Gesundheit : Über Schule spricht man nicht

Bärbel Schubert

Nach dem schlechten Abschneiden deutscher Schüler bei der internationalen Schulleistungsstudie Pisa geraten nun auch Eltern und Lehrer in die Kritik. Eine Begleitbefragung zeigt, dass deutsche Eltern weitaus weniger mit ihren Kindern über Schule und vor allem über persönliche Dinge reden als Eltern in anderen Industriestaaten. Zudem zeigen deutsche Lehrer nach Einschätzung ihrer Schüler zu wenig Interesse an ihrem Lernerfolg. Vermisst werden vor allem Hilfe beim Lernen und ein Eingehen auf die individuelle Lern- und Lebenssituation.

Dies geht aus den Pisa-Schülerbefragungen hervor, die die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) jetzt in Paris veröffentlichte.

Auf die Frage "Wie oft reden deine Eltern mit dir über deine schulischen Leistungen?" ergaben die Schülerantworten, dass nur etwas mehr als 40 Prozent der deutschen Eltern regelmäßig mit ihren Kindern über die schulischen Leistungen reden. In den Niederlanden sind dies dagegen gut 60 Prozent, in Italien sogar über 80 Prozent (OECD-Durchschnitt: 51,2). Allerdings sagten nur 1,7 Prozent der deutschen Jugendlichen, dass dies so gut wie nie vorkomme.

Eltern in Deutschland nehmen sich auch vergleichsweise selten Zeit, allein mit ihrem Kind persönliche Gespräche zu führen. Dabei scheint mit 86 Prozent in Italien die Familienkommunikation am lebhaftesten zu sein. Auch in den Niederlanden (69,5 Prozent) und in Großbritannien (61,7) werden solche Gespräche häufig geführt. In Deutschland bescheinigen dies dagegen nur 41,2 Prozent der 15-Jährigen ihren Eltern.

Deutlich seltener sind Familiendiskussionen über Bücher, Filme und Fernsehsendungen. Während mehr als jeder dritte Elternteil in Japan, Großbritannien oder Italien "mehrmals in der Woche" Gelegenheit findet, mit dem Schüler über Bücher, Filme und Fernsehen zu reden, sind dies in Deutschland nur 16,2 Prozent der Eltern. Auch die Angabe "mehrmals im Monat" fand nur bei knapp 27 Prozent Zustimmung.

Nach der ersten Aufregung über die schlechten Pisa-Ergebnisse der deutschen Schüler geben diese Schülerantworten auch Hinweise auf Hintergründe und Ursachen. Schulforscher haben immer wieder darauf verwiesen, sehr stark die Schulleistung der Kinder auch von der Wertschätzung dieser Leistung in der Familie abhängt.

Schüler vermissen Hilfe

Auch die deutschen Lehrer schneiden im Urteil ihrer Schüler weitaus schlechter ab als die Pädagogen anderer Länder. So glaubt jeder fünfte Schüler, dass die Lehrer "nie" am Lernerfolg aller Schüler in der Klasse gleichermaßen interessiert seien. Im Durchschnitt der anderen Industriestaaten ist nur jeder zehnte Schüler dieser Auffassung.

Deutsche Schüler vermissen zudem weitaus häufiger als Gleichaltrige in anderen Ländern die Hilfe des Lehrers beim Lernen und ein Eingehen auf ihre individuellen Bedürfnisse. "Der Lehrer hilft den Schülern bei ihrem Lernen" bejahte nur jeder vierte deutsche Schüler für die "meisten Stunden". In Dänemark waren dies immerhin 39 Prozent der Schüler. In Großbritannien bejahten das immerhin 45,6 Prozent der Schüler voll und ganz. Insgesamt werden die Lehrer in Großbritannien und Dänemark ohnehin von ihren Schülern gut beurteilt.

Deutsche Schüler beklagen darüber hinaus häufiger Behinderungen des Unterrichts durch Fehlen der Lehrer. Am "pflichtbewusstesten" schneiden dabei die Pädagogen in Korea ab.

Trotz aller Kritik an ihren Lehrern: Die deutschen - und österreichischen - Schüler fühlen sich in der Schule wohler als Gleichaltrige in anderen Industrieländern: Sie finden leichter Freunde und fühlen sich seltener als Außenseiter. 37,7 Prozent der Deutschen haben das Gefühl, voll zur Klassengemeinschaft zu gehören (OECD-Durchschnitt 22,9 Prozent). Als "Außenseiter" sehen sich dagegen nur 1,9 Prozent (OECD: 2,1 Prozent). Zwei Prozent fühlen sich "einsam" (OECD: 2,2).

Bei der Einschätzung von Alkohol- und Drogenmissbrauch unterscheiden sich deutsche Schüler nicht wesentlich von Gleichaltrigen in anderen Ländern. Im OECD-Schnitt gaben weniger als drei Prozent der 15-Jährigen zu, "viel" davon zu konsumieren. Ausreißer ist Griechenland, wo dies 45,4 Prozent zugaben. Anders als oft vermutet, sehen die deutschen Jugendlichen den Unterricht aber weniger durch mangelnden Respekt der Schüler vor dem Lehrer behindert. 17,3 Prozent sehen das "manchmal" als Ursache, während der OECD-Durchschnitt bei 20,5 Prozent liegt. In Griechenland wird dies stärker moniert, von 35,7 Prozent, in Norwegen von 39,7 Prozent der Befragten.

Bedenklich stimmen die Antworten auf die Frage, ob Schüler ihre Mitschüler einschüchtern oder schikanieren. Immerhin 15,6 Prozent der deutschen Schüler bejahen das "in gewissem Maße". Italien und Dänemark scheinen damit so gut wie kein Problem zu haben: Das geschehe nie, sagen immerhin 72 Prozent der Italiener und 51 Prozent der Dänen - in Deutschland nur 11,5 Prozent.

Durchschnittliche Disziplin

Die Lernbedingungen in deutschen Klassen scheinen nach dem Schülerurteil dagegen eher durchschnittlich zu sein: Etwa so oft wie im OECD-Schnitt muss der Lehrer lange warten, bis sich die Schüler am Anfang des Unterrichts beruhigt haben. Auch beim Zuhören gab es Durchschnittswerte. Lärm wurde seltener beklagt als etwa in französischen Klassen.

Bei dem Anfang Dezember vorgestellten Pisa-Leistungstest über Leseverständnis sowie über mathematische und naturwissenschaftliche Grundkenntnisse hatten die deutschen Schüler unter 32 Staaten abgeschlagen die Plätze 19 bis 25 belegt.

Als besonders dramatisch gilt, dass 23,6 Prozent der 15-jährigen Deutschen nur über minimale Fähigkeiten verfügen, einen Text richtig zu verstehen. Auch ist in Deutschland wie in keinem anderen Industrieland die soziale Herkunft entscheidend für den Schulerfolg. Für Pisa (Programme for International Student Assessment) wurden weltweit 260 000 Schüler getestet.

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