Gesundheit : „Üsch mach düsch Messer“

Zwischen türkischem Kraftdeutsch und Berliner Schnauze: Von Lust und Last der Sprachenvielfalt

Norbert Dittmar

Ist der Turmbau zu Babel die Allegorie für das menschliche Trauma, sich nicht verständigen zu können, weil die Menschen so viele verschiedene Sprachen sprechen, bietet das Pfingstwunder der Apostelgeschichte seine Auflösung: Verständigung ist möglich, Sprachen lernbar, soziales Leben ohne diese Vielfalt sogar nicht mehr vorstellbar.

Gilt das auch für das berlinische Sprachgewirr in der Nachwendezeit? Haben die Berliner Lust auf Vielfalt, oder überwiegt die Last der Vielfalt? Stellen wir uns vor, wir würden Berlin von einem observatorium linguisticum, einer Sprachwarte, beobachten – was würde uns ein solcher ‚Sprachspiegel’ zu Beginn des 21. Jahrhunderts entdecken?

Die türkische Sprachgemeinschaft ist nach dem demografischen Befund des Senats vom Juni 2005 immer noch am größten. In den 50 Jahren ihres Bestehens hat die türkische Kommunikationsgemeinschaft ein sozial differenziertes Repertoire sprachlichen Verhaltens entwickelt. Die erste Einwanderergeneration regelt alle öffentlichen Angelegenheiten mit einem fragmentierten, fossilierten Deutsch unter Bewahrung des Türkischen; viele kommen auch ganz ohne Deutsch zurecht, die türkische Infrastruktur macht’s möglich. Die zweite Generation wächst mit dem kommunikativen Input Berlinisch, „Gastarbeiter-deutsch“, „Berlintürkisch“ (im Unterschied zum „Türkeitürkischen“) auf. Ihre Sozialisation ist geprägt vom Dolmetschen der Eltern in der Öffentlichkeit und deren mangelnder Kompetenz in allen für die (zweisprachige) Bildungsnavigation der Kinder wichtigen Fragen.

Ob gute oder schlechte Schüler, ihre Identität ist der gemischtsprachige Diskurs, den die Berliner aus der U-Bahn in Kreuzberg kennen. Sprachwechseln zwischen und innerhalb von Sätzen ist ihre Alltagspraxis: Die junge türkische Frau, die im Geschäft die Lebensmittel einpackt, fragt ihre kassierende Kollegin „kasar auch mi?“ („soll ich den Käse auch einpacken?“). Und die Kollegin antwortet lächelnd „auch mi“, kommentiert aber ihr Sprachgemisch selbstironisch mit „Türkçeye bak!“ – „Schau dir mal so ein Türkisch an“ (Beleg von Tiner Özcelik).

Was an diesem Sprachmix ist regelhaft, korrekt? Was chaotisch, defizitverdächtig? Herausfordernde Fragen für Soziolinguisten. Denn die große Menge der türkischen Jugendlichen, die nicht den Weg zum Gymnasium schaffen und ihre Schul- und Berufskarrieren selbst in die Hand nehmen, verfangen sich in symbiotischen Übergangsformen der zweisprachigen Kommunikation. Ihr Deutsch ist unterwandert von Varianten des türkischen (z.B. gerundetes, zentralisiertes ü) und des berlinischen (z.B. sch für schriftsprachliches ch) Lautsystems in üsch, nüsch, wüschtüsch und des „Gastarbeiterdeutsch“ der ersten Generation (z.B. „morgen üsch geh Schwimmbad“ – „morgen gehe ich ins Schwimmbad“; abweichende Wortstellung, Wegfall der Präposition oder „üsch hab müde“ – „ich bin müde“. Oft markiert auch ein türkisches Wort den gemischtsprachigen Diskurs, z.B. „hör auf, lan“ (lan ist Türkisch für man, ey, Typ) oder tschüsch („oha, das is ja krass“). Diese Ausdrücke verwenden auch deutsche Jugendliche – sie markieren also interkulturelle Jugendsprache. Sprachliche Muster wie „lassma treffen“ (der Wegfall des Reflexivpronomens in „lass uns mal treffen“) oder „üsch mach düsch Messer“ („ich mach dich mit dem Messer kalt“, also die abweichende Verwendung von machen plus Objekt; Beleg von Heike Wiese) weisen auf Neuschöpfungen eines sub- und interethnischen „Kiezdeutsch“ („Ethnolekt“) hin, dessen grammatische und semantische Regularitäten die Germanisten zu untersuchen dringend aufgefordert sind.

Hat dieses Deutsch in den gutbürgerlichen Kreisen ein schlechtes oder „komisches“ Image, genießt es unter den Jugendlichen im „Kiez“ verdecktes Prestige als innovatives „cooles Kraftdeutsch“, das multikulturelle Identität und eine „aggressive körperliche Gegenwelt“ zur „braven, assimilierenden, leisetreterischen“ Schule symbolisiert, unter deren versagenden didaktischen Fittichen eh kein Start in den Beruf zu gewinnen ist.

Nur dieses verdeckte Prestige einer subkulturellen Gegenwelt erklärt, dass dieses Kiezdeutsch auch von vielen deutschen Jugendlichen übernommen wird (umso mehr, je größer die Anzahl von Schülern mit Migrationshintergrund in der Klasse ist) und selbst im Centro d’Italia in Charlottenburg bei jungen Italienern zu hören ist. Viele Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund schwimmen auf der subkulturellen Woge dieses prestigebesetzten „Kiezdeutsch“ mit, meist ohne über eine hochsprachliche Alternative zu verfügen.

Die zweisprachigen Migrantenkinder beherrschen weder Deutsch noch z.B. Türkisch in hinreichender schriftsprachlicher Korrektheit. Ihrem schulischen (und später gesellschaftlichen) Scheitern vorzubeugen ist die Schule derzeit schlecht gerüstet: Geeignete sprachliche Diagnoseinstrumente und Lehrmaterialien für Deutsch als Zweitsprache (DaZ) in grammatisch und terminologisch einfachem Deutsch fehlen. Das ist so, weil es sich der Berliner Senat und mittelbar auch die Universitäten leisten, keine forschungs- und lehregestützte Didaktik für DaZ ins akademische Leben zu rufen und auch Lehrerfortbildung in DaZ nicht obligatorisch ist. Die Versäumnisse werden später dreimal so teuer sein wie eine solide fundierte soziolinguistische Prävention.

Inwieweit auch Angehörige anderer ethnischer Gruppen (Russen, Polen, Serben, Kroaten, Vietnamesen) Opfer dieser „subtraktiven“ oder Gewinner „additiver“ Zweisprachigkeit sind, sei dahingestellt. Russen praktizieren auch das Sprachwechseln, aber über spezifische Schulprobleme, Schulversagen wegen Kiezdeutsch, ist noch nichts bekannt.

Auf der anderen Seite boomt in Berlin die „additive“ Zwei- und Mehrsprachigkeit. Die internationale Rolle Berlins als Hauptstadt hat einige hundert weitere „Sprachen“ über Botschaften, soziokulturelle Projekte und Engagierte in der Kunst- und Kulturszene angezogen: gebildete Sprecher von Minderheitensprachen aus der EU, Amerika, Asien, Afrika und Australien. Ihre Sprecher bilden kleine vielsprachige Biotope in Straßen und Stadtvierteln, deren kommunikativer Lebendigkeit wir in Geschäften, Restaurants, Cafés alltäglich beiwohnen.

Berlin hat im Laufe seiner Geschichte mal einsprachige, mal mehrsprachige Wechselbäder erlebt. Die „Einheit“ des Berlinischen wurde nach 40 Jahren stadtdialektaler Gralshütung im Osten klein, die „Sprachmauer“ als Nachbeben des Mauerfalls groß geredet. Der Lackmustest zeigt auch 16 Jahre nach der Wende noch, dass man „Ostberliner“ am Gebrauch von urst und jetze, an der r-Vokalisierung in nebentonigem -er oder -ir erkennt (z.B. Vata, 0stan, azählen, varikt, vaeppeln; oder ik lach ma dot). Diese „Osten“ markierende Dialekttiefe hat über die Jahre sicher an Schärfe verloren, als impressionistischer „Stallgeruch“ lebt sie allerdings sicher noch fort. Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb Ostberlin dominant einsprachig (enge, geschlossene Netzwerke im prestigebesetzten Berlinisch), die Berliner im Westteil dagegen wanderten ab, Schwaben dafür ein – und importierten halt, eh, super in die zunehmend verblassende Berliner Varietät. Daher gibt es heute noch ein glockenreines Dialektbiotop im Osten, Dialektkonkurrenz und Mehrsprachigkeit im Westen Berlins.

Wo und wie geht der gärende Hefeteig des wiedervereinigten Berlinisch nun auf? Anders als in Schwaben, wo jeder erst mal Dialekt spricht und dann auch noch Hochdeutsch, scheidet sich die soziale Welt an der Berliner Schnauze. Die bildungs-, kader- und elitenahen Schichten meiden den Berliner Jargon. Lebendig bleibt der Dialekt dagegen in der oralen Kieztradition in bindungsengen Nachbarschaftsverhältnissen, in denen Gefühle ohne intellektuelle Distanz ausgelebt werden. Dies ist oft auch die Welt der Habenichtse und zunehmend eine gemischte Gesellschaft, in der das ethnisch gefärbte Kiezdeutsch Konjunktur hat. Hip-Hop und Rap sind der Spiegel dieser kreativen Welt. Berlin wird zum vielsprachigen Kraken – übereinander und nebeneinander gelagerte mehrsprachige, hochdeutsche, einsprachig-berlinische oder ethnisch gefärbte kiezberlinische Biotope. Variatio delectat – sozial geordnetes, aber kreatives Chaos.

Kreative Ressourcen in der vielsprachigen Kommunikation sind aber nur die Hälfte des Himmels. Nur wenn die Schulen in einer bedrohlich auseinander driftenden (multikulturellen) Gesellschaft kompetent und für alle die Vermittlung grammatisch regelhafter Sprech- und Schreibfähigkeiten garantieren, können vielfältige und erfolgreiche professionelle Welten entstehen. Will die Schule in diesem Sinne erfolgreich sein, muss sie sprachlichen Defiziten bei zweisprachigen Kindern mit hochqualifiziertem und didaktisch umsetzbarem Wissen zuvorkommen – eine kostensparende und intelligenzwahrende Prävention, die sich Senat und Universitäten jetzt etwas kosten lassen sollten.

Der Autor ist Professor für Soziolinguistik an der Freien Universität Berlin. Im Rahmen der Universitätsvorlesung „Babylon Berlin: Sprachenvielfalt“ findet am 18. Juli eine Podiumsdiskussion über „neue Ethnolekte“ in europäischen Großstädten statt (18.15 Uhr, Hörsaal 2, Silberlaube, Thielallee 33).

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