Gesundheit : Umwelt: Das Klima wartet nicht auf die Menschen

Paul Janositz

Wer kann schon sagen, was in 100 Jahren ist? Eine zuverlässige Perspektive über so einen langen Zeitraum scheint schier unmöglich. Dennoch drehte sich die jüngste Diskussion in der Reihe "Wissenschaft im Dialog" genau um diese Frage. "Worüber würden sich Adam und Eva in 100 Jahren freuen?", wollte Moderator Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur des Tagesspiegel, wissen. Um Antworten bemühten sich die Berliner Professoren Udo Simonis und Rainer Münz sowie Ex-Umweltminister Klaus Töpfer, jetzt Direktor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) in Nairobi.

Der lange Prognosezeitraum sei kein Problem, erklärte Simonis, die Klima-Modelle seien zuverlässig genug. Aus dem Garten Eden vertrieben, sind Adam und Eva mittlerweile im globalen Treibhaus angekommen, sagte der Umweltökonom am Wissenschaftszentrum. Die Klimaerwärmung ist demnach erwiesen, auch wenn sich bestimmte Ereignisse, eine Reihe heißer Sommertage etwa oder ein Orkan, nicht detailliert damit begründen lassen. Es kommt eben auf den Trend an, und der ist eindeutig.

Die letzte Dekade war die wärmste, das Jahr 1998 das heißeste seit Beginn der Aufzeichnungen. Wie heiß es aber am Ende des nächsten Jahrhunderts genau sein wird, das lässt sich noch beeinflussen. Es sei der eigentliche Sinn von Prognosen, Taten zu veranlassen, erklärte Töpfer. Das habe sich beim befürchteten Waldsterben gezeigt, das beispielsweise durch Rauchgasentschwefelungen verhindert werden konnte.

Wird dies auch bei der globalen Erwärmung gelingen? Eine Spannbreite von 1,4 bis 5,6 Grad bis zum Ende des Jahrhunderts hat das IPCC ausgerechnet, das UN-Gremium für Klimaveränderungen. Die untere Grenze gilt bei ökologisch optimalem Verhalten, die obere für völliges "Weiter so".

Die Folgen wären gravierend: schmelzende Gletscher, steigende Meeresspiegel, verheerende Überschwemmungen, mehr Orkane, wachsende Wüsten, Zunahme von Infektionen und Epidemien. Verschärft wird dies durch die wachsende Bevölkerungszahl. Bis zum Jahr 2050 werden mehr als neun Milliarden Menschen auf der Welt leben, prognostizierte Münz, der an der Humboldt-Universität einen Lehrstuhl für Bevölkerungswissenschaften innehat. Europas Einwohnerzahl wird allerdings schrumpfen; das stärkste Wachstum wird es in Afrika geben.

Die Menschen in den ärmsten Ländern werden am meisten vom Treibhauseffekt betroffen sein, gerade die also, die am wenigsten dazu beitragen. Laut Töpfer liegt der jährliche Pro-Kopf-Ausstoß an Kohlendioxid in den USA bei 22 Tonnen, in Europa bei knapp zehn Tonnen und in Indien bei weniger als einer Tonne.

Dementsprechend klar war die Forderung, dass die Industrieländer beim Klimaschutz vorangehen müssen. Schließlich wird dort am meisten Energie verbraucht. Doch an der Ernsthaftigkeit der Umsetzung wurde nicht nur im Publikum gezweifelt. Auch auf dem Podium gab es Skepsis. Was ist davon zu halten, dass US-Präsident Bush die Klimaprognosen erneut wissenschaftlich untersuchen lässt, fragte Giovanni di Lorenzo. Doch Töpfer meinte, auch Washington erkenne den Klimawandel an und akzeptiere, dass er von Menschen verursacht sei. Die amerikanische Akademie der Wissenschaften habe die IPCC-Ergebnisse bestätigt.

Auch für Simonis war klar, dass die USA nicht auf Dauer abseits stehen können. Doch reichen die bisherigen Abkommen aus? Wie soll der Anteil an konkretem Klimaschutz auf Industrie- und Entwicklungsländer verteilt werden? Die bisherigen Schritte, das Abkommen von Kyoto, die jüngste Vereinbarung von Bonn, seien wichtig, wenn sie auch nicht ausreichten.

Die Industrieländer müssten noch mehr reduzieren, die Entwicklungsländer ins Boot geholt werden. "Lasst uns erst reich werden, dann werden wir reduzieren", diese von Töpfer zitierte Devise eines indonesischen Ministers, sei der falsche Weg. Was könnten Anreize sein? Die Preise können es richten, da waren sich die Experten einig, wenn sie die "ökologische Wahrheit" sagen. Eine weitere Möglichkeit sieht Töpfer im Handel mit Emissionsrechten, wie er im Protokoll von Kyoto festgelegt ist. Die Rechte für den Ausstoß von Treibhausgasen könnten gegen Investitionen in klimafreundliche Energiesysteme getauscht werden.

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