Gesundheit : Überlebenskampf: Auch Kopiermaschinen haben Sex

Bas Kast

Als Charles Darwin 1859 nach langem Zögern sein Buch über die Entstehung der Arten vorlegte, ahnte er, dass seine Gedanken das Bild vom Menschen grundlegend verändern würden. In britischem Understatement beendete er sein weltbewegendes Werk mit den Worten: "Light will be thrown on the origin of man." Darwin bangte um die Konsequenzen seiner Theorie: Der Mensch hatte sich bislang als Krönung der Schöpfung gesehen, von den wilden Tieren, die ihm untergeordnet waren, qualitativ getrennt - eine Eitelkeit, zu deren Verbreitung nicht zuletzt die Bibel beigetragen hatte. Eigentümlich daran ist, dass das gleiche Werk den Hochmut zur Todsünde erklärt.

Die Konsequenzen von Darwins Gedanken sind, von einer hauchdünnen Minderheit abgesehen, immer noch nicht akzeptiert. Meist hat man sie erst gar nicht verstanden. Das gilt nicht nur für den Großteil der Laien. Auch Teile der Fachwelt hatten und haben Schwierigkeiten mit einer Theorie, die zu den wenigen der Wissenschaftsgeschichte gehört, die bis heute niemand widerlegen konnte, auch wenn es an Versuchen dazu nicht gefehlt hat. Sogar Konrad Lorenz wollte es nicht wahrhaben, dass der Kampf ums Überleben nicht nur zwischen Arten, sondern auch, mehr noch: gerade innerhalb einer Art stattfindet. Sobald ein Tier, beispielsweise ein Mensch, um Essen oder einen Sexualpartner oder einen Arbeitsplatz kämpft, besteht sein größter Gegner, sein erbittertster Konkurrent nicht in einer Ameise oder Eidechse. Immer dann, wenn es ums Eingemachte geht, ist der Nächste unser ärgster Feind. Nicht selten tun wir unser Möglichstes, um gerade ihn, den Artgenossen, auszuschalten. Die Autoren der Bibel hatten das geahnt - nicht umsonst haben sie der biologischen Tendenz ein moralisches Gebot entgegengestellt.

Ein weiteres Missverständnis liegt darin, Darwin als Vater der Evolution zu feiern. Schon Jean-Bapiste de Lamarck war der Gedanke selbstverständlich. Auch Goethe wusste davon. Es war nur so, dass vor Darwin keiner begriffen hatte, wie der Mechanismus dieser Evolution aussah: Nun gut, die Arten waren durch eine Entwicklung entstanden - aber wie funktionierte die? Darwins Antwort hieß: durch natürliche Selektion. Die Arten produzieren einen Überschuss von Nachkommen, die sich genetisch voneinander unterscheiden. Nur diejenigen überleben, die am besten an die Umwelt angepasst sind - und mit ihnen die Gene, die diese Organismen gebaut haben. Das Selektionsprinzip ist das Einzigartige an Darwins Theorie. Und genau dieses Prinzip ist es, das uns am meisten zu schaffen macht, weil es jeglichen Versuch, dem Leben einen metaphysischen Sinn einzuhauchen, ad absurdum führt. Vielleicht ist das eine Konsequenz, an die nicht einmal Darwin gedacht hat.

Der Gedanke der natürlichen Auslese ist ein vernichtender: Er macht alle Gedanken hinter den Dingen obsolet. Als noch galt, dass Gott die Welt geschaffen hat, blieb uns - nach dieser Rundumaufklärung - wenigstens noch ein Mysterium: Gott selbst und die Frage, wer ihn denn geschaffen habe. Dieser Gedanke hinter dem Gedanken, der die Philosophie kennzeichnet ("Das Sein des Seienden"), ist uns gründlich abhanden gekommen. Es gibt keinen Weltgeist mehr und keinen Gott.

Die moderne Fassung des Darwinismus, die Soziobiologie, betrachtet den Menschen als "Genvehikel" (Richard Dawkins), ein Wesen, das von seinen Genen mit dem Ziel geschaffen wurde, diese Gene so oft wie möglich zu kopieren. Letztendlich sind wir nichts weiter als die Kopiermaschinen unserer Gene. Sex ist der Versuch, diesen Wunsch unserer Gene zu erfüllen. Dabei sprechen wir üblicherweise davon, "wir" würden uns fortpflanzen - eine fatale Verkennung der Realität. Denn natürlich sind nicht "wir" es, die sich fortpflanzen, sondern unsere Gene. Während sich die Gene von Generation zu Generation kopieren, sterben wir, ihre Hülsen, ihre Wegwerfidioten. Die Gene sind es, die das religiöse Ziel der Unsterblichkeit tatsächlich erreichen. Der Sinn des Lebens - das ist die letzte Konsequenz des Darwinschen Selektionsgedankens - besteht in nichts weiter als in dem dumpfen, absolut sinnlosen Kopierritual der Gene. Ein höheres Ziel ist nicht in Sicht.

Das hört sich nach einem traurigen, um nicht zu sagen tragischen Zustand an. Was bleibt uns noch im Angesicht des Nichts? Mit der Metaphysik hat man uns viel genommen. Ganzen Fakultäten fehlt plötzlich der theoretische Lieblingsschnuller. Dennoch ist der Beitrag der Soziobiologie nicht nur ein negativer. Tatsächlich eröffnet die Theorie auch Perspektiven, die nicht in die vollkommene Leere führen. So bietet der wiederbelebte Darwin, nach der Demontage von Freud und Skinner, geradezu ein neues Paradigma, wenn es darum geht, menschliches Verhalten zu verstehen. Stellte man sich früher die Frage nach den Kindheits- und Konditionierungsereignissen, um sich unser Verhalten zu erklären, so ist es heute die Frage nach den Genen.

Die Frage lautet: Inwiefern nützt unser Verhalten der Reproduktion der Gene? Bei der Sexualität liegt die Antwort auf der Hand. Verliebtheit dient dazu, zwei Genpartner so lange aneinander zu binden, bis sich der genetische Kopiervorgang erfolgreich abgeschlossen hat, bis ein überlebensfähiges Genvehikel in die Welt gesetzt worden ist. Schwieriger wird es schon, wenn moderne Verhaltensweisen erklärt werden sollen. Aber auch da gibt es interessante Erklärungsmuster.

Ein Beispiel ist das Rauchen - für die Soziobiologie ein besonders anspruchsvolles Beispiel, weil sie ja eigentlich versucht, Verhalten mit Fitnessmaximierung zu erklären. Unser Verhalten hat demnach den Zweck, die Reproduktion unserer Gene zu maximieren. Rauchen aber schadet dem Organismus und damit seiner Reproduktion - oder? Genau hier zeigt sich noch einmal, dass es der Evolution nicht um uns, sondern nur um die Gene in uns geht. Eine Schwangerschaft fördert nicht die schwangere Frau, im Gegenteil, die Frau wird dadurch erheblich geschwächt. Aber sie fördert die Reproduktion der Gene dieser Frau.

Ähnlich - so vermutet der US-Forscher Jared Diamond - verhält es sich mit dem Rauchen: Die Zigarette ist ein Vitalitätszeichen für das andere Geschlecht. Es ist ja kein Zufall, dass wir für gewöhnlich mit dem Rauchen beginnen, wenn wir anfangen, uns für das andere Geschlecht zu interessieren. Gerade weil es schädlich ist, dient das Rauchen der Reproduktion unserer Gene, denn es demonstriert dem anderen Geschlecht: Mein Organismus, sprich: mein Genom ist so gut, dass es sogar die schädlichen Zigaretten verkraftet. Rauchen und gleichzeitig gesund auszusehen ist die beste Werbung eines potenten Genpartners. Damit ist auch klar, was so mancher Mann bezweckt, wenn er damit angibt, Alkohol in jeder Menge zu vertragen.

Diese Art der Argumentation wird vielen fremd vorkommen. Womöglich wird man es für einen Witz halten oder für eine Provokation. Aber irgendwann werden wir uns an die Konzepte der Soziobiologie gewöhnt haben. Sie werden sich als Erklärungsmodelle einbürgern, wie einst Freuds Über-Ich oder der Gedanke des Unterbewusstseins. Vielleicht verzeihen wir der Theorie dann sogar die Leere, die sie uns gleichzeitig beschert und der wir, sinnsuchende Vehikel unsterblicher Gene, bis auf weiteres ausgesetzt sind. Vielleicht für immer.

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