Gesundheit : Über die Zungenfertigkeit beim Küssen

TOM HEITHOFF

In der Unordnung der gutgekleideten Welt tut es jeder mit jedem / Studenten zeigen Botho Strauß im Theater unterm DachVON TOM HEITHOFFStefan (Daniel Fries) ist kein Geschäftsmann.Auch an diesem Weihnachtsfeiertag sitzen nur seine Freunde im Speisesaal seines Hotels.Es ist "wahrscheinlich das einzige Haus in Deutschland, das so viele nichtzahlende Dauergäste und so wenig Fremdenverkehr hat".Kein Wunder, daß er kurz vor dem Bankrott steht."Eigentum macht mich krank", gesteht er, "ich bin unfähig, irgend etwas zu besitzen." Schon als Kind habe er alles kaputtgemacht, was ihm gehörte."Ich halte dieses Privatbesitzertum nicht mehr aus", ruft er schließlich.Nichts als eine normaler Angestellter wolle er sein.Wie gut, daß Dieter (Matthias Koeberlin), sein Bekannter aus dem Innenministerium, für seine Behörde ein Gebäude als Ferienheim sucht.Aber kann Stefan das auch den Freunden vermitteln, die unter seinem Dach wohnen? Der 3.Schauspiel-Jahrgang der Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" (Regie Ursula Werner) bringt "Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle" von Botho Strauß auf eine helle, fast schattenlose Bühne.Nichts soll im Dunkeln bleiben.Wir sehen gleich, die gutgekleidete Welt ist nicht in Ordnung.Kein Glück.Keine Zärtlichkeit.Schnell brechen Unstimmigkeiten hervor, die "gemischten Gefühle", die man den "bekannten Gesichtern" gegenüber empfindet.Doris (Katja Heinrich) ist mit Stefan verheiratet, doch seit zwei Jahren schon stockt der eheliche Verkehr.Und zieht es Doris nicht vielmehr zu Karl (Christian Erdmann), dem merkwürdigen Zauberer, mit dem sie in einer Kußszene ihre Zungenfertigkeit demonstriert? Der kalte Turniertänzer Guenther (Alexander Wilß) treibt Doris übers Tanzparkett und ignoriert seine Frau Hedda (Sabine Urban), die sich nichts sehnlicher wünscht als ein Tänzchen mit ihrem Mann.Dieter, der trockene Beamte aus dem Ministerium, ist mit der naiven Margot (Johanna Gast) verbandelt, die gerne auf dem Boden hockt und ihrem Liebsten die Wade streichelt.Eigentlich paßt in diesem Beziehungsnetz nichts und niemand zusammen.Hier regiert das Unverständnis, das so weit geht, daß Stefan plötzlich seine Frau nicht mehr erkennt - und erst jetzt wieder Lust auf die "unbekannte" Doris empfinden kann.Wie in ihrer ersten Zeit, als man noch "aus Angst lieben lernte" und "aus Atemnot" küßte.Oder war die "neue Doris" etwa nur ein Traum? Von ihm? Von ihr? Oder eine Inszenierung von Karl, dem Zauberer? Die Grenze verschwimmt mehrfach in diesem Spiel; zwischen Wirklichem und Unwirklichem, zwischen Psychologie und Symbolik, zwischen Innen und Außen.Am Ende ist Doris schwanger (sagt sie), die Erderwärmung nimmt zu (sagt Karl), und Stefan liegt tiefgefroren auf dem Boden.Doch wirklich klar ist nur, daß sich diese Menschen einfach nicht verstehen (sagt der Zuschauer).Doris hofft trotzdem, daß ihr Stefan bald wieder auftaut...Starker Beifall für die Schauspieler, die auf dem holprigen Grenzstreifen zwischen Traum und Realität nicht gestolpert sind. Weitere Vorstellungen am 12., 13.und 14.März um 20 Uhr im Theater unterm Dach (Danziger Str.101, Prenzlauer Berg).Kartenbestellung unter 42401080.

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