Gesundheit : Umwelt und Energie: Die Stärke des Meeres zur Stromgewinnung anzapfen

Gideon Heimann

Während die Wasserkraft an Land bereits reichlich ausgeschöpft ist und bisweilen schon ökologische Probleme bereiten kann (siehe Bericht auf der nächsten Seite), gibt es große Chancen, das Meer und seine vom Wind und der Anziehungskraft des Mondes verursachten Kräfte anzuzapfen. Das Versuchsprojekt "Seaflow" vor der Küste Cornwalls steht - nach langem Warten auf EU-Fördermittel - vor dem Start. "Das Planfeststellungsverfahren läuft", berichtet Jochen Bard vom Institut für Solare Energieversorgungstechnik an der Universität Gesamthochschule Kassel. Er und seine Kollegen sind bei dem Vorhaben für das elektrische Regelungskonzept verantwortlich.

Nun ist die Nutzung der Meereskraft kein allzu neues Ansinnen. Schon seit den 60er Jahren wird zum Beispiel an der bretonischen Küste bei St. Malô der Tidenhub von gut acht Metern ausgenutzt, im Gezeitenkraftwerk La Rance. Diese Anlageprofitiert jedoch davon, dass sich die Atlantikflut vor der Halbinsel Cotentin gleichsam aufstaut und dabei Meerwasser in die Mündung des Flusses Rance kräftig hineindrückt. An anderen Stellen ist die regelmäßige Niveaudifferenz bei weitem nicht so groß. Aber das muss es auch nicht sein. Denn nun sind die Techniker auf eine ganz andere Idee gekommen.

Statt die Wassermengen durch Röhren zu schicken, wo sie ihre Kraft an herkömmliche Turbinen abgeben, sollen nun Installationen in weniger als zehn Meter Meerestiefe angebracht werden, die fast so aussehen wie die Windräder an Land. Allerdings stehen sie in einem weitaus aggessiveren Milieu, müssen also nicht nur die deutlich kräftigeren Schübe des Wassers aushalten, sondern auch das korrosive Salz. Dies wiederum wird die Kosten solcher Anlagen - zumindest anfangs - deutlich erhöhen, bis eine Serienproduktion angelaufen ist.

Mehr als 100 Standorte geeignet

Da das Vorhaben jedoch zukunftsträchtig ist, haben sich Wissenschaftler die Küsten Europas angesehen und theoretisch mehr als 100 geeignete Standorte ausfindig gemacht. Allein an Englands Küsten ließen sich so um die 50 Milliarden Kilowattstunden Strom pro Jahr gewinnen, was etwa einem Zehntel des Verbrauchs in der Bundesrepublik entspricht. Zum Vergleich: Alle erneuerbaren Energiequellen Deutschlands bringen es derzeit auf gut 35 Milliarden Kilowattstunden (Daten aus dem Jahr 2000), darunter stehen die Wasserkraft mit 21 Milliarden und die Windenergie mit 9,1 Milliarden Kilowattstunden obenan.

Die Kraft des Meeres ist im Bereich des Ufers besonders gut einzufangen, vor allem eben am Atlantik sowie in der Ägäis. Für eine Installation an deutschen Küsten eignet sich die Technik nicht so gut, denn Strömungsgeschwindigkeiten von zwei bis drei Meter pro Sekunde werden schon gebraucht, sagt Bard. Andererseits muss man auch aufpassen - so lassen sich die Unterwasser-Rotoren bei drohender Überlast durch die Strömung einfach in Ruhestellung bringen. Daran hatten die Entwickler des ganz anders konstruierten Osprey-Projekts an der schottischen Nordküste 1995 nicht gedacht. Ein Sturm hatte die 300 Meter von der Küste entfernt auf dem Meeresboden installierte Anlage schlicht zerlegt.

"Limpet" und die Meeresluft

Die Ingenieure der englischen Firma Wavegen gingen nach dem Osprey-Erlebnis daher wesentlich vorsichtiger ans Werk, als sie das Wellenkraftwerk "Limpet" planten. Es wurde in diesem Jahr auf der Hebriden-Insel Islay in Betrieb genommen. Hier wirkt die Wasserkraft nur indirekt auf ein System, das einer kommunizierenden Röhre gleicht. Mit der Bewegung der Wassersäule darin wird Luft hin und her gedrückt, die ihrerseits eine Turbine antreibt. Der harte Kontakt mit dem Wasser bleibt ihr also erspart. Überdies steht die Anlage direkt am Ufer, sie bietet daher insgesamt wesentlich weniger Angriffsfläche für allzu starke Wellen.

Gewonnen wird hierdurch freilich nur eine Leistung von 500 Kilowatt, das reicht aus, um etwa 400 der rund 1400 Haushalte auf der Insel (mit 3200 Einwohnern) zu versorgen.

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