Gesundheit : Umstellungsprobleme erschweren das Bestellen von zu Hause

Martin Raasch

Imma Hendrix hat einen vollen Terminkalender. "Der Vormittag ist vollgestopft mit Konferenzen und Krisensitzungen." Sie ist Leiterin der technischen Abteilung in der Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität. Seitdem hier, zeitgleich mit der Technischen und der Freien Universität, das leihscheinlose Online-Bestellsystem eingeführt wurde, ist die sommerliche Ruhe vorbei. "Wir treffen uns jeden Tag, um die letzten Änderungen im neuen Katalog-System zu besprechen."

Mit dem neuen Online-Katalog versuchen die Berliner Universitätsbibliotheken Anschluss an die Informationstechnologie zu gewinnen. Hiermit können Studenten und Professoren Bücher bequem über das Internet bestellen und erfragen, ob und wie lange die Titel ausgeliehen sind. Zusammen mit dem Kooperativen Bibliotheksverbund Berlin-Brandenburg (KOBV) werden in den nächsten Jahren etwa 800 Bibliotheken in der Region an einen solchen Online-Katalog angeschlossen. Dass die drei Uni-Bibliotheken diesen gerade jetzt umstellen, geschieht nicht nur aus Prestige-Gründen. Die alte Bibliothekssoftware der FU und der TU war nicht in der Lage, mit dem Jahr-2000-Problem umzugehen. "Wir mußten das System am 30. Juni herunterfahren, weil wir sonst Schwierigkeiten mit der Ausleihe bekommen hätten", sagt Professor Ulrich Naumann, Leiter der Uni-Bibliothek der FU. Die Humboldt-Universität wollte mit der technischen Entwicklung Schritt halten. "Wir haben uns den Zeitdruck ein wenig selbst gemacht", erklärt Michael Voss, Leiter der EDV-Abteilung an der Uni-Bibliothek der HU. "Außerdem war es unsere Absicht, das System in den Semesterferien zu starten, da die Benutzerfrequenz hier deutlich geringer ist und ein Bibliothekssystem nie fehlerfrei anlaufen kann. Dafür sind solche Kataloge zu komplex und die Datenmengen zu groß."

Den Zeitdruck spüren die Benutzer in dem großen runden Katalograum in der Dorotheenstraße. Iris Berndt aus Potsdam ist verärgert über die technischen Unzulänglichkeiten, die beim alten Leihschein-System nicht aufgetaucht seien: "Ich bin ein großer Freund der Erleichterungen, die Computer für den Leihverkehr der Bibliotheken bedeuten. Die bisherige Vorgehensweise zeugt jedoch von ungeheurer Arroganz gegen die Benutzer." Sie fordert, die Bestellmöglichkeit mit Leihscheinen parallel zu der neuen Technik wieder einzuführen.

In den ersten Tagen kam es häufiger zu technischen Pannen. So fiel kurzfristig das System aus, die Bibliothekare waren von der Flut der Anfragen überfordert. Außerdem sei die Benutzer-Info in einem unverständlichen EDV-Kauderwelsch abgefaßt, beschwert sich Iris Berndt. Michael Voss aus der EDV-Abteilung rechtfertigt den radikalen Verzicht auf Leihscheine: "Man muß die Nutzer ins kalte Wasser werfen. Irgendwann sollte jeder mit der Benutzung eines Computers vertraut sein."

Bis die alten Kataloge gänzlich verschwinden und jedes Buch über den Online-Katalog zu bestellen ist, wird jedoch noch viel Zeit vergehen. Nur etwa ein Fünftel der Buchbestände der Universitätsbibliothek der HU sind erfasst. An der FU sind es ganze 15 Prozent. Bis dahin müssen die Benutzer mit den Zettel- oder Microfiche-Katalogen arbeiten. Bestellt wird trotzdem via Internet. "Für die Erfassung unseres Katalogbestandes würde eine Person etwa 300 Jahre benötigen", schätzt Ulrich Naumann von der FU-Uni-Bibliothek. Für das kommende Jahr hat er zwanzig ABM-Stellen beantragt, die die Vernetzung mit den Fachbibliotheken übernehmen sollen. "Uns geht es nicht um die Erfassung der Altbestände, sondern darum, dass die neueste Literatur, mit der hauptsächlich gearbeitet wird, vollständig erfasst wird." An der Humboldt-Universität arbeiten derzeit zwanzig ABM-Kräfte an der Eingabe von 250 000 Dissertationen, die bis Jahresende in den Online-Katalog eingespeist werden sollen. Imma Hendrix erklärt: "Eine vollständige Erfassung unserer Bestände, wie sie die Staatsbibliothek vorgenommen hat, kann sich eine Universität derzeit einfach nicht leisten." Den Arbeitsablauf beschleunigt das neue Katalogsystem an der Humboldt-Universität ohnehin kaum. Aus Platzmangel sind die Bestände der Universitätsbibliothek über die ganze Stadt verstreut, können Bücher wegen Personalmangels nur dreimal täglich geliefert werden.Die Kataloge sind online zugänglich unter http://opac.fu(oder hu sowie ub.tu)-berlin.de

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