankommt?

Der Kölner Krebsspezialist Volker Diehl fürchtet allerdings, dass die Patientinnen sich ihnen wiederum verweigern könnten, nur diesmal mit umgekehrtem Vorzeichen: Wollten vor einiger Zeit noch alle von der hochgelobten Hochdosis profitieren, so möchten jetzt die meisten sicher sein, die geringer dosierte Therapie zu bekommen. Wer an einer Studie teilnimmt, wird jedoch einer der Gruppen nach dem Zufallsprinzip zugeteilt. Da nach dem bisherigen Stand des Wissens bei Brustkrebs beide Therapien gleich gut wirken, ist das gerechtfertigt.

Die Teilnahme an Studien liegt auch im Interesse der Patienten: Krebsspezialisten betonen immer wieder, dass Erkrankte an Zentren, die solche Studien machen, besonders sorgsam betreut werden. Diehl und Kreienberg geben aber zu bedenken, ob man angesichts der augenblicklichen Verunsicherung nicht eine Zwischenbilanz der noch laufenden deutschen Untersuchungen zur Hochdosis bei Brustkrebs ziehen sollte. Eines wäre in Kreienbergs Augen jedenfalls fatal: Wenn eine Therapieform, die "vor fünf Jahren in den Himmel gelobt wurde, nun einfach abgeschmettert würde".

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